Mit den hier aufgeführten Pressestimmen dokumentiert die Oper Frankfurt grundsätzlich nicht die Kritiken in ihrer Gesamtheit. Vielmehr handelt es sich lediglich um eine Auswahl der erschienenen Rezensionen bzw. um Zitate daraus.
INHALTSVERZEICHNIS
- Vorwort zur Saison
- Spielplan
- Premieren
- Wiederaufnahmen
- Der Ring des Nibelungen
- Liederabende
- Konzerte
- Oper Finale
- Sonderveranstaltungen
- Kinder- und Jugendprogramm
- Opernstudio
- Abonnement
Pressestimmen zu den Premieren, Wiederaufnahmen und Liederabenden der Oper Frankfurt in der Saison 2011/2012
- GÖTTERDÄMMERUNG, Premiere vom 29. Januar 2012
- Liederabend ANDREAS SCHOLL vom 24. Januar 2012
- DIE FLEDERMAUS, Wiederaufnahme vom 17. Dezember 2011
- TOSCA, Wiederaufnahme vom 09. Dezember 2011
- OTELLO, Premiere vom 04. Dezember 2011
- SIEGFRIED, Premiere vom 30. Oktober 2011
- COSÌ FAN TUTTE, Wiederaufnahme vom 03. September 2011
Götterdämmerung, Premiere vom 29. Januar 2011
Mit der Götterdämmerung hat die Oper Frankfurt nun auch das letzte der vier Werke aus dem Ring des Nibelungen von Richard Wagner auf die Bühne gebracht. Werbung machen muss man für diese Produktion wahrlich nicht mehr: Zum einen hat es sich unter Opernfans herumgesprochen, dass der Frankfurter Ring-Zyklus keinen Vergleich zu scheuen braucht, weder mit Bayreuth noch mit anderen großen Opernhäusern. Zum anderen sind sämtliche Karten für die zwei Durchläufe in dieser Spielzeit bereits vergriffen.
(...)
Zu Recht, möchte man sagen, nachdem Dirigent Sebastian Weigle und Regisseurin Vera Nemirova am Sonntagabend den vierten und letzten Teil des Mammutwerks auf die Bühne gebracht haben. Die Götterdämmerung setzte einen absolut überzeugenden Schlusspunkt.
(...)
Johannes Martin Kränzle – von der Zeitschrift "Opernwelt" kürzlich zum "Sänger des Jahres" gewählt – (Gunther) und Gregory Frank (Hagen) dürften als Halbbrüder-Paar kaum zu toppen sein. Herausragend wie immer der Chor, textverständlich wie eine einzige Stimme. Susan Bullocks Stimmgewalt kann auch nach kräftezehrenden fünfdreiviertel Stunden noch überzeugen. Am Ende wirft sie die lodernde Flamme ins Publikum, ein greller Blitz blendet die Zuschauer. Die Götter und Helden, die glitzernden Rheintöchter und die langhaarigen Nornen, die Opfer und die Täter dieser Geschichte bestaunen von der Bühne aus den imaginierten Weltuntergang im Parkett: Walhall, das sind wir.
Sandra Trauner (dpa), Welt Kompakt
(...) Und anders als die aus der Götterwelt herübergekommene Waltraute, deren Besuch bei Brünnhilde dank Claudia Mahnke zum Ereignis wird, sind auch die Rheintöchter (wiederum vorzüglich besetzt mit Britta Stallmeister, Jenny Carlstedt und Katharina Magiera) junge Frauen von heute; indem sie sich mit Transparent und Megafon für die Rettung des Rheins starkmachen, bringen sie ein Stück Lebenswelt ins Spiel (...).
(...) Wenn es eine Signatur für den neuen Frankfurter Ring gibt, dann ist es die von Menschlichkeit und Empathie. (...)
Peter Hagmann, Neue Zürcher Zeitung
(...) Die Götterdämmerung ist auch ein wunderbarer Anlass für Schlusstableaus. Als all die Götter und die bösen und die naiven Helden gestorben sind, stehen die Menschen und einige ihrer Derivate zusammen auf der Bühne und schauen angespannt nach oben ins Leere. Diese spannende Leere ist die Zukunft. Die Zukunft, sagt Nemirovas Inszenierung, ist ungewiss, weil sie im Verantwortungsbereich der Menschen liegt, einer wenig verlässlichen Spezies: vernunftbegabt, aber lügenhaft; zu moralischen Urteilen fähig, aber keineswegs zum Guten und Richtigen prädestiniert; mit der Chance zum Weitblick ausgestattet, aber ständig in Spontaneitäten, Details und Intrigen verstrickt. Es liegt keine Emphase in diesem Schlusstableau, eher eine angespannte Ratlosigkeit und kollektive Einsamkeit im Kosmos der Ungewissheiten.
Die arbeitsintensive Herstellung dieser Ratlosigkeit war Gegenstand der Ring-Tetralogie, darum ist das Schlusstableau auch eine Versammlung derer, die diese Arbeit fürs Publikum getan haben. Was sich damit auf der Bühne auch konzentriert, ist der Rückblick auf eine eindrucksvolle Ring-Sequenz und ihre Darsteller, die zusammen dem Frankfurter Ring den Rang einer Referenz-Inszenierung geben. Anders gesagt: An diesem Niveau, das die Oper Frankfurt hier zeigt, was die Stringenz und Präzision der Inszenierung, die Universalität des Bühnenbildes (Jens Kilian), die Transparenz, Elastizität und Präsenz der Orchesterarbeit (Sebastian Weigle) betrifft, kann sich das deutsche Musiktheater im kommenden Wagner-Jahr orientieren.
(...)
Es ist ein Ring, der pathetisch anfing, sich in der Folge mit ironischen Momenten anzureichern unternahm – und im Siegfried vielleicht ein wenig damit übertrieb – und nun in einem stilistischen Aggregatzustand angelangt ist, in dem Diminutive wie die heimeligen Teelichter, die idyllisch den Walkürenfelsen umlodern, oder das 30-Zentimeter-Stockmaß des Rosses Grane freundlich bereichernde Stilbrüche sind. Und es ist ein Ring, der sängerisch seinesgleichen sucht, in dem nicht nur jeweils die zwei, drei zentralen Partien bestens besetzt sind, sondern das Ensemble. (...)
Hans-Jürgen Linke, Frankfurter Rundschau
Es ist Eure Katastrophe
An der Frankfurter Oper vollendet die Götterdämmerung den besten Ring weit und breit
Konventionell, originell, sensationell: Frankfurt hat mit der Götterdämmerung den Ring des Jahres vollendet.
Die Rheintöchter nehmen Siegfried ein Stück mit in ihrem Schlauchboot. Nur gut, dass es groß genug ist, neben vier Personen auch noch ein Megafon und das Protestplakat "Rettet den Rhein" zu tragen. Auf Jens Kilians Bühnenscheibe geht es für die lustige Gesellschaft flott voran, doch beides bleibt die Ausnahme: Weder Gags noch Technik stehen bei der Frankfurter Götterdämmerung im Vordergrund. Das hat diese nun vollendete Version vom Ring des Nibelungen nicht nötig, der unter vielen Ringen kurz vorm Wagner-Jahr 2013 die Krone gebührt.
(...)
Lance Ryan als Siegfried und Susan Bullocks Brünnhilde bilden ein Traumpaar, das wie von selbst aus Zärtlichkeit und Schwelgerei den Hass entstehen und hören lässt, der sich in der höllisch schweren Passage nach dem Doppel-Eid Bahn bricht. Stufenlos schalten beide zwischen Schmelz und Schärfe; keine Spur von Verschleiß auch nach fast sechs Stunden.
Beide stehen für ein Ensemble, das diesen Ring in die Weltliga katapultiert hat. Immer wieder gibt es ausschließlich positive Überraschungen. So muss Johannes Martin Kränzle den Gunther als bebrillte Witzfigur im Anzug spielen, die im Finale nicht mal erschlagen, sondern nur weggeschubst wird. Doch er will und kann mehr: In vielen Schattierungen zeigt der Bariton die mit Kraft unterfütterte Schönheit des Schwächlings, der von allen Beteiligten am menschlichsten wirkt. Einzig Anja Fidelia Ulrich als Gutrune kann ihm hier folgen; der betrogenen Betrügerin verleiht sie mit schlanker, beweglicher, geradezu verletzlicher Stimme Format.
Das Böse bleibt in Frankfurt lange Zeit in Reserve. Gregory Frank unterspielt seinen Hagen in der Gibichungen-Bar, lässt sich dann aber um so wirkungsvoller zum Ausbruch hinreißen, zum Beispiel im martialischen Hochzeitsruf, dem mehr als 50 Chor-Männer Bärenstärke verleihen. Zusammen mit dem bewährten Alberich Jochen Schmeckenbecher bietet Frank eine schauspielerische Glanzleistung der Dunkelmänner. Seine Bezwinger, die Rheintöchter, sind einmal mehr betörend.
Auf Flut und Feuer folgen in Frankfurt Applaus-Orkanböen für das Opern- und Museumsorchester. Unter Sebastian Weigles lebhaften Anweisungen, die aus Details große Zusammenhänge schöpfen, zimmern die Musiker die jeweilige Klang-Kulisse für große Gefühle und Gemeinheiten. Edel-Metall, Streicherflirren und die Süße der Holzbläser vereinen sich zur Wagner-Wertarbeit: molto espressivo, supersauber und weitgehend fehlerfrei. (...)
Christian Knatz, Darmstädter Echo
(...) Wer erleben will, wie ein vieldimensionales, kraftvolles und dabei exzellent bespielbares Bühnenbild dem Musiktheater neue Räume öffnen kann, der sollte sich Jens Kilians geniale Gestaltung des Frankfurter Rings nicht entgehen lassen. (...)
Susanne Benda, Stuttgarter Nachrichten
Frankfurt hat als erstes der großen deutschen Opernhäuser seine Neuproduktion des Rings des Nibelungen im Hinblick auf das Wagnerjahr 2013 abgeschlossen. Die Premiere der Götterdämmerung am Sonntag war Endpunkt einer dank Generalmusikdirektor Sebastian Weigle am Pult musikalisch bisweilen grandiosen und in der Regie von Vera Nemirova szenisch schlüssigen Lesart von Wagners Hauptwerk.
(...) Ihre stärksten Augenblicke hat sie [die Inszenierung], wenn sie auf die Personen konzentriert ist. Aufwühlender als in Frankfurt hat man Siegfrieds Tod selten gesehen: Er stirbt in Gunthers Armen (herausragend: Johannes Martin Kränzle), der kurz zuvor realisiert, welche Schuld er auf sich geladen hat, indem er Hagens (sehr souverän: Gregory Frank) Intrige zuließ. Schluchzend sitzt er während der Trauermusik auf der Bühne, wissend, welch ein Verlust Siegfrieds Tod ist. War dieser doch die Verheißung eines besseren Menschen, einer besseren Welt. Und ist doch an der Größe dieser Aufgabe gescheitert. Siegfried mag ein Held sein, ein Messias ist er nicht. Und das ist auch gut so, selbst wenn man wie Gunther darüber verzweifeln möchte.
(...)
Fazit: Der Frankfurter Ring ist ein Maßstab, an dem sich andere große Wagner-Häuser werden messen lassen müssen. Nächsten Samstag startet München. Und Bayreuth muss 2013 Farbe bekennen.
Frank Pommer, Die Rheinpfalz
(...) Unangefochten Spitze die Leistung der Chöre, schlagkräftig in der Einstudierung von Matthias Köhler. Und vor allem die der Musiker unter Sebastian Weigle, der bei den Streichern seidig nuanciertes Spiel hervorlockte, die dramatischen Steigerungen mit knallharten Eruptionen bestückte, die Bläser herrliche Soli spielen ließ (ein Blechpatzer war schnell vergessen) und insgesamt mit einer höchst dynamischen Klangwelt akustischen Wagner-Zauber produzierte, der für sich allein ein Erlebnis darstellte. Zum abgestuft jubilierenden Schlussbeifall für Protagonisten und Regieteam kam das gesamte Ensemble aus dem Orchestergraben und konnte sich über ein verdientes Ovations-crescendo freuen. Ein Ring, der auch in diesem Sinne Maßstäbe setzt. (...)
Olga Lappo-Danilewski, Gießener Allgemeine Zeitung
(...) Gemeinsam mit Gunther und Hagen schmiedet Brünnhilde alsbald Rachepläne, markiert auf einem Männerhemd mit rotem Lippenstift Siegfrieds verwundbare Stelle – worauf sie am Bar-Tresen erst mal einen Magenbitter runterkippen muss. Es sind solche tragikomischen Nebenschauplätze, die Vera Nemirovas feinfühlig ausgearbeiteten Ring-Zyklus in Frankfurt so menschelnd sehenswert machen – ob es der Versager Gunther ist, dem auch noch beim simplen Zigarette anzünden das Feuerzeug versagt. Oder die Rheintöchter, die, Aktivistinnen-Anorack über fischschuppigen Luxus-Glitzerkleid, im Schlauchboot Megaphon und Plakate schwenken, um – Rettet den Rhein! – für die Natur zu kämpfen.
Ursula Böhmer, www.klassikinfo.de
(...) Sebastian Weigle lässt das hervorragend disponierte Museumsorchester frei aufspielen. Dabei klingt sein Wagner trotzt aller nötigen Wucht etwa im Trauermarsch
jederzeit plastisch und transparent. Beängstigend mächtig sind die von Matthias Köhler einstudierten Männerchöre, ergreifend die Waltrauten-Erzählung von Claudia Mahnke, prächtig der Hagen von Gregory Frank. (...)
Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg
(...) Zum utopisch hoffnungsvoll aufleuchtenden Erlösungs- oder Liebesmotiv – erinnert sei an die Arbeiterschaft in Chéreaus Bayreuther "Jahrhundert-Ring" von 1976 – traten bei Nemirova nun alle Bühnenfiguren der Tetralogie an den Scheibenrand mit der unüberhörbar sichtbaren Frage an uns: Und was macht ihr aus eurer Welt? – Wagners Ring-Parabel war im Jahr 2012 angekommen.
Wolf-Dieter Peter, Neue Musikzeitung (www.nmz.de)
Macht es besser als wir!
Mit einer überragenden Götterdämmerung schließt die Frankfurter Oper Wagners Ring
Mit einer grandiosen Regisseurin Vera Nemirova, einem glänzenden Ensemble und Sebastian Weigle am Pult setzt diese Inszenierung Maßstäbe.
