Vorwort zur Saison 2014/2015


Bernd Loebe - Foto: Maik Scharfscheer
Liebe Opernfreunde,

vordergründig betrachtet handelt es sich hier um eine weitere Einladung zu einer wohlwollenden Begleitung einer neuen Spielzeit. Es wird eine äußerst lebendige Saison sein, eine, die die Lebenskraft der Oper schlechthin zum Ausdruck bringt, und eine, mit der sich begründen lassen wird, warum die Oper Frankfurt mit ihren eigenen Leitlinien Interesse findet: beim Publikum, bei den Medien, regional, national wie international. Diese Zeilen werden gerade an jenem Tage geschrieben, an dem ein sogenanntes Referendum über den "Anschluss" der Krim an Russland "entscheiden" soll. Schon das Wort "Anschluss" lasst einen erschaudern. Und sogleich ist ein erster programmatischer Ansatz gefunden: Mit der Oper Die Passagierin des Schostakowitsch-Schulers und -Freundes Mieczysław Weinberg tauchen wir ein in die Unmöglichkeit der Vergangenheitsbewältigung. Auf einer Schiffsuberfahrt 1959 nach Brasilien scheint eine ehemalige Lagerinsassin jene Gegenspielerin zu erkennen, von der sie mit vielen anderen zusammen schikaniert und gefoltert worden war. Mit Rückblenden sind wir im Lager, dann wieder auf dem Schiff, bei einer Musik, die an die Bizarrerien von Schostakowitsch erinnert, die die Ausweglosigkeit der Situation, aber durch meloshafte Anklange auch Hoffnungsschimmer durchscheinen lasst: ein Meisterwerk, das erst 2010 bei den Bregenzer Festspielen wiederentdeckt worden war und erstmals in Frankfurt zu sehen sein wird.
Zwei Auftragswerke sind ähnlich wichtig: Mit den Sirenen, dem – man kann sagen – Lebensthema des Komponisten Rolf Riehm, wird auf musikalisch-theatralische Weise der Weg zwischen Leben und Tod abgeschritten. Über mehrere Jahre hat das von mir zusammengestellte Team während des Schaffensprozesses Schritt für Schritt gemeinsam bedacht und sich in erstaunlich konstruktiver Weise "einem" möglichen Ergebnis genähert. War hier der Anlass in weiter Ferne angesiedelt und die Aufgabe gestellt, dieses Ur-Thema unserer Gegenwart näherzubringen, so war der "Auftrag" bei der zweiten Uraufführung klarer. Lior Navok, der israelische Komponist, sollte eine neue Art West Side Story schreiben; natürlich vor dem nicht enden wollenden Konflikt in und an seiner Heimat. Eine Geschichte, die sich leider fast in der ganzen Welt wiederholen kann, ganz bestimmt aber An unserem Fluss zwischen Israel und dem anderen Staat, der Palastina heißen konnte.
Wenn man so will, sind wir in dieser Spielzeit besonders "aktuell". Was heißt das aber für die anderen Werke? Bedeutet das etwa, dass die Märchenwelt von Hänsel und Gretel uns Erwachsene nicht traumatisch belasten, uns verfolgen kann, selbst wenn wir dem jugendlichen Alter entwachsen sind? Keith Warner wird in seiner Inszenierung nicht nur zwei junge Menschen Hand in Hand durch den Märchenwald wandern lassen, sondern auch zeigen, was aus ihnen wird – ... später. Und er befindet sich damit in guter Gesellschaft mit Tina Lanik, die sich dem Unbewussten Aminas in La sonnambula annimmt. Dabei dürfen wir uns über die nicht enden wollenden Melodiegirlanden Bellinis freuen und vor allem auf Brenda Rae in einer neuen Paradepartie.
Auch die 1656 uraufgeführte Karnevalsoper L’Orontea von Antonio Cesti ist kein bekannter "Repertoireschinken". Eigens für unsere Wiederentdeckung wurde eine neue Fassung verlagsakribisch herausgebracht, und Ivor Bolton gibt sein Frankfurt-Debut! So musste ich doch spätestens jetzt zu den bekannten Titeln kommen: Mitnichten! Natürlich ist die Julietta von Martinu ein Meisterwerk, aber aus welchen Gründen auch immer keine Selbstverstündlichkeit im allgemeinen Spielplan! Geradezu eine Unverschämtheit der Autoren, uns bis in die letzten Zeilen des Werkes darüber im Unklaren zu lassen, wo wir eigentlich "sind": im Hier und Jetzt oder im Surrealen. Hier aber liegt gerade die Genialität dieses autarken Werkes. Eine Zwischenetappe zum Populären hin mit der Euryanthe von Weber. Natürlich klingt es schon jetzt in den Ohren: wunderbare Musik, unmögliches Libretto. Aber dieser erstaunliche Vorläufer des Lohengrin birgt so viele Schönheiten, dass wir uns gerne mit allen Gefahren der Schatzsuche hingeben!