(...) Musikalisch gelingt der Abend hochkonzentriert, atemberaubend. So wie kein Nebel die Szene trübt und niemand unbeachtet herumsteht, hemmt kein verwaschener Klang, beansprucht kein Getöse Macht über die Architektur des Kunstwerks. Das famos aufspielende Orchester schlüsselt es auf und fördert vielschichtige Erkenntnis. In einer Form, die ergreift, anrührt, sich aber auch genießen lässt. Ein paar Buhs für die Regie mischen sich in den starken Beifall – mit diesem Ring schmiedet die Frankfurter Oper Musikgeschichte.
Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse
Die Latte für den Jubiläums-Ring hängt hoch
Mit der Götterdämmerung schließt sich in Frankfurt die Neuinszenierung von Richard Wagners Tetralogie. Es ist ein Triumph für das Orchester unter Sebastian Weigle und Regisseurin Vera Nemirova (...).
Nie hätte ich gedacht, dass man die ergreifende Wirkung noch potenzieren kann, die die stumm fragenden und trauernden Menschen in Alltagskleidung zu Siegfrieds Trauermusik in Patrice Chéreaus "Jahrhundert-Ring" von 1976 bis 1980 in Bayreuth auslösten. In Frankfurt schafft das einer ganz allein: Johannes Martin Kränzle, der als Gunther zwar zu spät merkt, was er mit angerichtet hat, aber – anders als heutige Realpolitiker – seine Fehler einsieht und sichtlich schwer daran trägt.
Da ist also endlich einer, der nicht nur das zugibt, was ohnehin jeder längst weiß. Sondern erkennen lässt, dass er schuldig geworden ist. Gunther, der jämmerlich dekadente Herrscher im Reich der Gibichungen, hat fassungslos dem langen Sterben seines hinterrücks gemordeten Schwagers Siegfried zugesehen und hört fassungslos auch über sich selbst, was Richard Wagner im Orchestergraben dazu zu sagen hat. Was sich im Gesicht und dem zusammengesunkenen Körper dieses phänomenalen Sängerdarstellers abspielt, ist ein Musterbeispiel für die kathartische Wirkung von Musiktheater.
(...)
Ein paar Hornkieksern zum Trotz darf das Frankfurter Opern- und Museumsorchester sich jetzt auch unter Sebastian Weigle zu jenen Klangkörpern zählen, die eine Ring-Interpretation realisieren, die es in sich hat. Wie klug und virtuos sich immer wieder Einzelstimmen aus dem verästelten Kosmos herausschälen und kommentierend sprechen, wie einfühlend, mitfühlend, enthüllend und entlarvend diese Musik sein kann, wird hier zum Ereignis.
Gut möglich, dass auch Vera Nemirovas Inszenierung diesen Rang erreicht, wenn im Juni und Juli alle vier Teile zyklisch aufgeführt werden und die glücklichen Zuschauer, die Karten bekommen haben, ohne große Unterbrechungen erleben können, dass hier sehr ernsthaft der schwierige Versuch unternommen wurde, einen Ring aus einem Guss zu schmieden. Die Latte fürs Wagner-Jubiläumsjahr 2013 hängt jetzt ziemlich hoch, Bayreuth muss sich in Acht nehmen.
Monika Beer, Fränkischer Tag
(...)
Zu Recht, möchte man sagen, nachdem Dirigent Sebastian Weigle und Regisseurin Vera Nemirova am Sonntagabend den vierten und letzten Teil des Mammutwerks auf die Bühne gebracht haben. Die Götterdämmerung setzte einen absolut überzeugenden Schlusspunkt.
(...)
Johannes Martin Kränzle – von der Zeitschrift "Opernwelt" kürzlich zum "Sänger des Jahres" gewählt – (Gunther) und Gregory Frank (Hagen) dürften als Halbbrüder-Paar kaum zu toppen sein. Herausragend wie immer der Chor, textverständlich wie eine einzige Stimme. Susan Bullocks Stimmgewalt kann auch nach kräftezehrenden fünfdreiviertel Stunden noch überzeugen. Am Ende wirft sie die lodernde Flamme ins Publikum, ein greller Blitz blendet die Zuschauer. Die Götter und Helden, die glitzernden Rheintöchter und die langhaarigen Nornen, die Opfer und die Täter dieser Geschichte bestaunen von der Bühne aus den imaginierten Weltuntergang im Parkett: Walhall, das sind wir.
Sandra Trauner (dpa), Welt Kompakt
(...) Und anders als die aus der Götterwelt herübergekommene Waltraute, deren Besuch bei Brünnhilde dank Claudia Mahnke zum Ereignis wird, sind auch die Rheintöchter (wiederum vorzüglich besetzt mit Britta Stallmeister, Jenny Carlstedt und Katharina Magiera) junge Frauen von heute; indem sie sich mit Transparent und Megafon für die Rettung des Rheins starkmachen, bringen sie ein Stück Lebenswelt ins Spiel (...).
(...) Wenn es eine Signatur für den neuen Frankfurter Ring gibt, dann ist es die von Menschlichkeit und Empathie. (...)
Peter Hagmann, Neue Zürcher Zeitung
(...) Die Götterdämmerung ist auch ein wunderbarer Anlass für Schlusstableaus. Als all die Götter und die bösen und die naiven Helden gestorben sind, stehen die Menschen und einige ihrer Derivate zusammen auf der Bühne und schauen angespannt nach oben ins Leere. Diese spannende Leere ist die Zukunft. Die Zukunft, sagt Nemirovas Inszenierung, ist ungewiss, weil sie im Verantwortungsbereich der Menschen liegt, einer wenig verlässlichen Spezies: vernunftbegabt, aber lügenhaft; zu moralischen Urteilen fähig, aber keineswegs zum Guten und Richtigen prädestiniert; mit der Chance zum Weitblick ausgestattet, aber ständig in Spontaneitäten, Details und Intrigen verstrickt. Es liegt keine Emphase in diesem Schlusstableau, eher eine angespannte Ratlosigkeit und kollektive Einsamkeit im Kosmos der Ungewissheiten.
Die arbeitsintensive Herstellung dieser Ratlosigkeit war Gegenstand der Ring-Tetralogie, darum ist das Schlusstableau auch eine Versammlung derer, die diese Arbeit fürs Publikum getan haben. Was sich damit auf der Bühne auch konzentriert, ist der Rückblick auf eine eindrucksvolle Ring-Sequenz und ihre Darsteller, die zusammen dem Frankfurter Ring den Rang einer Referenz-Inszenierung geben. Anders gesagt: An diesem Niveau, das die Oper Frankfurt hier zeigt, was die Stringenz und Präzision der Inszenierung, die Universalität des Bühnenbildes (Jens Kilian), die Transparenz, Elastizität und Präsenz der Orchesterarbeit (Sebastian Weigle) betrifft, kann sich das deutsche Musiktheater im kommenden Wagner-Jahr orientieren.
(...)
Es ist ein Ring, der pathetisch anfing, sich in der Folge mit ironischen Momenten anzureichern unternahm – und im Siegfried vielleicht ein wenig damit übertrieb – und nun in einem stilistischen Aggregatzustand angelangt ist, in dem Diminutive wie die heimeligen Teelichter, die idyllisch den Walkürenfelsen umlodern, oder das 30-Zentimeter-Stockmaß des Rosses Grane freundlich bereichernde Stilbrüche sind. Und es ist ein Ring, der sängerisch seinesgleichen sucht, in dem nicht nur jeweils die zwei, drei zentralen Partien bestens besetzt sind, sondern das Ensemble. (...)
Hans-Jürgen Linke, Frankfurter Rundschau
Es ist Eure Katastrophe
An der Frankfurter Oper vollendet die Götterdämmerung den besten Ring weit und breit
Konventionell, originell, sensationell: Frankfurt hat mit der Götterdämmerung den Ring des Jahres vollendet.
Die Rheintöchter nehmen Siegfried ein Stück mit in ihrem Schlauchboot. Nur gut, dass es groß genug ist, neben vier Personen auch noch ein Megafon und das Protestplakat "Rettet den Rhein" zu tragen. Auf Jens Kilians Bühnenscheibe geht es für die lustige Gesellschaft flott voran, doch beides bleibt die Ausnahme: Weder Gags noch Technik stehen bei der Frankfurter Götterdämmerung im Vordergrund. Das hat diese nun vollendete Version vom Ring des Nibelungen nicht nötig, der unter vielen Ringen kurz vorm Wagner-Jahr 2013 die Krone gebührt.
(...)
Lance Ryan als Siegfried und Susan Bullocks Brünnhilde bilden ein Traumpaar, das wie von selbst aus Zärtlichkeit und Schwelgerei den Hass entstehen und hören lässt, der sich in der höllisch schweren Passage nach dem Doppel-Eid Bahn bricht. Stufenlos schalten beide zwischen Schmelz und Schärfe; keine Spur von Verschleiß auch nach fast sechs Stunden.
Beide stehen für ein Ensemble, das diesen Ring in die Weltliga katapultiert hat. Immer wieder gibt es ausschließlich positive Überraschungen. So muss Johannes Martin Kränzle den Gunther als bebrillte Witzfigur im Anzug spielen, die im Finale nicht mal erschlagen, sondern nur weggeschubst wird. Doch er will und kann mehr: In vielen Schattierungen zeigt der Bariton die mit Kraft unterfütterte Schönheit des Schwächlings, der von allen Beteiligten am menschlichsten wirkt. Einzig Anja Fidelia Ulrich als Gutrune kann ihm hier folgen; der betrogenen Betrügerin verleiht sie mit schlanker, beweglicher, geradezu verletzlicher Stimme Format.
Das Böse bleibt in Frankfurt lange Zeit in Reserve. Gregory Frank unterspielt seinen Hagen in der Gibichungen-Bar, lässt sich dann aber um so wirkungsvoller zum Ausbruch hinreißen, zum Beispiel im martialischen Hochzeitsruf, dem mehr als 50 Chor-Männer Bärenstärke verleihen. Zusammen mit dem bewährten Alberich Jochen Schmeckenbecher bietet Frank eine schauspielerische Glanzleistung der Dunkelmänner. Seine Bezwinger, die Rheintöchter, sind einmal mehr betörend.
Auf Flut und Feuer folgen in Frankfurt Applaus-Orkanböen für das Opern- und Museumsorchester. Unter Sebastian Weigles lebhaften Anweisungen, die aus Details große Zusammenhänge schöpfen, zimmern die Musiker die jeweilige Klang-Kulisse für große Gefühle und Gemeinheiten. Edel-Metall, Streicherflirren und die Süße der Holzbläser vereinen sich zur Wagner-Wertarbeit: molto espressivo, supersauber und weitgehend fehlerfrei. (...)
Christian Knatz, Darmstädter Echo
(...) Wer erleben will, wie ein vieldimensionales, kraftvolles und dabei exzellent bespielbares Bühnenbild dem Musiktheater neue Räume öffnen kann, der sollte sich Jens Kilians geniale Gestaltung des Frankfurter Rings nicht entgehen lassen. (...)
Susanne Benda, Stuttgarter Nachrichten
Frankfurt hat als erstes der großen deutschen Opernhäuser seine Neuproduktion des Rings des Nibelungen im Hinblick auf das Wagnerjahr 2013 abgeschlossen. Die Premiere der Götterdämmerung am Sonntag war Endpunkt einer dank Generalmusikdirektor Sebastian Weigle am Pult musikalisch bisweilen grandiosen und in der Regie von Vera Nemirova szenisch schlüssigen Lesart von Wagners Hauptwerk.
(...) Ihre stärksten Augenblicke hat sie [die Inszenierung], wenn sie auf die Personen konzentriert ist. Aufwühlender als in Frankfurt hat man Siegfrieds Tod selten gesehen: Er stirbt in Gunthers Armen (herausragend: Johannes Martin Kränzle), der kurz zuvor realisiert, welche Schuld er auf sich geladen hat, indem er Hagens (sehr souverän: Gregory Frank) Intrige zuließ. Schluchzend sitzt er während der Trauermusik auf der Bühne, wissend, welch ein Verlust Siegfrieds Tod ist. War dieser doch die Verheißung eines besseren Menschen, einer besseren Welt. Und ist doch an der Größe dieser Aufgabe gescheitert. Siegfried mag ein Held sein, ein Messias ist er nicht. Und das ist auch gut so, selbst wenn man wie Gunther darüber verzweifeln möchte.
(...)
Fazit: Der Frankfurter Ring ist ein Maßstab, an dem sich andere große Wagner-Häuser werden messen lassen müssen. Nächsten Samstag startet München. Und Bayreuth muss 2013 Farbe bekennen.
Frank Pommer, Die Rheinpfalz
(...) Unangefochten Spitze die Leistung der Chöre, schlagkräftig in der Einstudierung von Matthias Köhler. Und vor allem die der Musiker unter Sebastian Weigle, der bei den Streichern seidig nuanciertes Spiel hervorlockte, die dramatischen Steigerungen mit knallharten Eruptionen bestückte, die Bläser herrliche Soli spielen ließ (ein Blechpatzer war schnell vergessen) und insgesamt mit einer höchst dynamischen Klangwelt akustischen Wagner-Zauber produzierte, der für sich allein ein Erlebnis darstellte. Zum abgestuft jubilierenden Schlussbeifall für Protagonisten und Regieteam kam das gesamte Ensemble aus dem Orchestergraben und konnte sich über ein verdientes Ovations-crescendo freuen. Ein Ring, der auch in diesem Sinne Maßstäbe setzt. (...)
Olga Lappo-Danilewski, Gießener Allgemeine Zeitung
(...) Gemeinsam mit Gunther und Hagen schmiedet Brünnhilde alsbald Rachepläne, markiert auf einem Männerhemd mit rotem Lippenstift Siegfrieds verwundbare Stelle – worauf sie am Bar-Tresen erst mal einen Magenbitter runterkippen muss. Es sind solche tragikomischen Nebenschauplätze, die Vera Nemirovas feinfühlig ausgearbeiteten Ring-Zyklus in Frankfurt so menschelnd sehenswert machen – ob es der Versager Gunther ist, dem auch noch beim simplen Zigarette anzünden das Feuerzeug versagt. Oder die Rheintöchter, die, Aktivistinnen-Anorack über fischschuppigen Luxus-Glitzerkleid, im Schlauchboot Megaphon und Plakate schwenken, um – Rettet den Rhein! – für die Natur zu kämpfen.
Ursula Böhmer, www.klassikinfo.de
(...) Sebastian Weigle lässt das hervorragend disponierte Museumsorchester frei aufspielen. Dabei klingt sein Wagner trotzt aller nötigen Wucht etwa im Trauermarsch
jederzeit plastisch und transparent. Beängstigend mächtig sind die von Matthias Köhler einstudierten Männerchöre, ergreifend die Waltrauten-Erzählung von Claudia Mahnke, prächtig der Hagen von Gregory Frank. (...)
Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg
(...) Zum utopisch hoffnungsvoll aufleuchtenden Erlösungs- oder Liebesmotiv – erinnert sei an die Arbeiterschaft in Chéreaus Bayreuther "Jahrhundert-Ring" von 1976 – traten bei Nemirova nun alle Bühnenfiguren der Tetralogie an den Scheibenrand mit der unüberhörbar sichtbaren Frage an uns: Und was macht ihr aus eurer Welt? – Wagners Ring-Parabel war im Jahr 2012 angekommen.
Wolf-Dieter Peter, Neue Musikzeitung (www.nmz.de)
Macht es besser als wir!
Mit einer überragenden Götterdämmerung schließt die Frankfurter Oper Wagners Ring
Mit einer grandiosen Regisseurin Vera Nemirova, einem glänzenden Ensemble und Sebastian Weigle am Pult setzt diese Inszenierung Maßstäbe.
(...) Musikalisch gelingt der Abend hochkonzentriert, atemberaubend. So wie kein Nebel die Szene trübt und niemand unbeachtet herumsteht, hemmt kein verwaschener Klang, beansprucht kein Getöse Macht über die Architektur des Kunstwerks. Das famos aufspielende Orchester schlüsselt es auf und fördert vielschichtige Erkenntnis. In einer Form, die ergreift, anrührt, sich aber auch genießen lässt. Ein paar Buhs für die Regie mischen sich in den starken Beifall – mit diesem Ring schmiedet die Frankfurter Oper Musikgeschichte.
Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse
Die Latte für den Jubiläums-Ring hängt hoch
Mit der Götterdämmerung schließt sich in Frankfurt die Neuinszenierung von Richard Wagners Tetralogie. Es ist ein Triumph für das Orchester unter Sebastian Weigle und Regisseurin Vera Nemirova (...).
Nie hätte ich gedacht, dass man die ergreifende Wirkung noch potenzieren kann, die die stumm fragenden und trauernden Menschen in Alltagskleidung zu Siegfrieds Trauermusik in Patrice Chéreaus "Jahrhundert-Ring" von 1976 bis 1980 in Bayreuth auslösten. In Frankfurt schafft das einer ganz allein: Johannes Martin Kränzle, der als Gunther zwar zu spät merkt, was er mit angerichtet hat, aber – anders als heutige Realpolitiker – seine Fehler einsieht und sichtlich schwer daran trägt.
Da ist also endlich einer, der nicht nur das zugibt, was ohnehin jeder längst weiß. Sondern erkennen lässt, dass er schuldig geworden ist. Gunther, der jämmerlich dekadente Herrscher im Reich der Gibichungen, hat fassungslos dem langen Sterben seines hinterrücks gemordeten Schwagers Siegfried zugesehen und hört fassungslos auch über sich selbst, was Richard Wagner im Orchestergraben dazu zu sagen hat. Was sich im Gesicht und dem zusammengesunkenen Körper dieses phänomenalen Sängerdarstellers abspielt, ist ein Musterbeispiel für die kathartische Wirkung von Musiktheater.
(...)
Ein paar Hornkieksern zum Trotz darf das Frankfurter Opern- und Museumsorchester sich jetzt auch unter Sebastian Weigle zu jenen Klangkörpern zählen, die eine Ring-Interpretation realisieren, die es in sich hat. Wie klug und virtuos sich immer wieder Einzelstimmen aus dem verästelten Kosmos herausschälen und kommentierend sprechen, wie einfühlend, mitfühlend, enthüllend und entlarvend diese Musik sein kann, wird hier zum Ereignis.
Gut möglich, dass auch Vera Nemirovas Inszenierung diesen Rang erreicht, wenn im Juni und Juli alle vier Teile zyklisch aufgeführt werden und die glücklichen Zuschauer, die Karten bekommen haben, ohne große Unterbrechungen erleben können, dass hier sehr ernsthaft der schwierige Versuch unternommen wurde, einen Ring aus einem Guss zu schmieden. Die Latte fürs Wagner-Jubiläumsjahr 2013 hängt jetzt ziemlich hoch, Bayreuth muss sich in Acht nehmen.
Monika Beer, Fränkischer Tag
Liederabend ANDREAS SCHOLL vom 24. Januar 2012
Andreas Scholls Countertenor lässt das Natürliche höchst kunstvoll und das Kunstvolle höchst natürlich klingen. Ob frühbarocke Lieder aus England oder britische Folksongs, ob Deutsche Volkslieder von Johannes Brahms oder Vokalwerke von Haydn: In der Oper Frankfurt sorgte der aus Kiedrich im Rheingau zur Weltkarriere aufgebrochene Sänger nicht nur für einen ausverkauften, sondern auch für einen glanzvollen Liederabend.
Zusammen mit seiner Lebens- und Cembalo-Partnerin Tamar Halperin stellte Scholl Henry Purcells „Music for a while“ wie ein Motto an den Anfang: Musik möge für eine Weile allen Gram vertreiben. Nichts leichter als das, wenn sie so makellos rein, unbeschwert und leuchtend, so text- und stimmungsgenau vermittelt wird. (...)
(...) Vom Kiedricher Andreas Scholl war das Frankfurter Publikum sichtlich hingerissen.
Axel Zibulski, Offenbach-Post
(...) Andreas Scholl verfügt neben seiner nicht großen, aber facettenreichen Stimme auch über die Kunst eines einnehmenden Vortrags, mit großen Umarmungsgesten (wo andere Sänger sich mühsam am Klavier festhalten), mit sympathischem Lächeln und effektvoller Sprachgestaltung. In kleinen Moderationen erzählt er aus seinem Leben, von seinem Zugang zu bestimmten Musikstücken und lässt das Publikum bei eingängigen Stücken den Refrain mitsingen.
Vor allem aber geizt Scholl nicht mit dem, was er am besten kann: dem spannungsvollen Gestalten einzelner, langer Töne, dem expressiven Aussingen bestimmter Intervalle, einer hohen Legato-Kultur und dem perfekten Sitz der Vokale, deren Klangfarbe betört, egal, ob er Alte Musik oder Pop singt, ob auf CD oder eben auf der Bühne. Dass diese Kunst vor allem bei getragener Literatur funktioniert, bei melancholischen, seufzenden und klagenden Liedern eher als bei affirmativ-virtuosen, nimmt das Publikum nur zu gerne in Kauf. (...)
Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse
(...) Riesenbeifall nach einem Recital, das runder und stimmiger nicht hätte sein können.
Gerd Döring, Frankfurter Rundschau
Zusammen mit seiner Lebens- und Cembalo-Partnerin Tamar Halperin stellte Scholl Henry Purcells „Music for a while“ wie ein Motto an den Anfang: Musik möge für eine Weile allen Gram vertreiben. Nichts leichter als das, wenn sie so makellos rein, unbeschwert und leuchtend, so text- und stimmungsgenau vermittelt wird. (...)
(...) Vom Kiedricher Andreas Scholl war das Frankfurter Publikum sichtlich hingerissen.
Axel Zibulski, Offenbach-Post
(...) Andreas Scholl verfügt neben seiner nicht großen, aber facettenreichen Stimme auch über die Kunst eines einnehmenden Vortrags, mit großen Umarmungsgesten (wo andere Sänger sich mühsam am Klavier festhalten), mit sympathischem Lächeln und effektvoller Sprachgestaltung. In kleinen Moderationen erzählt er aus seinem Leben, von seinem Zugang zu bestimmten Musikstücken und lässt das Publikum bei eingängigen Stücken den Refrain mitsingen.
Vor allem aber geizt Scholl nicht mit dem, was er am besten kann: dem spannungsvollen Gestalten einzelner, langer Töne, dem expressiven Aussingen bestimmter Intervalle, einer hohen Legato-Kultur und dem perfekten Sitz der Vokale, deren Klangfarbe betört, egal, ob er Alte Musik oder Pop singt, ob auf CD oder eben auf der Bühne. Dass diese Kunst vor allem bei getragener Literatur funktioniert, bei melancholischen, seufzenden und klagenden Liedern eher als bei affirmativ-virtuosen, nimmt das Publikum nur zu gerne in Kauf. (...)
Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse
(...) Riesenbeifall nach einem Recital, das runder und stimmiger nicht hätte sein können.
Gerd Döring, Frankfurter Rundschau
Die Fledermaus, Wiederaufnahme vom 17. Dezember 2011
Barbara Zechmeister zur Kammersängerin ernannt
Die Sopranistin wurde bei der Wiederaufnahme der Operette Die Fledermaus an der Frankfurter Oper für ihre künstlerischen Verdienste geehrt.
(...) Michael Kraus zeichnet einen prächtigen Gabriel von Eisenstein, dem Barbara Zechmeister als überlegene Rosalinde zur Seite steht. Zechmeister wurde übrigens direkt im Anschluss an die Aufführung zur „Kammersängerin“ ernannt. Die Oper und ihr Intendant Bernd Loebe würdigten damit das mehr als 15 Jahre lange Engagement dieser Sängerin. Der Ehrentitel wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz für die bisherige künstlerische Arbeit oder aber rückwirkend für das Lebenswerk verliehen. Die Auszeichnung ist nicht mit einer Geldsumme verbunden.
Doch zurück zur Aufführung der Fledermaus: Einer der Höhepunkte ist sicherlich die Doppelrolle Prinz Orlowski/Frosch, von denen einer debiler ist als der andere. Für Martin Wölfel war dies eine Herausforderung. Er verlieh dem Prinzen mit seiner Fistelstimme zusätzliche Komik. Als Adele war Britta Stallmeister in ihrem Element. Selten hat man eine so überzeugende „Unschuld vom Lande“ erlebt. Das Opern- und Museumsorchester spielte dazu unter der Leitung von Marc Soustrot famos.
Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse
Die Sopranistin wurde bei der Wiederaufnahme der Operette Die Fledermaus an der Frankfurter Oper für ihre künstlerischen Verdienste geehrt.
(...) Michael Kraus zeichnet einen prächtigen Gabriel von Eisenstein, dem Barbara Zechmeister als überlegene Rosalinde zur Seite steht. Zechmeister wurde übrigens direkt im Anschluss an die Aufführung zur „Kammersängerin“ ernannt. Die Oper und ihr Intendant Bernd Loebe würdigten damit das mehr als 15 Jahre lange Engagement dieser Sängerin. Der Ehrentitel wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz für die bisherige künstlerische Arbeit oder aber rückwirkend für das Lebenswerk verliehen. Die Auszeichnung ist nicht mit einer Geldsumme verbunden.
Doch zurück zur Aufführung der Fledermaus: Einer der Höhepunkte ist sicherlich die Doppelrolle Prinz Orlowski/Frosch, von denen einer debiler ist als der andere. Für Martin Wölfel war dies eine Herausforderung. Er verlieh dem Prinzen mit seiner Fistelstimme zusätzliche Komik. Als Adele war Britta Stallmeister in ihrem Element. Selten hat man eine so überzeugende „Unschuld vom Lande“ erlebt. Das Opern- und Museumsorchester spielte dazu unter der Leitung von Marc Soustrot famos.
Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse
Tosca, Wiederaufnahme vom 09. Dezember 2011
(...) Elf Monate nach der überzeugenden Premiere von Andreas Kriegenburgs Inszenierung kam dieser Publikumsmagnet wieder ins Programm. Die sakrale Atmosphäre des ersten Aktes wird wie die Gemächer des Polizeifolterers Scarpia und die Engelsburg am Ende auf der lichtdurchfluteten Bühne nur angedeutet. Die Aufmerksamkeit soll ja – gerade bei Puccinis Tosca – vor allem den Darstellern gelten.
Im ersten Akt überrascht die Regie mit einem prachtvollen Aufzug der Geistlichkeit – Messdiener und Chorknaben inbegriffen. Auch mit wirkungsvollen Solisten ist diese Wiederaufnahme reich gesegnet. Wir erleben mit Oksana Dyka eine kraftvolle Titelfigur, stimmlich und darstellerisch, die mit dem erfahrenen Alfred Kim in der Rolle des Malers Cavaradossi immer wieder wetteifert. Hier haben wahrlich die Richtigen zusammengefunden, sehr zur Freude des ausgelassen applaudierenden Publikums.
Etwas in den Hintergrund traten Sungkon Kim als Freiheitskämpfer Angelotti und Franz Mayer in der Rolle des Mesners. Und dann war ja auch noch Željko Lučić in der Rolle Scarpias zu hören. Der Sänger hatte sich mit einem grippalen Infekt herumzuplagen, wollte aber sein Publikum nicht enttäuschen. Er weiß, wie man mit solchen Widrigkeiten umzugehen hat und lieferte eine solide Vorstellung. Tosca allerdings profitierte dabei besonders. Wegen der Ansteckungsgefahr kam ihr das Scheusal Scarpia diesmal nicht so nahe. Hartmut Keil dirigierte ein bestens aufgelegtes Opern- und Museumsorchester.
Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse
Im ersten Akt überrascht die Regie mit einem prachtvollen Aufzug der Geistlichkeit – Messdiener und Chorknaben inbegriffen. Auch mit wirkungsvollen Solisten ist diese Wiederaufnahme reich gesegnet. Wir erleben mit Oksana Dyka eine kraftvolle Titelfigur, stimmlich und darstellerisch, die mit dem erfahrenen Alfred Kim in der Rolle des Malers Cavaradossi immer wieder wetteifert. Hier haben wahrlich die Richtigen zusammengefunden, sehr zur Freude des ausgelassen applaudierenden Publikums.
Etwas in den Hintergrund traten Sungkon Kim als Freiheitskämpfer Angelotti und Franz Mayer in der Rolle des Mesners. Und dann war ja auch noch Željko Lučić in der Rolle Scarpias zu hören. Der Sänger hatte sich mit einem grippalen Infekt herumzuplagen, wollte aber sein Publikum nicht enttäuschen. Er weiß, wie man mit solchen Widrigkeiten umzugehen hat und lieferte eine solide Vorstellung. Tosca allerdings profitierte dabei besonders. Wegen der Ansteckungsgefahr kam ihr das Scheusal Scarpia diesmal nicht so nahe. Hartmut Keil dirigierte ein bestens aufgelegtes Opern- und Museumsorchester.
Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse
Otello, Premiere vom 04. Dezember 2011
Desdemona als Lichtgestalt
Verdis Otello fulminant an der Oper Frankfurt
Das Licht im Opernhaus ist noch nicht erloschen, da bricht auf offener Bühne der musikalische Sturm los. Ein Coup zu Beginn von Giuseppe Verdis Otello, in Frankfurt als packende Neuproduktion zu erleben. Wenn der Chor der Zyprioten den venezianischen Flottenbefehlshaber begrüßt, hört man einen so vital-beseelten, geschärften Verdi, als hätte Generalmusikdirektor Sebastian Weigle nie etwas anderes als italienisches Fach dirigiert.
Der Sturm, den er mit dem fulminant differenzierungsstarken Opern- und Museumsorchester wie dem stattlich-präzisen Opernchor entfacht, fegt über rohe Planken. Die Bühne, die Dirk Becker für Regisseur Johannes Erath errichtet hat, erinnert an ein Schiff wie ans Theater William Shakespeares. Grob geschnittene Bretter, offener, fast leerer Raum mit Lichtbrücken und nackten Wänden – das ist kein Ort für Illusionen. So ist Otello kein Mohr; Tenor Carlo Ventre wird lediglich am Anfang wie am Ende der vier Akte von einem farbigen Statisten gedoubelt. Jagos Intrige hat ihn zum eifersüchtigen Mörder seiner Gattin Desdemona werden lassen, ein Außenseiter bleibt er letztlich. Vokal hat Ventre da zu offener, nachdrücklicher Strahlkraft gefunden, wie sie dem Rollendebütanten beim ersten Auftritt gefehlt hatte.
Lichtgestalt ist freilich eine andere. Verdis erstmals seit 25 Jahren in Frankfurt wieder szenisch gezeigter Otello könnte Desdemona heißen. Bei der Premiere, am Ende von einigen Buhs für die Regie begleitet, sorgt Elza van den Heever für eine Glanzleistung, mit der sie sich an die Weltspitze singt: Ihr bis zu den dramatischen Schlüsselmomenten warmer, voller, sonorer, kultivierter Sopran ist eine Ohrenweide, ihr Rollenverständnis hoch intelligent, mit einsam erreichten Gipfeln im Leisen. Ihr Lied von der Weide, ihr Ave Maria vor Otellos Mord bannen in ergreifender Schönheit und Innerlichkeit. Wie gut, dass Weigle das Hochfeine vorzüglich mit dem Orchester spiegelt.
Dass sich das späte Musikdrama des reifen Verdi konzentriert entfaltet, ist auch der Inszenierung zu verdanken. Unverstellt und illusionslos stellt er die Eifersucht, die Lüge, die Aggression Otellos, die Masse des Chors aus; mit Motiven wie einem Brautkleid, das zwischen den Personen heimatlos wandert; mit Rätselhaftem wie einem scheuen Reh, das von der Rückwand her alles beobachtet.
Das Militärische der heutigen Kostüme von Silke Willrett schärft das Grobe, bei Intrigant Jago zumal, dem Marco Vratogna seinen opulent dunklen (...) Bariton leiht. Claudia Mahnke ist in der wichtigen Partie von Jagos Gattin Emilia, die am Ende die Intrige aufdeckt, eine Luxusbesetzung. Teodor Ilincai debütiert als Hauptmann Cassio so fundiert wie Simon Bode als Edelmann Rodrigo.
Mit dem szenisch konzentrierten, musikalisch mitreißenden Otello ist ein Coup gelungen! Opernfans, die sich Elza van den Heevers Weltklasse-Desdemona entgehen lassen, handeln grob fahrlässig...
Axel Zibulski, Offenbach-Post
(...) Der noch junge Regisseur Johannes Erath hat in letzter Zeit verstärkt Aufmerksamkeit bei großen Musikbühnen erregt. In Frankfurt inszenierte er im Bockenheimer Depot Peter Eötvös’ Angels in America; in Massenets Werther führte er eine neue Besetzung in Willy Deckers Amsterdamer Inszenierung ein. Dabei offenbarte er sein Talent für eine psychologisch genaue, verlebendigende Personenregie – was heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Dies tritt jetzt auch bei Otello plastisch in Erscheinung. Erath verspannt die Figuren zu einem plausiblen Geflecht, verdeutlicht aber auch, dass Otellos Konflikt in dessen eigener Persönlichkeitsstruktur gründet. Diese quasisolipsistische Perspektive findet sich freilich auch in den anderen Hauptfiguren: Desdemona weiß keinen Ausgang aus dem Rosenhag ihrer Liebe zu Otello; Jago scheitert mit seinem Menschenhass, weil sich dieser letztlich gegen ihn selbst richtet.
Erath "erzählt" die Innenansichten der dramatis personae sorgfältig, mit vielen individuellen Belichtungen und eindringlichen Bilderfindungen. Es geht aber auch handfest und brutal zu, wenn Otello der Desdemona der groß aufsingenden Elza van den Heever die körperlichen Demütigungen zufügt. Das Ende kommt fast schlicht und umso mehr berührend: Otello kriecht auf die getötete Desdemona zu, ergreift ihre kalte kleine "Elfenbeinhand" und erstarrt wie leblos. Kein wildes Stürzen ins eigene Schwert.
(...)
Überhaupt gewinnt die Aufführung insgesamt durch ihre vokalen und orchestralen Qualitäten. Carlo Ventre, der als Otello debütiert, beeindruckt durch stimmlichen Glanz und geschmeidige Vokalität, verbunden mit singschauspielerischer Bühnenpräsenz: Da wächst der Otello der nächsten Jahre heran. Markant in Gesang, plastischer Artikulation und eindringlichem Agieren auch Marco Vratogna als Jago. Teodor Ilincais Cassio, Simon Bodes Rodrigo, Thorsten Grümbels Lodovico, Franz Mayers Montano – sie alle bilden in bester Frankfurter Manier ein hochqualifiziertes Ensemble. Das übliche Lob auch für das "Opernorchester des Jahres" sowie den verstärkten Opernchor und den von Michael Clark einstudierten Kinderchor.
Sebastian Weigle freute sich im Voraus, nach vielen Wagner- und Strauss-Auftritten wieder einmal einen "Italiener" zu dirigieren. Mit Otello hatte er allerdings dann doch wieder Verdis wagnernahen Spätling unter dem Taktstock. Weigle setzt nach dem stürmischen Beginn auf den dramatischen Grundzug, findet aber auch zu schönen Ruhephasen und lyrischen Entspannungen. Klangfarben werden instrumental fein herausmodelliert, die Sänger gut begleitet. Sogar die dem Werk innewohnende finale Stringenz wird bei Weigle spürbar. Langer, heftiger Applaus für ihn und die Sänger.
Gerhard Rohde, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Otellos Alptraum
Oper: Johannes Erath zeigt Verdis Eifersuchtstragödie als dramatisiertes Innenleben eines Kriegstraumatisierten
Innerlich wird dieser Otello das Kriegsschiff nie verlassen, auf dem er jahrelang gegen die Türken kämpfte. Tiefe seelische Verletzungen, traumatische Erfahrungen und große Selbstzweifel treiben ihn um, so dass seine Psyche niemals aus ihren Krallen entlassen wird. Bühnenbildner Dirk Becker zeigt den zerrütteten Seelenzustand des venezianischen Befehlshabers bereits zu Beginn, indem er ihn und seine Militärtruppen nach dem Seesturm auf ein gewaltiges Stück hölzerner Schiffsplanken spült, das in seiner Zusammenstückelung nicht dazu geeignet scheint, gegen das Chaos der Seele oder die Gewitterstürme des Krieges dauerhaft Schutz zu bieten. Vielmehr klammern sich die Menschen am Treibholz fest, um nicht in den Sog des Verderbens gerissen zu werden. Alle vier Akte von Verdis Meisterwerk hindurch agieren Ensemble und Chöre auf diesem wackligen Untergrund und erreichen in dieser Inszenierung niemals wirklich die rettende Insel. Das geflickte Wrack senkt sich zum Zuschauerraum hin ab und mit ihm die Abwärtsspirale der düsteren Leidenschaften Otellos.
Johannes Erath heißt der junge Regisseur, der die Oper über das „grünäugige Scheusal“ der Eifersucht ganz aus der Sicht des Titelhelden begreift. Zu Unrecht überschwemmt das Frankfurter Premierenpublikum ihn dafür am Ende mit Buh-Orkanen, die ihn beim Verbeugen fast von seiner Holzplanke spülen. Dabei überzeugt die Darstellung des inneren Nervenkriegs vorzüglich, entwickelt im Laufe des Abends bei aller Kargheit in der Ausstattung dramatische Dichte und trägt zugleich dem eklatanten Mangel an äußerer Handlung in Verdis Meisterwerk Rechnung.
(...)
Anfänglich schälen sich Chormitglieder aus der Soldatenkluft und wandeln sich zum zypriotischen Volk, das in bunten Partyklamotten (Kostüme: Silke Willrett) rauschende Feste zu feiern gedenkt. Die aber kommen nie, denn schwarz-graue Düsternis und vorausgreifende Todesmetaphorik durchdringen jede Szene. Nur militärischer Drill stellt Ordnung her, die dunklen Soldatenstiefel sind sauber aufgereiht und gleichen von Ferne Todeskreuzen.
Das Liebesduett Desdemonas und Otellos am Ende des ersten Aktes erhält eine Schlüsselstellung in Eraths Inszenierung. Otello sieht seine Desdemona gar nicht an, wirkt wie autistisch. Erst als sie sich der gemeinsamen Vergangenheit erinnern, als sie den Helden liebte und er ihre Barmherzigkeit, blitzt so etwas wie der Abglanz einer Hoffnung auf.
(...)
Elza von den Heevers Rollendebüt als Desdemona ist ein Ereignis und die Südafrikanerin unangefochtener Sangesstar der Premiere. Vom Liebsten anfänglich zur reinen Madonna stilisiert, wird ihr Charakter im Laufe des Abends immer deutlicher, bis er in der finalen Szene mit sanfter Innigkeit alles durchdringend leuchtet. Atemberaubend, wie sie das Lied vom Weidenbaum ausgestaltet, rührend, wie sie mit dem nuancierten Ave Maria ihren eigenen Opfertod vorbereitet. Ihr Gegenspieler Jago ist Marco Vratogna und verinnerlicht vollkommen die von Verdi gewünschte satanische Zuspitzung der Rolle gegenüber Shakespeares Original.
Als neidischer Manipulator löst er die erwünschten Nackenschauer aus und in seinem wohltimbrierten Bariton schwingt schwärzester nihilistischer Spott mit, wenn er zu seinem „grausamen Gott“ betet. (...) Claudia Mahnkes Emilia ist ein herumgestoßenes Opfer, das von Jago sadistisch für seine Zwecke missbraucht wird. Der sensibel ausgestaltete, erst verhaltene, dann einem seelischen Dammbruch gleichende Abschied der beiden Frauen im vierten Akt gehört zum schauspielerisch Bewegendsten, was zur Zeit auf der Frankfurter Opernbühne zu sehen ist.
Passend dazu entfaltet Sebastian Weigle aus dem Orchestergraben einen peitschend vorantreibenden Orchestersog, den ihm ein hervorragend disponiertes Orchester ermöglicht. Dabei gönnt er sich und uns schwelgend die Melodieschönheit Verdis, verliert sich jedoch nie in ihr, sondern treibt Wahrheit suchend die Handlung voran.
Bettina Boyens, Main-Echo Aschaffenburg
Ein gleißender Blitz fährt vom Bühnenhimmel. Frankfurts Generalmusikdirektor Sebastian Weigle schleudert das grelle Licht förmlich hinaus aus dem Graben des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters – der Mann am Pult ist auch bei der Premiere von Giuseppe Verdis Otello am Sonntagabend wieder ein Glücksfall für das Haus, denn er treibt das Drama fort, wo es diesem gut tut, und hält sich dort zurück, wo Sänger und Handlung Zurückhaltung einfordern.
Punktgenau zum grellen Licht des ersten Blitzstrahls richtet sich auf den schräg nach hinten angehobenen Brettern der Bühne, mitten zwischen paarig drapierten Soldatenstiefeln, ein schwarz geschminkter Mann auf. Otello, denkt man, wird das wohl sein: der Mohr von Venedig, den Verdi und sein Librettist Arrigo Boito wie in Shakespeares Schauspiel-Vorlage siegreich nach Zypern zurückkehren lässt. Er ist es aber nicht. Der schwarz bemalte Mann ist nur ein Statist. Er spielt den Sklaven, der Otello einmal war, den er zurückließ – Otellos Mensch gewordene dunkle Vergangenheit.
Der Regisseur Johannes Erath hat zum wilden Orchestervorspiel auf gedankenvolle Weise die Vorgeschichte des Stücks ins Bild gesetzt: wie Desdemona sich ihrer Militärkleidung entledigt und den ersten, dunkelhäutigen Otello an die Hand nimmt, wie dahinter der andere, in Frankfurt hellhäutige Kriegsgewinner Otello aufsteht, den in Frankfurt der Tenor Carlo Ventre singt; wie dieser seinen Vorgänger umbringt und sich dann selbst mit der schönen Frau verbindet und wie ihn schließlich beim Abgehen nach hinten die Vergangenheit doch nicht loslässt.
Es gibt einiges Kluges, Durchdachtes und vor allem viel präzise mit der Musik Synchronisiertes an diesem Abend zu sehen. Zumal die Lichtregie fast seismographisch auf Akzente aus dem Orchester reagiert. Gerade in Momenten des intimen Kammerspiels ist die Personenführung fein durchgearbeitet, und die Idee, die Bauernszene im zweiten Akt (als Vision Otellos?) rund um Desdemonas Grab spielen zu lassen, hat durchaus etwas für sich. (...)
(...) Claudia Mahnke – wie gern erinnern wir uns an die starken Stuttgarter Zeiten dieser immer mit Hingabe singenden Mezzosopranistin! – gibt eine zerrissene Emilia, Teodor Ilincai einen guten Cassio, und Elza van den Heever als Desdemona möchte man spätestens nach dem verzweifelten „Cantiamo!“ in ihrem Lied von der Weide für ihre vielen fast ansatzlosen, reinen Höhentöne und für die warme, klare Schönheit ihres Singens umarmen. Allein für diese Sängerin in der Partie einer Frau, die immer und immer nur singen muss, lohnt sich ein Opernausflug nach Frankfurt. Für dessen feine instrumentale Grundierung im weiten dramatischen Spektrum zwischen Nachtgebet und Monumental-Musiktheater sorgt der Mann am Pult. Sebastian Weigle hält die Spannung, verhilft dem Singen im Orchester ebenso zu seinem Recht wie den gegenstimmigen Passagen in Verdis vorletzter Oper. (...)