Als Claus Guth ein sogenannter "Wurf" mit seiner Daphne-Deutung gelang, war das Angebot für einen neuen Rosenkavalier, wie aus der Hufte geschossen, da. Und nachdem Sebastian Weigle uns mit Die Frau ohne Schatten, Daphne, Arabella und Ariadne auf Naxos viele Glücksstunden beschert hat, können wir uns sicherlich mit guten Gründen auf diese Neuproduktion freuen.
Was wurde außer Acht gelassen? Eine neue Poppea im Depot, die einen Monteverdi-Zyklus ebendort abschließen wird; eine kostümiert-konzertante Csárdásfürstin im Großen Haus, die am Silvesterabend für gute Laune sorgen wird; eine konzertante Ägyptische Helena, die unsere Lust auf Strauss offenbart. Unser Ensemble ist inzwischen von derartigem Niveau, dass nur noch in Ausnahmefallen illustre Gaste zur Komplettierung geladen werden, wie etwa die Countertenore Franco Fagioli und Lawrence Zazzo, wie Christiane Karg oder Amanda Majeski. Terje Stensvold verabschiedet sich von uns als Barak und von den Buhnenbrettern überhaupt: Unsere Wiederaufnahme der Frau ohne Schatten mit ihm ist ein Muss! Wie das Debut von Maria Agresta in Simon Boccanegra. Erstklassige Sanger komplettieren unser Ensemble: die Ausnahme-Soprane Louise Alder und Sara Jakubiak, der aus dem MET-Lindemann-Programm entspringende Tenor Mario Chang (Debut als Rodolfo gleich im September), schließlich ein bezaubernder Mezzosopran aus der Slowakei, Judita Nagyova, entdeckt bei den gescheiten Kollegen in Nürnberg. Unser fabelhaftes Orchester darf sich auf eine Liste bewahrter Dirigenten freuen und auf Debuts von Jeremie Rhorer, Patrick Lange, Alexander Soddy. Stefan Soltesz kehrt nach sehr langer Pause zurück.
Noch stärker als in den vergangenen Jahren setzen wir bei den Regisseuren auf den Nachwuchs. Bei genauerem Hinsehen machen diese Engagements Sinn: Tina Lanik, Hausregisseurin am Bayerischen Staatsschauspiel München, wurde 2003 vom Magazin "Theater heute" zur besten Nachwuchsregisseurin gewählt, Florentine Klepper hat schon bei den Osterfestspielen in Salzburg mit Christian Thielemann Arabella gemacht (und bei uns im Depot eine Telemann-Oper), Beate Baron gehort seit vielen Jahren zum engen Mitarbeiterstab von Hans Neuenfels, Walter Sutcliffe reussierte im Depot mit Owen Wingrave und der Gespenstersonate. Tobias Heyder, Corinna Tetzel und Ute M. Engelhardt haben über viele Jahre engagiert und verantwortungsbewusst bei uns gearbeitet und verdienen ein Upgrade.
Viele Gespräche im Foyer, vor den Vorstellungen und in den Pausen, haben uns Mut zu diesem Programm gemacht. Das Frankfurter Opernpublikum ist unserem Weg gefolgt: Das sogenannte gängige Repertoire sollte befragt sowie ausgedehnt werden, und das auf der Basis einer bestmöglichen musikalischen Realisierung. Mitglieder des Frankfurter Ensembles gastieren an internationalen Buhnen und bekennen sich weiterhin zu "ihrer künstlerischen Heimat" – zur Oper Frankfurt. Dies ist keine Selbstverständlichkeit in Zeiten, in denen das Ensemble totgeschrieben und -geschrien wird. Insofern arbeiten wir auch ein wenig gegen die Zeit. Wir können das in der nächsten Spielzeit nur tun – bei doch erheblichen Einschränkungen im Budget aufgrund städtischer Vorgaben, wenn wir Preise bei Einzelkarten wie Abonnements anheben.
Es klingt martialisch, wenn wir hier von 15 bis 20% Erhöhung sprechen. Es erscheint dann doch mit Augenmaß, wenn wir unsere Preise mit denen anderer, ähnlich strukturierter Opernhäuser vergleichen. Es geht letztlich um Qualität, nicht um verschleudertes Geld, nicht um unverhältnismäßig hohe Gagen für Regisseure, Dirigenten oder Sanger, Bühnenbilder oder Kostüme. Hier wird mit Bedacht gearbeitet, alles unterliegt regelmäßigen Kontrollen. Insofern ist Ihr Geld nach wie vor gut angelegt! Vertrauen Sie uns, kommen Sie weiter zu uns, entdecken Sie Werke, die Sie nicht kennen, aber kennen sollten, hören und sehen Sie Werke wieder, die zu Recht das sogenannte Kernrepertoire seit Jahrhunderten bilden und auch in Zukunft ausmachen werden. Verfolgen Sie den Weg unseres Ensembles, unseres Chores (unter dem neuen Chordirektor Tilman Michael) und unseres erstrangigen Orchesters. Die Zusammenarbeit mit Sebastian Weigle ist ein Glück.