Susanne Benda, Stuttgarter Nachrichten
Wie böse es unter der dünnen Kruste der Zivilisation brodeln kann, hat Richard Wagner in den Meistersingern gezeigt: Nürnbergs Bürger schlagen zur Prügelfuge wild aufeinander ein. Ein wenig muss man in Johannes Eraths Inszenierung von Giuseppe Verdis später Shakespeare-Oper Otello an Wagners aus den Fugen geratende Stadtgesellschaft denken. Auch auf Frankfurts Opernbühne kommt es zu einem kollektiven Gewaltausbruch, und die bürgerliche Kleidung legt eine Allerweltsgesellschaft der Gegenwart nahe, weit weg von Shakespeares Zypern unter venezianischer Herrschaft. Das Böse ist unter uns und wird vom Dirigenten Sebastian Weigle mit grummelnden Kontrabässen und orchestralem Biss begleitet.
(...)
Das Böse hat bei Verdi freilich einen besonders fiesen Katalysator, wird sehr konkret personalisiert: Jago ist dieser Geist, der stets verneint und mit seiner Intrige die Protagonisten dem Untergang zutreibt. Mit Sonnenbrille und Soldatenstiefeln sieht Marco Vratogna arg nach Klischee aus, gibt der Figur im berühmten Credo aber durchaus persönliches Profil. Sein Bekenntnis zum Bösen vereist die Szene zu einer düsteren Momentaufnahme. Deren Rahmen ist in der Neuinszenierung Dirk Beckers karger schwarzer Bühnenkasten, in dem ein roher Bretterboden eine antiillusionistische Probebühnensituation andeutet, wie man sie etwa von Sandra Leupolds ähnlich reduzierten Inszenierungen her kennt. Nicht äußere Realität, nur die innere Wahrheit des Theaters zählt. Desdemonas Tuch, das eine zentrale Funktion in der Intrige hat, fällt am vorderen Bühnenrand zu Boden und wird sogleich weit hinten von Emilia aufgehoben.
Stärker als das Konzept, stärker als Chor-Mummenschanz (Kostüme: Silke Willrett) oder die allzeit bereiten, etwas ausgelatschten Militärstiefel einer von Gewalt grundierten Gesellschaft, sorgt die Intensität von Johannes Eraths Personenführung für die Vergegenwärtigung der Tragödie. Die Spannung zwischen den Figuren ist stets greifbar, wird von Sebastian Weigle und einer Reihe vorzüglicher Sängerdarsteller getragen: Elza van den Heever gibt eine Desdemona, die zwischen berückendem Piano und Fülle strahlenden Wohllauts nachhaltig fesselt. Auf den Flügeln dieses Gesangs wird der Abend Verdis Shakespeare-Welttheater auf jeden Fall gerecht. Das muss man gehört haben. Teodor Ilincai ist ein schön timbrierter, jugendlicher Cassio, Claudia Mahnke eine starke Emilia.
Mit seinem "Esultate!" hat Carlo Ventre in der Titelpartie einen berüchtigten, denkbar schweren Start. Sein Otello gewinnt bald überzeugenderes heldisches Format – und erzählt die Geschichte einer gescheiterten Integration. Der Mohr von Venedig legt seine Mohren-Existenz in Form eines schwarzen Alter Egos am Bühnenrand ab, nachdem der Erfolg als Feldherr ihn scheinbar zum vollwertigen Venezianer gemacht hat. Er wird freilich ein Außenseiter bleiben und am Ende wieder von seinem anderen Ich eingeholt: Mohr bleibt Mohr, selbst wenn er weiß ist.
Volker Milch, Wiesbadener Kurier
(...) Sebastian Weigle schöpft gemeinsam mit dem prächtig aufspielenden Frankfurter Museumsorchester die Partitur auf ihre das Drama illustrierenden Momente aus. Das reicht von innigster klanglicher Zartheit bis hin zu straff organisierter Explosivität und wird zum mitreißenden Erlebnis, in das sich der Chor (Matthias Köhler) bestens einbringt. Der Premierenbeifall war heftig, aber für das Inszenierungsteam ebenso heftig gespalten. Was einem wirklich nahegehenden Opernabend keinen Abbruch tut.
Eckhard Britsch, Mannheimer Morgen
(...) Doch zeichnet sich Eraths Regie insgesamt dann doch durch eine plausible Personenführung aus. Natürlich ist im Falle Otellos die Herkunft, das Fremdsein nicht so leicht abzulegen. Viel zu stark ist er mit sich selbst beschäftigt, um zu merken, wie übel ihm mitgespielt wird, viel zu sehr lebt er bereits im großen Liebesduett des ersten Aktes in der Vergangenheit, als dass er der realen, komplexen und widersprüchlichen Welt angehört. Desdemona geht vollkommen in ihrer Verliebtheit auf, ist derart kindlich-reine, naive Braut, dass auch sie nur passiv miterlebt, was ihr passiert. (...)
Bernd Zegowitz. Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg
(...) Keine musikalische Frage ließen Sebastian Weigle und das bestens aufgelegte Frankfurter Opernorchester unbeantwortet. Vor allem nicht die, ob es sich hier nicht doch (wie böse italienische Zungen unter Verdis Zeitgenossen meinten) um eine der besten Opern von Richard Wagner handle. Nein, Wagnerexperte Weigle präsentierte echte, zugespitzt "italienische" Oper, klar und hart konturiert im dramatischen Aufriss, mit einer wunderbar sprengenden, sprunghaften Plötzlichkeit der Ausbrüche und sensibelster lyrischer Austarierung in Desdemonas abgründig einsamen Schlussmelodien.
Übrigens hätte die Oper an diesem Abend Desdemona heißen können, denn die weibliche Hauptrolle mit Elza van den Heever war das Zentrum der Aufführung, das Ereignis dieser Neuproduktion. Eine reife, riesengroße Stimme mit unglaublicher Nuancierungsfähigkeit im Leiden und in der Leidenschaft. Voller Zärtlichkeit und Genauigkeit. Und eine Spielpräsenz, die bei aller scheinbar unkompliziert-üppigen Mädchenhaftigkeit etwas rätselhaft Unberührbares, Undurchdringliches ausstrahlte. (...)
Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau
(...) Der italienische Bariton Marco Vratogna liefert einen wahrhaft dämonischen Jago ab, darstellerisch und musikalisch auf höchstem Niveau. Der Nihilist triumphiert auf ganzer Linie. (...)
Thomas Wolff, Darmstädter Echo
(...) Eraths Otello darf als in Bann ziehender Deutungsversuch gelten. Es ist dem Regisseur gelungen, den Rachefeldzug des Jago als funktionale Einheit zu zeichnen. Für die in sich ruhende Inszenierung mit Kammerspielcharakter hagelte es bei der Premiere am Sonntag im voll besetzten Haus lautstarke Buhs für das Regie- und Ausstatterteam, während Sänger und Orchester bejubelt wurden – in Frankfurt durchaus ein Ritual.
Manfred Merz, Gießener Allgemeine Zeitung
Verdis Otello fulminant an der Oper Frankfurt
Das Licht im Opernhaus ist noch nicht erloschen, da bricht auf offener Bühne der musikalische Sturm los. Ein Coup zu Beginn von Giuseppe Verdis Otello, in Frankfurt als packende Neuproduktion zu erleben. Wenn der Chor der Zyprioten den venezianischen Flottenbefehlshaber begrüßt, hört man einen so vital-beseelten, geschärften Verdi, als hätte Generalmusikdirektor Sebastian Weigle nie etwas anderes als italienisches Fach dirigiert.
Der Sturm, den er mit dem fulminant differenzierungsstarken Opern- und Museumsorchester wie dem stattlich-präzisen Opernchor entfacht, fegt über rohe Planken. Die Bühne, die Dirk Becker für Regisseur Johannes Erath errichtet hat, erinnert an ein Schiff wie ans Theater William Shakespeares. Grob geschnittene Bretter, offener, fast leerer Raum mit Lichtbrücken und nackten Wänden – das ist kein Ort für Illusionen. So ist Otello kein Mohr; Tenor Carlo Ventre wird lediglich am Anfang wie am Ende der vier Akte von einem farbigen Statisten gedoubelt. Jagos Intrige hat ihn zum eifersüchtigen Mörder seiner Gattin Desdemona werden lassen, ein Außenseiter bleibt er letztlich. Vokal hat Ventre da zu offener, nachdrücklicher Strahlkraft gefunden, wie sie dem Rollendebütanten beim ersten Auftritt gefehlt hatte.
Lichtgestalt ist freilich eine andere. Verdis erstmals seit 25 Jahren in Frankfurt wieder szenisch gezeigter Otello könnte Desdemona heißen. Bei der Premiere, am Ende von einigen Buhs für die Regie begleitet, sorgt Elza van den Heever für eine Glanzleistung, mit der sie sich an die Weltspitze singt: Ihr bis zu den dramatischen Schlüsselmomenten warmer, voller, sonorer, kultivierter Sopran ist eine Ohrenweide, ihr Rollenverständnis hoch intelligent, mit einsam erreichten Gipfeln im Leisen. Ihr Lied von der Weide, ihr Ave Maria vor Otellos Mord bannen in ergreifender Schönheit und Innerlichkeit. Wie gut, dass Weigle das Hochfeine vorzüglich mit dem Orchester spiegelt.
Dass sich das späte Musikdrama des reifen Verdi konzentriert entfaltet, ist auch der Inszenierung zu verdanken. Unverstellt und illusionslos stellt er die Eifersucht, die Lüge, die Aggression Otellos, die Masse des Chors aus; mit Motiven wie einem Brautkleid, das zwischen den Personen heimatlos wandert; mit Rätselhaftem wie einem scheuen Reh, das von der Rückwand her alles beobachtet.
Das Militärische der heutigen Kostüme von Silke Willrett schärft das Grobe, bei Intrigant Jago zumal, dem Marco Vratogna seinen opulent dunklen (...) Bariton leiht. Claudia Mahnke ist in der wichtigen Partie von Jagos Gattin Emilia, die am Ende die Intrige aufdeckt, eine Luxusbesetzung. Teodor Ilincai debütiert als Hauptmann Cassio so fundiert wie Simon Bode als Edelmann Rodrigo.
Mit dem szenisch konzentrierten, musikalisch mitreißenden Otello ist ein Coup gelungen! Opernfans, die sich Elza van den Heevers Weltklasse-Desdemona entgehen lassen, handeln grob fahrlässig...
Axel Zibulski, Offenbach-Post
(...) Der noch junge Regisseur Johannes Erath hat in letzter Zeit verstärkt Aufmerksamkeit bei großen Musikbühnen erregt. In Frankfurt inszenierte er im Bockenheimer Depot Peter Eötvös’ Angels in America; in Massenets Werther führte er eine neue Besetzung in Willy Deckers Amsterdamer Inszenierung ein. Dabei offenbarte er sein Talent für eine psychologisch genaue, verlebendigende Personenregie – was heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Dies tritt jetzt auch bei Otello plastisch in Erscheinung. Erath verspannt die Figuren zu einem plausiblen Geflecht, verdeutlicht aber auch, dass Otellos Konflikt in dessen eigener Persönlichkeitsstruktur gründet. Diese quasisolipsistische Perspektive findet sich freilich auch in den anderen Hauptfiguren: Desdemona weiß keinen Ausgang aus dem Rosenhag ihrer Liebe zu Otello; Jago scheitert mit seinem Menschenhass, weil sich dieser letztlich gegen ihn selbst richtet.
Erath "erzählt" die Innenansichten der dramatis personae sorgfältig, mit vielen individuellen Belichtungen und eindringlichen Bilderfindungen. Es geht aber auch handfest und brutal zu, wenn Otello der Desdemona der groß aufsingenden Elza van den Heever die körperlichen Demütigungen zufügt. Das Ende kommt fast schlicht und umso mehr berührend: Otello kriecht auf die getötete Desdemona zu, ergreift ihre kalte kleine "Elfenbeinhand" und erstarrt wie leblos. Kein wildes Stürzen ins eigene Schwert.
(...)
Überhaupt gewinnt die Aufführung insgesamt durch ihre vokalen und orchestralen Qualitäten. Carlo Ventre, der als Otello debütiert, beeindruckt durch stimmlichen Glanz und geschmeidige Vokalität, verbunden mit singschauspielerischer Bühnenpräsenz: Da wächst der Otello der nächsten Jahre heran. Markant in Gesang, plastischer Artikulation und eindringlichem Agieren auch Marco Vratogna als Jago. Teodor Ilincais Cassio, Simon Bodes Rodrigo, Thorsten Grümbels Lodovico, Franz Mayers Montano – sie alle bilden in bester Frankfurter Manier ein hochqualifiziertes Ensemble. Das übliche Lob auch für das "Opernorchester des Jahres" sowie den verstärkten Opernchor und den von Michael Clark einstudierten Kinderchor.
Sebastian Weigle freute sich im Voraus, nach vielen Wagner- und Strauss-Auftritten wieder einmal einen "Italiener" zu dirigieren. Mit Otello hatte er allerdings dann doch wieder Verdis wagnernahen Spätling unter dem Taktstock. Weigle setzt nach dem stürmischen Beginn auf den dramatischen Grundzug, findet aber auch zu schönen Ruhephasen und lyrischen Entspannungen. Klangfarben werden instrumental fein herausmodelliert, die Sänger gut begleitet. Sogar die dem Werk innewohnende finale Stringenz wird bei Weigle spürbar. Langer, heftiger Applaus für ihn und die Sänger.
Gerhard Rohde, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Otellos Alptraum
Oper: Johannes Erath zeigt Verdis Eifersuchtstragödie als dramatisiertes Innenleben eines Kriegstraumatisierten
Innerlich wird dieser Otello das Kriegsschiff nie verlassen, auf dem er jahrelang gegen die Türken kämpfte. Tiefe seelische Verletzungen, traumatische Erfahrungen und große Selbstzweifel treiben ihn um, so dass seine Psyche niemals aus ihren Krallen entlassen wird. Bühnenbildner Dirk Becker zeigt den zerrütteten Seelenzustand des venezianischen Befehlshabers bereits zu Beginn, indem er ihn und seine Militärtruppen nach dem Seesturm auf ein gewaltiges Stück hölzerner Schiffsplanken spült, das in seiner Zusammenstückelung nicht dazu geeignet scheint, gegen das Chaos der Seele oder die Gewitterstürme des Krieges dauerhaft Schutz zu bieten. Vielmehr klammern sich die Menschen am Treibholz fest, um nicht in den Sog des Verderbens gerissen zu werden. Alle vier Akte von Verdis Meisterwerk hindurch agieren Ensemble und Chöre auf diesem wackligen Untergrund und erreichen in dieser Inszenierung niemals wirklich die rettende Insel. Das geflickte Wrack senkt sich zum Zuschauerraum hin ab und mit ihm die Abwärtsspirale der düsteren Leidenschaften Otellos.
Johannes Erath heißt der junge Regisseur, der die Oper über das „grünäugige Scheusal“ der Eifersucht ganz aus der Sicht des Titelhelden begreift. Zu Unrecht überschwemmt das Frankfurter Premierenpublikum ihn dafür am Ende mit Buh-Orkanen, die ihn beim Verbeugen fast von seiner Holzplanke spülen. Dabei überzeugt die Darstellung des inneren Nervenkriegs vorzüglich, entwickelt im Laufe des Abends bei aller Kargheit in der Ausstattung dramatische Dichte und trägt zugleich dem eklatanten Mangel an äußerer Handlung in Verdis Meisterwerk Rechnung.
(...)
Anfänglich schälen sich Chormitglieder aus der Soldatenkluft und wandeln sich zum zypriotischen Volk, das in bunten Partyklamotten (Kostüme: Silke Willrett) rauschende Feste zu feiern gedenkt. Die aber kommen nie, denn schwarz-graue Düsternis und vorausgreifende Todesmetaphorik durchdringen jede Szene. Nur militärischer Drill stellt Ordnung her, die dunklen Soldatenstiefel sind sauber aufgereiht und gleichen von Ferne Todeskreuzen.
Das Liebesduett Desdemonas und Otellos am Ende des ersten Aktes erhält eine Schlüsselstellung in Eraths Inszenierung. Otello sieht seine Desdemona gar nicht an, wirkt wie autistisch. Erst als sie sich der gemeinsamen Vergangenheit erinnern, als sie den Helden liebte und er ihre Barmherzigkeit, blitzt so etwas wie der Abglanz einer Hoffnung auf.
(...)
Elza von den Heevers Rollendebüt als Desdemona ist ein Ereignis und die Südafrikanerin unangefochtener Sangesstar der Premiere. Vom Liebsten anfänglich zur reinen Madonna stilisiert, wird ihr Charakter im Laufe des Abends immer deutlicher, bis er in der finalen Szene mit sanfter Innigkeit alles durchdringend leuchtet. Atemberaubend, wie sie das Lied vom Weidenbaum ausgestaltet, rührend, wie sie mit dem nuancierten Ave Maria ihren eigenen Opfertod vorbereitet. Ihr Gegenspieler Jago ist Marco Vratogna und verinnerlicht vollkommen die von Verdi gewünschte satanische Zuspitzung der Rolle gegenüber Shakespeares Original.
Als neidischer Manipulator löst er die erwünschten Nackenschauer aus und in seinem wohltimbrierten Bariton schwingt schwärzester nihilistischer Spott mit, wenn er zu seinem „grausamen Gott“ betet. (...) Claudia Mahnkes Emilia ist ein herumgestoßenes Opfer, das von Jago sadistisch für seine Zwecke missbraucht wird. Der sensibel ausgestaltete, erst verhaltene, dann einem seelischen Dammbruch gleichende Abschied der beiden Frauen im vierten Akt gehört zum schauspielerisch Bewegendsten, was zur Zeit auf der Frankfurter Opernbühne zu sehen ist.
Passend dazu entfaltet Sebastian Weigle aus dem Orchestergraben einen peitschend vorantreibenden Orchestersog, den ihm ein hervorragend disponiertes Orchester ermöglicht. Dabei gönnt er sich und uns schwelgend die Melodieschönheit Verdis, verliert sich jedoch nie in ihr, sondern treibt Wahrheit suchend die Handlung voran.
Bettina Boyens, Main-Echo Aschaffenburg
Ein gleißender Blitz fährt vom Bühnenhimmel. Frankfurts Generalmusikdirektor Sebastian Weigle schleudert das grelle Licht förmlich hinaus aus dem Graben des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters – der Mann am Pult ist auch bei der Premiere von Giuseppe Verdis Otello am Sonntagabend wieder ein Glücksfall für das Haus, denn er treibt das Drama fort, wo es diesem gut tut, und hält sich dort zurück, wo Sänger und Handlung Zurückhaltung einfordern.
Punktgenau zum grellen Licht des ersten Blitzstrahls richtet sich auf den schräg nach hinten angehobenen Brettern der Bühne, mitten zwischen paarig drapierten Soldatenstiefeln, ein schwarz geschminkter Mann auf. Otello, denkt man, wird das wohl sein: der Mohr von Venedig, den Verdi und sein Librettist Arrigo Boito wie in Shakespeares Schauspiel-Vorlage siegreich nach Zypern zurückkehren lässt. Er ist es aber nicht. Der schwarz bemalte Mann ist nur ein Statist. Er spielt den Sklaven, der Otello einmal war, den er zurückließ – Otellos Mensch gewordene dunkle Vergangenheit.
Der Regisseur Johannes Erath hat zum wilden Orchestervorspiel auf gedankenvolle Weise die Vorgeschichte des Stücks ins Bild gesetzt: wie Desdemona sich ihrer Militärkleidung entledigt und den ersten, dunkelhäutigen Otello an die Hand nimmt, wie dahinter der andere, in Frankfurt hellhäutige Kriegsgewinner Otello aufsteht, den in Frankfurt der Tenor Carlo Ventre singt; wie dieser seinen Vorgänger umbringt und sich dann selbst mit der schönen Frau verbindet und wie ihn schließlich beim Abgehen nach hinten die Vergangenheit doch nicht loslässt.
Es gibt einiges Kluges, Durchdachtes und vor allem viel präzise mit der Musik Synchronisiertes an diesem Abend zu sehen. Zumal die Lichtregie fast seismographisch auf Akzente aus dem Orchester reagiert. Gerade in Momenten des intimen Kammerspiels ist die Personenführung fein durchgearbeitet, und die Idee, die Bauernszene im zweiten Akt (als Vision Otellos?) rund um Desdemonas Grab spielen zu lassen, hat durchaus etwas für sich. (...)
(...) Claudia Mahnke – wie gern erinnern wir uns an die starken Stuttgarter Zeiten dieser immer mit Hingabe singenden Mezzosopranistin! – gibt eine zerrissene Emilia, Teodor Ilincai einen guten Cassio, und Elza van den Heever als Desdemona möchte man spätestens nach dem verzweifelten „Cantiamo!“ in ihrem Lied von der Weide für ihre vielen fast ansatzlosen, reinen Höhentöne und für die warme, klare Schönheit ihres Singens umarmen. Allein für diese Sängerin in der Partie einer Frau, die immer und immer nur singen muss, lohnt sich ein Opernausflug nach Frankfurt. Für dessen feine instrumentale Grundierung im weiten dramatischen Spektrum zwischen Nachtgebet und Monumental-Musiktheater sorgt der Mann am Pult. Sebastian Weigle hält die Spannung, verhilft dem Singen im Orchester ebenso zu seinem Recht wie den gegenstimmigen Passagen in Verdis vorletzter Oper. (...)
Susanne Benda, Stuttgarter Nachrichten
Wie böse es unter der dünnen Kruste der Zivilisation brodeln kann, hat Richard Wagner in den Meistersingern gezeigt: Nürnbergs Bürger schlagen zur Prügelfuge wild aufeinander ein. Ein wenig muss man in Johannes Eraths Inszenierung von Giuseppe Verdis später Shakespeare-Oper Otello an Wagners aus den Fugen geratende Stadtgesellschaft denken. Auch auf Frankfurts Opernbühne kommt es zu einem kollektiven Gewaltausbruch, und die bürgerliche Kleidung legt eine Allerweltsgesellschaft der Gegenwart nahe, weit weg von Shakespeares Zypern unter venezianischer Herrschaft. Das Böse ist unter uns und wird vom Dirigenten Sebastian Weigle mit grummelnden Kontrabässen und orchestralem Biss begleitet.
(...)
Das Böse hat bei Verdi freilich einen besonders fiesen Katalysator, wird sehr konkret personalisiert: Jago ist dieser Geist, der stets verneint und mit seiner Intrige die Protagonisten dem Untergang zutreibt. Mit Sonnenbrille und Soldatenstiefeln sieht Marco Vratogna arg nach Klischee aus, gibt der Figur im berühmten Credo aber durchaus persönliches Profil. Sein Bekenntnis zum Bösen vereist die Szene zu einer düsteren Momentaufnahme. Deren Rahmen ist in der Neuinszenierung Dirk Beckers karger schwarzer Bühnenkasten, in dem ein roher Bretterboden eine antiillusionistische Probebühnensituation andeutet, wie man sie etwa von Sandra Leupolds ähnlich reduzierten Inszenierungen her kennt. Nicht äußere Realität, nur die innere Wahrheit des Theaters zählt. Desdemonas Tuch, das eine zentrale Funktion in der Intrige hat, fällt am vorderen Bühnenrand zu Boden und wird sogleich weit hinten von Emilia aufgehoben.
Stärker als das Konzept, stärker als Chor-Mummenschanz (Kostüme: Silke Willrett) oder die allzeit bereiten, etwas ausgelatschten Militärstiefel einer von Gewalt grundierten Gesellschaft, sorgt die Intensität von Johannes Eraths Personenführung für die Vergegenwärtigung der Tragödie. Die Spannung zwischen den Figuren ist stets greifbar, wird von Sebastian Weigle und einer Reihe vorzüglicher Sängerdarsteller getragen: Elza van den Heever gibt eine Desdemona, die zwischen berückendem Piano und Fülle strahlenden Wohllauts nachhaltig fesselt. Auf den Flügeln dieses Gesangs wird der Abend Verdis Shakespeare-Welttheater auf jeden Fall gerecht. Das muss man gehört haben. Teodor Ilincai ist ein schön timbrierter, jugendlicher Cassio, Claudia Mahnke eine starke Emilia.
Mit seinem "Esultate!" hat Carlo Ventre in der Titelpartie einen berüchtigten, denkbar schweren Start. Sein Otello gewinnt bald überzeugenderes heldisches Format – und erzählt die Geschichte einer gescheiterten Integration. Der Mohr von Venedig legt seine Mohren-Existenz in Form eines schwarzen Alter Egos am Bühnenrand ab, nachdem der Erfolg als Feldherr ihn scheinbar zum vollwertigen Venezianer gemacht hat. Er wird freilich ein Außenseiter bleiben und am Ende wieder von seinem anderen Ich eingeholt: Mohr bleibt Mohr, selbst wenn er weiß ist.
Volker Milch, Wiesbadener Kurier
(...) Sebastian Weigle schöpft gemeinsam mit dem prächtig aufspielenden Frankfurter Museumsorchester die Partitur auf ihre das Drama illustrierenden Momente aus. Das reicht von innigster klanglicher Zartheit bis hin zu straff organisierter Explosivität und wird zum mitreißenden Erlebnis, in das sich der Chor (Matthias Köhler) bestens einbringt. Der Premierenbeifall war heftig, aber für das Inszenierungsteam ebenso heftig gespalten. Was einem wirklich nahegehenden Opernabend keinen Abbruch tut.
Eckhard Britsch, Mannheimer Morgen
(...) Doch zeichnet sich Eraths Regie insgesamt dann doch durch eine plausible Personenführung aus. Natürlich ist im Falle Otellos die Herkunft, das Fremdsein nicht so leicht abzulegen. Viel zu stark ist er mit sich selbst beschäftigt, um zu merken, wie übel ihm mitgespielt wird, viel zu sehr lebt er bereits im großen Liebesduett des ersten Aktes in der Vergangenheit, als dass er der realen, komplexen und widersprüchlichen Welt angehört. Desdemona geht vollkommen in ihrer Verliebtheit auf, ist derart kindlich-reine, naive Braut, dass auch sie nur passiv miterlebt, was ihr passiert. (...)
Bernd Zegowitz. Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg
(...) Keine musikalische Frage ließen Sebastian Weigle und das bestens aufgelegte Frankfurter Opernorchester unbeantwortet. Vor allem nicht die, ob es sich hier nicht doch (wie böse italienische Zungen unter Verdis Zeitgenossen meinten) um eine der besten Opern von Richard Wagner handle. Nein, Wagnerexperte Weigle präsentierte echte, zugespitzt "italienische" Oper, klar und hart konturiert im dramatischen Aufriss, mit einer wunderbar sprengenden, sprunghaften Plötzlichkeit der Ausbrüche und sensibelster lyrischer Austarierung in Desdemonas abgründig einsamen Schlussmelodien.
Übrigens hätte die Oper an diesem Abend Desdemona heißen können, denn die weibliche Hauptrolle mit Elza van den Heever war das Zentrum der Aufführung, das Ereignis dieser Neuproduktion. Eine reife, riesengroße Stimme mit unglaublicher Nuancierungsfähigkeit im Leiden und in der Leidenschaft. Voller Zärtlichkeit und Genauigkeit. Und eine Spielpräsenz, die bei aller scheinbar unkompliziert-üppigen Mädchenhaftigkeit etwas rätselhaft Unberührbares, Undurchdringliches ausstrahlte. (...)
Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau
(...) Der italienische Bariton Marco Vratogna liefert einen wahrhaft dämonischen Jago ab, darstellerisch und musikalisch auf höchstem Niveau. Der Nihilist triumphiert auf ganzer Linie. (...)
Thomas Wolff, Darmstädter Echo
(...) Eraths Otello darf als in Bann ziehender Deutungsversuch gelten. Es ist dem Regisseur gelungen, den Rachefeldzug des Jago als funktionale Einheit zu zeichnen. Für die in sich ruhende Inszenierung mit Kammerspielcharakter hagelte es bei der Premiere am Sonntag im voll besetzten Haus lautstarke Buhs für das Regie- und Ausstatterteam, während Sänger und Orchester bejubelt wurden – in Frankfurt durchaus ein Ritual.
Manfred Merz, Gießener Allgemeine Zeitung
Siegfried, Premiere vom 30. Oktober 2011
Abschied und Aufbruch
Mit einem großartigen Siegfried setzt die Oper Frankfurt Wagners Ring fort
Regisseurin Vera Nemirova entdeckt am dritten Abend ganz neue Facetten – und findet die einhellige Zustimmung des Publikums.