Mit allen Kolleginnen und Kollegen zusammen freue ich mich auf diese Spielzeit 2014/15!
Ihr
Liebe Freunde der Oper Frankfurt, liebes Publikum,

ich darf Sie ganz herzlich begrüßen und mit Ihnen einen kleinen Einblick in die neue Spielzeit mit Neuem und Bekanntem, vor allem aber auch mit Langerwartetem, wagen.

Freunde hatten mich schon nach der Premiere der Königskinder darauf angesprochen: "Wann machst du denn endlich auch in Frankfurt Hänsel und Gretel?" Denn obwohl das Werk in Deutschland auf Platz 1 als meistgespielte Oper steht, musste das Frankfurter
Publikum zwölf Jahre lang auf eine Aufführung dieses wunderbaren Märchens verzichten. Nun ist es sicher nicht dieser einzelnen Nachfrage zu verdanken, dass Bernd Loebe und ich uns entschlossen haben, das Stuck wieder auf den Spielplan zu nehmen – vielmehr spiegelt dies den innigen Wunsch eines breiten Publikums wider! So freue ich mich jetzt auf die Zusammenarbeit mit Keith Warner, mit Publikumsliebling Johannes Martin Kränzle als Peter, der Besenbinder, sowie der Frankfurterin Katharina Magiera und der Rückkehrerin Christiane Karg, die ihre Debuts als Hänsel bzw. Gretel geben werden.

"Ich meine, ganz Unrecht hat ein Publikum ja nie", schrieb schon Hugo von Hofmannsthal, Librettist zu einer weiteren lang erwarteten Oper. Ich erinnere mich an einen Gästebucheintrag nach der Premiere von Ariadne auf Naxos: "Was für ein unvergesslicher Abend! Da bleibt nur noch eine Frage: Wann bekommen Herr Weigle und das Frankfurter Publikum endlich den Rosenkavalier?" Jetzt können wir Ihnen eine Antwort geben: am 24. Mai 2015! Und auch hier freue ich mich auf die erneute Zusammenarbeit mit einem herausragenden Regisseur: Claus Guth. Gerne denke ich an unsere gemeinsame Daphne zurück!

Meine dritte Premierenproduktion reiht sich dann in die Riege des Neuen ein: Martinus Julietta wird uns mit ihrer zwischen Realität und Surrealität hin und her springenden Handlung verwirren und uns in eine Klangwelt zwischen Debussys Impressionismus und der "Neuen Musik" seiner Zeitgenossen Schonberg und Strawinsky entfuhren.

Blicken wir dann noch auf die Wiederaufnahmen im Großen Haus, findet sich sicherlich für jeden Geschmack der passende Anlass, wieder einmal in die Oper zu
kommen: von La Bohème über Don Giovanni bis hin zum Parsifal. Dazu möchte ich Sie ganz herzlich bewegen und wünsche Ihnen viele angenehme und anregende Stunden in unserem Opernhaus.

Ihr
November
MO DI MI DO FR SA SO
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Operntag
Samstag 23.11.2013 11:00 Uhr
Opernhaus

DIE ZAUBERFLÖTE
Wolfgang Amadeus Mozart
Samstag 23.11.2013 19:00 Uhr
Opernhaus

Nächste Premiere:


L'INCORONAZIONE DI POPPEA
Claudio Monteverdi
Samstag 20.12.2014 18:30 Uhr
Bockenheimer Depot
 
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