Wäre Der Ring des Nibelungen eine Sinfonie, nähme Siegfried den Platz des Scherzo ein. Tatsächlich schlägt Wagner deutlich heitere, gleichwohl mit Sarkasmen gepaarte und häufig ins Zynische greifende Töne an. Sein Libretto hat er mit elaborierten Kunstworten („Mit Bappe back ich kein Schwert“) und stabreimend gedrechselten Versen („Flickst du mit Flausen den festen Stahl“) gespickt.
Ja, komisches Potential gibt es: wenn Mime (ein gleißend heller Charaktertenor mit Küchenschürze: Peter Marsh) Siegfried das Leben lehren will – oder gar das Fürchten. Das schlägt rasch um, wenn der Zögling dem Meister in Wahrheit das Schmieden beibringt und ihn zuletzt erschlägt. Und wie leicht kann Peinlichkeit aufkommen, wenn Siegfried das Fürchten tatsächlich lernt, indem er das Weib („Brennender Zauber zückt mir ins Herz“) an sich entdeckt!
(...)
Nicht so im Frankfurter Ring. Vera Nemirova entdeckt am dritten Abend der Tetralogie nämlich noch andere Spuren: Zärtlichkeit, Mitleid – und dass Siegfried, obwohl der junge Held hier aufbricht, die Welt zu retten (ohne es zu wissen), auch Momente des Abschieds beinhaltet. Brünnhilde (empfindsam und zugleich kraftvoll: Susan Bullock) auf dem Felsen muss von der Rolle aus ihrem ersten Leben als kämpfende Maid lassen, um sich den Gefühlen zu ergeben, mit denen der junge Mann sie bestürmt und die er in ihr geweckt hat.
Der Wanderer hingegen (mit kraftvoll-männlich wohltönendem Bariton bricht Terje Stensvold in die bizarr grelle Schmiedewelt ein) bekommt zu spüren, dass seine Zeit und seine Wotan-Rolle in dieser Welt zu Ende, sein Plan gescheitert ist – oder jedenfalls er an seinem Gelingen keinen Anteil mehr haben wird. Siegfried zerbricht seinen Speer, Runen und Verträge gelten nichts mehr, der alternde Gott birgt resignierend den Kopf im Schoß seiner müden ehemaligen Gefährtin Erda, der mit erdeberührend wallendem Haar, stimmlich greller Mitte und voluminöser Tiefe imposant erscheinenden Meredith Arwady. Sie liest ihm die Leviten und ergibt sich emotionslos in ihr Ende.
Solche ungewöhnlichen, detailgenauen und von keinerlei Deutungsplumpheiten getrübten Erzählhaltungen unterstützt auch Jens Kilians geniale Einheitsbühnenerfindung, die den ganzen Zyklus trägt und prägt. Die eine an einer Seite erhöhte, runde Scheibe ist, wie man es von alten, holzbeheizten Herden kennt, aus mehreren Ringen gefügt. Das Drehen einzelner Ringe oder auch der ganzen Scheibe zeigt Ebenen und Gebirge und lässt im Untergrund Höhlen, Nischen und Verstecke genauso entstehen wie zerklüftete Landschaften an der Oberfläche. Hier tut sich die Neidhöhle auf: Man braucht geschicktes Licht (Olaf Winter) und ein bisschen Dampf, aber keinen feuerspeienden Drachen – Fafner (sonor: Magnus Baldvinsson), von Ingeborg Bernerth in ein plastiniertes Kostüm gesteckt, nur noch ein Gebilde aus Muskeln und Sehnen, wird von Siegfried fast wehmütig erlegt. Dort ist die Schmiede, nicht mehr als der glühende Innenring, den Siegfried mit nackten Füßen betreten kann – er hat ja das Fürchten nicht gelernt! Nothung, das mit strahlendem „Hahei!“ gehämmerte Schwert, reckt der Held über dem Kopf von Mime, der das Spiel seinerseits schon gewonnen glaubt, in die Höhe – auch solch sinnfällige Parallelhandlungen erlaubt diese Bühne.
Bezaubernd die Idee, den von Robin Johannsen gesungenen Waldvogel in Gestalt eines eleganten, geschmeidigen Tänzers (Alan Barnes) auf die Bühne zu bringen. Auf diese Weise konzentriert sich das naturmystische Waldweben auf feinste Kammermusik und verwandelt sich, in diesem Falle besonders anrührend und liebevoll, in menschliches Maß. Nicht nur versorgt der Vogel Siegfried mit dem Rohr, aus dem ein Mensch aber unmöglich Töne hervorbringen kann: Er besänftigt sogar sanft den Hader von Mime und Alberich (ein ruppig-böser Realist: Jochen Schmeckenbecher), die vor der Neidhöhle lauern und über die Verteilung der albern dicken Tüten mit Papiergeld streiten – Ring und Tarnhelm bleiben ihnen versagt.
(...)
Sebastian Weigle und das konzentriert spielende Opern- und Museumsorchester betonen einmal mehr die kammermusikalischen Qualitäten der Partitur. Die Sänger haben Vorrang, bekommen Zeit für ihre Dialoge, die hier Fahrt gewinnen, sich zuspitzen und dort sich entspannen dürfen. Generalpausen steigern hier und da die Spannung.
Wie von ferne schimmern die Motive auf, sie erklären die Herkunft und Wirkung der Geschehnisse in Erinnerung und erklären sie. Musik und Regie unterstützen sich in Gesten und Haltungen gegenseitig aufs Beste. Wie Brünnhilde am Ende zur Frau wird und Siegfried zum Mann, wie beide ihr bisheriges Leben aufgeben und sich finden dürfen, Abschied und Aufbruch vereinend – man verfolgt es atemlos, das ist großes Theater.
Ob Lance Ryans stabiler, schlanker und jugendlich heller Tenor in der Titelpartie noch zu wärmeren, auch gefühlvolleren Tönen findet, wird man mit Spannung verfolgen. Dieser Ring setzt Maßstäbe, an denen Bayreuth 2013 zu messen sein wird. Die Intensität des Beifalls lässt das ahnen.
Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse
(...) Lance Ryans unforcierter, hell timbrierter Tenor führt einen von Aufzug zu Aufzug zunehmend nuancenreichen Siegfried vor, dem man gern in den Wald folgt und dem man seine rüde Unbedarftheit und Endlos-Pubertät bis zum Ende abnimmt. Susan Bullock gibt der kraftvoll-dramatischen Brünnhilde viel weiches, fein intoniertes, dunkles Leuchten. Terje Stensvold ist ein geradezu exemplarischer Wotan/Wanderer, der die selbstherrlich-unüberlegten ebenso wie die menschlich-melancholischen Anteile dieser Figur so stimmig auf die Bühne bringt, dass seine stimmliche Statur und darstellerische Präsenz ihn mehr und mehr zu einem Maßstab dafür machen, wie diese Figur zu verstehen ist.
(...) Sebastian Weigle (...) zeigt großen Respekt vor den Sängern, die er vorbildlich unterstützt und manchmal auch dynamisch fordert. Er verstreicht nicht Farben mit breitem Pinsel, sondern aquarelliert vielschichtig, behutsam und fein, ohne auf dynamische Spitzen und Forschheiten in den Tempi zu verzichten, und er findet die tiefdeutsche Romantik in der Partitur, die eher ein Wechselbad als ein sämiger Einheitsbrei ist. Und was soll man zum Opernorchester zurzeit Anderes sagen als: Kein Wunder, dass es von Deutschlands Kritikern wiederum zum Opernorchester des Jahres erkiest wurde.
Hans-Jürgen Linke, Frankfurter Rundschau
Der Dirigent Sebastian Weigle weiß, wie mit Wagner umzugehen ist. Seit einigen Jahren ist er in Bayreuth für die Meistersinger abonniert, für jenes Werk also, das Wagner während seiner Arbeit an der Ring-Tetralogie dazwischenkam. Als Chef der Frankfurter Oper erarbeitet Weigle derzeit einen eigenen Ring und ist jetzt beim Siegfried angekommen, dem vielleicht unpopulärsten Musikdrama Wagners. Und Weigle tut alles, um auch dem dritten Teil der Tetralogie gleichsam den Einzug in Walhall zu garantieren: Er dirigiert den Siegfried, als wäre er schon die vorweggenommene Meistersinger-Partitur, mit kammermusikalischer Auflichtung, durchweg streicherbetont, jeder Schwere enthoben. An die Stelle oft zu hörender klanglicher Massivität setzt Weigle mit großartigem Gespür für Wagners Orchestersatz die feingliedrige Beweglichkeit rascher Wechsel in Farbe, Tempo und Dynamik: ein einziges Waldweben über drei Akte hinweg, süffig, sinnlich, beglückend.
(...)
Dieser sensible Umgang mit Wagner kommt auch den Sängern zugute, allen voran Lance Ryan, der die mörderische Titelpartie versiert und stimmschön bewältigt. Positiv hinzu kommt, dass die Regisseurin Vera Nemirova ihn nicht lächerlich macht, sondern als Unwissenden, Suchenden, Fragenden ernst nimmt. In Frankfurt darf Siegfried sogar mit erlegtem Bär und Wolfsfellen auftreten (Kostüme: Ingeborg Bernerth). In herbem Kontrast dazu Mime (sehr gewandt: Peter Marsh): Er tritt nicht als Zwerg auf, sondern im Jogging-Anzug eher als ein Vertreter des modernen Prekariats, während der stimmgewaltige, ungemein bühnenpräsente Terje Stensvold als Wanderer gewissermaßen als Balkan-Tyrann daherkommt. – Mit diesem Personal vergeht der erste und längste Akt wie im Fluge, und Vera Nemirova sorgt allein durch ihre einfühlsame Personenführung für Spannung, Komik und Anteilnahme: Der Zuschauer wird zusammen mit Siegfried selbst zum Entdecker der Vorgeschichte des Rings, wobei ihm Hilfe aus dem Orchestergraben zuteil wird, wenn die einzelnen Leitmotive aufblitzen. Der zweite Akt wartet mit einem überraschenden inszenatorischen Perspektivwechsel auf. Im Mittelpunkt steht nicht der Kampf mit dem Lindwurm als Ende eines in der Vergangenheit angelegten Zwistes, sondern die durch das Waldvögelein personifizierte Zukunft: Sie liegt für Siegfried im „herrlichsten Weib“. Der Tänzer Alan Barnes, an jedem Finger eine lange Feder, hat da seinen großen Auftritt (...).
Lotte Thaler, Zürcher Neue Zeitung
(...) Dass die Oper Frankfurt hier zum Teil auf Rollendebütanten setzt, zeugt wieder einmal von der großen Stimm-Kennerschaft des Intendanten Bernd Loebe. Jochen Schmeckenbecher als Alberich und Meredith Arwady als Erda waren echten Entdeckungen!
Der Frankfurter Ring stellt sich auch mit seinem dritten Teil Siegfried in die Tradition besten Geschichtenerzählens. Hier wird die Ring-Geschichte weder transformiert noch aktualisiert. Hier wird modernes Storytelling propagiert: rätselhaft, lebendig, konstruiert und darum ein sehr sinnliches und intellektuelles Spiel.
Natascha Pflaumbaum, Deutschlandradio Kultur / Fazit
(...) Über alle Zweifel erhaben ist wie stets das Orchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Sebastian Weigle, das in der jüngsten Kritikerumfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ zum dritten Mal in Folge zum „Orchester des Jahres“ gewählt wurde.
Sandra Trauner (dpa), Welt Kompakt
Bemalt wie ein Indianer beim Kriegstanz und mit Rheingold-Klunkern behangen, ist der zum Drachen mutierte Riese Fafner die einzig schräge Type im Siegfried. Auch am zweiten Tag von Richard Wagners Trilogie Der Ring des Nibelungen setzt Vera Nemirova auf szenische Reduktion, erschließt dafür im aufregenden Psycho-Clinch das Innenleben ihrer Helden umso gründlicher. Dagegen nimmt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter seinem Chefdirigenten Sebastian Weigle mächtig Fahrt auf. Und dann ist da noch ein Titelheld, dessen tenorale Stimmkraft abendfüllend überzeugt: Lance Ryan gibt den heldischen Haudrauf ebenso unbekümmert, wie er die empfindsamen Seiten des Vollwaisen Siegfried berührend anklingen lässt.
Von Anbeginn ist Weigle Chef im Ring, in den Vorspielen einen dunklen Schleier über das märchenhaft-mörderische Geschehen legend und diesen lüftend. Allemal ein Fest der Tieftöner, die in vielen Schattierungen Wagners Motive – Rückblenden aufs Ring-Geschehen – entwirren oder hochdramatisch verdichten. Dabei bleibt trotz teils gnadenloser Härte die Balance zu den Sängern immer gewahrt.
Wie Weigle diesen orchestralen Grob- und Feinschnitt bei geschlossenem Vorhang (wenn Siegfried sich auf die Suche nach der Walküre Brünnhilde macht) in Puccini verbundenes, unendliches Liebes-Melos überführt, das macht atemlos. Wie zuvor schon ein „Waldweben“ aus berückendem Streicher-Flimmern und Holzbläser-Naturlaut: Das „Orchester des Jahres“ bestätigt einmal mehr seinen Rang.
(...) So schnell vergehen fünfeinhalb Wagner-Stunden selten – nicht einmal in Bayreuth.
Klaus Ackermann, Offenbach-Post
Dritter Teil des Frankfurter Rings mit Siegfried geschmiedet
Der Naturbursche als verlorener Sohn: Vera Nemirovas psychologisch dichte Sicht auf die Oper von Richard Wagner.
Jeder sieht in ihm etwas anderes: Für den Nibelungenzwerg Mime ist der Findelknabe Siegfried ein „Wolfssohn“. Fafner dagegen, Riese und Riesenwurm in Personalunion, verhöhnt ihn als „prahlendes Kind“ – bis der ihn mit dem Schwert Nothung kalt stellt. Die verliebte Brünnhilde schmachtet ihm als „seligem Helden“ entgegen.
Bei der bulgarischen Regisseurin Vera Nemirova darf Siegfried all das sein und noch viel mehr. Getreu ihrem gut durchdachten, psychologisierenden Deutungsansatz sieht sie in dem tölpeligen Drachentöter vor allem ein zutiefst frustriertes Kind, dem elterliche Zuneigung ebenso fehlen wie positive Vorbilder. Dass so einer gefühlskalt Fafner und Mime erschlägt, gleichzeitig aber aus Furcht vor der Liebe zu einer Frau Qualen leidet, ist durchweg überzeugend.
Im Kanadier Lance Ryan hat sie einen Titelhelden gefunden, der trotz seiner bereits achten Verkörperung der Rolle noch neugierig genug ist, sich mit diesen zumeist übersehenen, Kasper Hauser ähnlichen Zügen von Wagners Lieblingsrecken auseinanderzusetzen. Das Zurückschrecken in der Liebeswerbung um Brünnhilde, die vielen Stufen des Erstaunes, das mehr blinde Erfühlen der Geliebten, ohne ihren Blick aushalten zu können: Selten ist Siegfrieds Werben um die erwachte Ex-Walküre weniger heldisch, weniger strahlend, dafür menschlich umso berührender über die Bühne gegangen, als jetzt bei der Premiere in der Frankfurter Oper am Sonntag. Wie bereits im Rheingold und der Walküre erweist sich die Regisseurin als empathische Theaterpsychologin, die ganz ohne Aufgesetztheit Menschen wie du und ich erschaffen kann.
(...)
Jens Kilians bereits viel bejubelte Frankfurter Drehscheibe schimmert diesmal wie ein grünlich vermooster Waldboden, kann sich aber auch beeindruckend zum blutrot windenden Lindwurm aufspreizen. Gelungen auch das mächtige Erleuchten der zwei inneren Ringe als Herd alter Zeiten, in dem Siegfried die einzelnen Stücke Nothungs zusammenschweißt. Der kluge Bühnenbildner lässt einen echten Feuerring um die Felsenhöhle Brünnhildes auflodern, der sich mit aufreizender Langsamkeit in höchste Höhen schwingt, wenn sich die Liebenden näherkommen. Dass er dabei einen dunklen Schatten wirft, weist bereits auf den tragischen Liebesverrat in der Götterdämmerung voraus. Wie bereits in den ersten Teilen entspricht die majestätische Langsamkeit der Drehbewegungen Wagners kunstvollem Anschwellen von Crescendi und Decrescendi.
Stimmlich überzeugt Lance Ryan in der fordernden Hauptrolle mit seinem sehr hohen, schmetternden Tenor. Variantenreicher und mit innig warmen Schattierungen singt sich Susan Bullock als Brünnhilde in das Herz ihres Erweckers. Ensemblemitglied Peter Marsh weiß, stimmlich und charakterlich der Rolle Mimes gerecht zu werden. Überragend wie bereits im Rheingold: Terje Stensvold als wandernder Wotan und Jochen Schmeckenbecher in der Rolle des Alberich.
Spätestens im dritten Aufzug übernimmt Generalmusikdirektor Sebastian Weigle mit seinem Museumsorchester die Hauptrolle. Ihm als einstigem Hornsolisten kommt kein noch so leiser Blechbläser-Wackler unter, ihm als sensiblen Wagner-Interpreten ist die besondere Gabe eigen, die vielen gegensätzlichen Strömungen im Siegfried zu einem einheitlichen, musikalischen Fließen zu bündeln. Nie müssen die Sänger gegen das Orchester anschreien, immer ist das Gesamtzusammenwirken aller musikalischen Kräfte höchstes Ziel. Am Ende gibt es zu Recht Trampel-Ovationen für Weigle, viele Bravos für das Regieteam und Orkanstürme für den Heldentenor.
Bettina Boyens, Giessener Allgemeine Zeitung
(...) Die Auseinandersetzungen mit Mime wurden aber auch deshalb zu den Höhepunkten der Aufführung, weil Ryan mit dem US-Amerikaner Peter Marsh ein gleichwertiger Interpret des Mime gegenüberstand. Das langjährige Frankfurter Ensemblemitglied präsentierte sich in herausragender Form, sang die Partie des keifenden Zwergs wunderbar flexibel, konturenscharf und mit Sinn für die ironisierenden Nuancen, welche die Gefährlichkeit Mimes deutlich machen, der ja Siegfried hinterlistig töten will, nachdem dieser den Nibelungenhort aus den Fängen Fafners befreit hat. Marshs Interpretation ließ keine Wünsche offen, da seine vokale Darbietung weit über jene hinausging, die man sonst bei dieser Rolle von Charaktertenören gewohnt ist. Dazu kam seine szenische Leistung, die Mimes böse Absichten noch unterstrich. (...)
Lars-Erik Gerth, Maintal Tagesanzeiger
Viele Wege führen zu Wagners Ring, und wer im Rhein-Main-Gebiet lebt, muss keine weiten Wege einschlagen, um auf verschiedene Deutungsmöglichkeiten zu stoßen. Ein Eldorado für Wagnerianer im Vorgriff aufs Jubeljahr 2013, wenn Richard der Große zum 200. Geburtsjahr gefeiert wird. Aber was bieten dann die Häuser, wenn sie sich längst am Ring abgearbeitet haben?
In Frankfurt zeigt Vera Nemirova ihre Sicht der Dinge. Sie pflegt eine wundersam klare Bühnensprache, die von der Reduktion lebt, ja regelrecht beflügelt wird und dafür durch die „Frankfurter Scheibe“ von Bühnenbildner Jens Kilian die perfekte Lauf- und Kletterfläche erhält. Die ist ein raffiniertes Ding: Konzentrisch ineinandergreifende Ringscheiben, die unterschiedlich schräg gestellt werden können, fordern ein exemplarisches, szenisches Destillat heraus. Hier werden die Figuren geradezu gezwungen, sich ganz auf ihre Interaktionen zu besinnen. (...)
Eckhard Britsch, Mannheimer Morgen
(...) Sebastian Weigles Ensemble bietet enorme Präzision und schafft sogar Dinge, die kaum zu fassen sind: Das Walhall-Motiv zum Beispiel tönt mächtig und zärtlich in einem. Vor allem aber legt sich der Sound wie Samt und Seide um die Sänger, so gut wie nie darüber, gleitet dabei keineswegs in musikalisches Duckmäusertum ab. Aus dem Graben wird kommentiert, unterstrichen, widerlegt und auch mal mit der Wahrheit herausgeplatzt.
Als dann noch Terje Stensvold auftritt, ist der Theaterabend schon im ersten Drittel perfekt. Sein eigenwilliger, ehrfurchtgebietender Wotan der Folgen eins und zwei hat noch an Suggestivkraft gewonnen, an Gewalt aber nichts eingebüßt. In seiner Beherrschung des Riesen-Ambitus klingt es unverändert so, als sei dieser Göttervater noch am Drücker. (…)
Christian Knaatz, Darmstädter Echo
(...) Siegfried und Brünnhilde verkörpern inmitten einer korrumpierten Welt noch die Integrität des mythischen Urzustandes, in dem Natur und Liebe alles sind. Selten wurde diese Beziehung mit all ihrer Ängstlichkeit, Neugier, Lust und Unbekümmertheit der ersten Liebe naiv-wissender nachgezeichnet. Und es scheint ein Wunder, dass er bei aller Aufgeregtheit am Ende doch noch neben ihr zur Ruhe kommt. Hoffnungsvoller ist kein anderer Moment der Tetralogie.
Ebenso berührend sind die Szenen mit dem Waldvogel, der von Alan Barnes getanzt
und von Robin Johannsen gesungen wird. Der erst scheiternde und später gelingende Dialog zwischen Mensch und Tier wirft ein ebenso differenziertes, wie erhellendes Bild auf die Beziehungen des Naturburschen zu seiner Umwelt. (...)
Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg
(...) Dirigent Sebastian Weigle (...) verstand es meisterlich, die Kontraste in dieser riesigen Partitur herauszuarbeiten. Selten hört man ein Orchester so sensibel mit den Sängern atmen. Glasklare Verständlichkeit war die erfreuliche Folge – auch wegen der vorbildlich genauen Artikulation der überwiegend nichtdeutschen Solisten. Was für ein Gegensatz zu dem mulmig-verschliffenen Kauderwelsch, das sonst auf deutschen Bühnen bei Wagner-Aufführungen häufig zu hören ist. (...)
Peter Jungblut, BR 2 / kulturWelt
(...) eine Feier der Musik (...)
Frank Pommer
(...) Einheitlich furios ist (...) der erste Akt gelungen, dank Terje Stensvold, dessen nobler, textgenauer Bariton die Müdigkeit des zum rastlosen Wanderer gewordenen Wotan elegant ausprägt, auch dank Peter Marshs quicklebendigem Mime von spieltenoraler Stärke. Jochen Schmeckenbechers Alberich und Magnús Baldvinssons aus dem Off hereintransportierter Fafner-Gesang stärken das vokale Ensemble-Niveau (...). Sebastian Weigle und sein Orchester trugen mit bündigen Tempi, blechgestärktem Klang und mit einer Präsenz, die forderte, aber die Sänger nie überforderte, souverän durch die Premiere.
Axel Zibulski, Wiesbadener Kurier
Mit einem großartigen Siegfried setzt die Oper Frankfurt Wagners Ring fort
Regisseurin Vera Nemirova entdeckt am dritten Abend ganz neue Facetten – und findet die einhellige Zustimmung des Publikums.
Wäre Der Ring des Nibelungen eine Sinfonie, nähme Siegfried den Platz des Scherzo ein. Tatsächlich schlägt Wagner deutlich heitere, gleichwohl mit Sarkasmen gepaarte und häufig ins Zynische greifende Töne an. Sein Libretto hat er mit elaborierten Kunstworten („Mit Bappe back ich kein Schwert“) und stabreimend gedrechselten Versen („Flickst du mit Flausen den festen Stahl“) gespickt.
Ja, komisches Potential gibt es: wenn Mime (ein gleißend heller Charaktertenor mit Küchenschürze: Peter Marsh) Siegfried das Leben lehren will – oder gar das Fürchten. Das schlägt rasch um, wenn der Zögling dem Meister in Wahrheit das Schmieden beibringt und ihn zuletzt erschlägt. Und wie leicht kann Peinlichkeit aufkommen, wenn Siegfried das Fürchten tatsächlich lernt, indem er das Weib („Brennender Zauber zückt mir ins Herz“) an sich entdeckt!
(...)
Nicht so im Frankfurter Ring. Vera Nemirova entdeckt am dritten Abend der Tetralogie nämlich noch andere Spuren: Zärtlichkeit, Mitleid – und dass Siegfried, obwohl der junge Held hier aufbricht, die Welt zu retten (ohne es zu wissen), auch Momente des Abschieds beinhaltet. Brünnhilde (empfindsam und zugleich kraftvoll: Susan Bullock) auf dem Felsen muss von der Rolle aus ihrem ersten Leben als kämpfende Maid lassen, um sich den Gefühlen zu ergeben, mit denen der junge Mann sie bestürmt und die er in ihr geweckt hat.
Der Wanderer hingegen (mit kraftvoll-männlich wohltönendem Bariton bricht Terje Stensvold in die bizarr grelle Schmiedewelt ein) bekommt zu spüren, dass seine Zeit und seine Wotan-Rolle in dieser Welt zu Ende, sein Plan gescheitert ist – oder jedenfalls er an seinem Gelingen keinen Anteil mehr haben wird. Siegfried zerbricht seinen Speer, Runen und Verträge gelten nichts mehr, der alternde Gott birgt resignierend den Kopf im Schoß seiner müden ehemaligen Gefährtin Erda, der mit erdeberührend wallendem Haar, stimmlich greller Mitte und voluminöser Tiefe imposant erscheinenden Meredith Arwady. Sie liest ihm die Leviten und ergibt sich emotionslos in ihr Ende.
Solche ungewöhnlichen, detailgenauen und von keinerlei Deutungsplumpheiten getrübten Erzählhaltungen unterstützt auch Jens Kilians geniale Einheitsbühnenerfindung, die den ganzen Zyklus trägt und prägt. Die eine an einer Seite erhöhte, runde Scheibe ist, wie man es von alten, holzbeheizten Herden kennt, aus mehreren Ringen gefügt. Das Drehen einzelner Ringe oder auch der ganzen Scheibe zeigt Ebenen und Gebirge und lässt im Untergrund Höhlen, Nischen und Verstecke genauso entstehen wie zerklüftete Landschaften an der Oberfläche. Hier tut sich die Neidhöhle auf: Man braucht geschicktes Licht (Olaf Winter) und ein bisschen Dampf, aber keinen feuerspeienden Drachen – Fafner (sonor: Magnus Baldvinsson), von Ingeborg Bernerth in ein plastiniertes Kostüm gesteckt, nur noch ein Gebilde aus Muskeln und Sehnen, wird von Siegfried fast wehmütig erlegt. Dort ist die Schmiede, nicht mehr als der glühende Innenring, den Siegfried mit nackten Füßen betreten kann – er hat ja das Fürchten nicht gelernt! Nothung, das mit strahlendem „Hahei!“ gehämmerte Schwert, reckt der Held über dem Kopf von Mime, der das Spiel seinerseits schon gewonnen glaubt, in die Höhe – auch solch sinnfällige Parallelhandlungen erlaubt diese Bühne.
Bezaubernd die Idee, den von Robin Johannsen gesungenen Waldvogel in Gestalt eines eleganten, geschmeidigen Tänzers (Alan Barnes) auf die Bühne zu bringen. Auf diese Weise konzentriert sich das naturmystische Waldweben auf feinste Kammermusik und verwandelt sich, in diesem Falle besonders anrührend und liebevoll, in menschliches Maß. Nicht nur versorgt der Vogel Siegfried mit dem Rohr, aus dem ein Mensch aber unmöglich Töne hervorbringen kann: Er besänftigt sogar sanft den Hader von Mime und Alberich (ein ruppig-böser Realist: Jochen Schmeckenbecher), die vor der Neidhöhle lauern und über die Verteilung der albern dicken Tüten mit Papiergeld streiten – Ring und Tarnhelm bleiben ihnen versagt.
(...)
Sebastian Weigle und das konzentriert spielende Opern- und Museumsorchester betonen einmal mehr die kammermusikalischen Qualitäten der Partitur. Die Sänger haben Vorrang, bekommen Zeit für ihre Dialoge, die hier Fahrt gewinnen, sich zuspitzen und dort sich entspannen dürfen. Generalpausen steigern hier und da die Spannung.
Wie von ferne schimmern die Motive auf, sie erklären die Herkunft und Wirkung der Geschehnisse in Erinnerung und erklären sie. Musik und Regie unterstützen sich in Gesten und Haltungen gegenseitig aufs Beste. Wie Brünnhilde am Ende zur Frau wird und Siegfried zum Mann, wie beide ihr bisheriges Leben aufgeben und sich finden dürfen, Abschied und Aufbruch vereinend – man verfolgt es atemlos, das ist großes Theater.
Ob Lance Ryans stabiler, schlanker und jugendlich heller Tenor in der Titelpartie noch zu wärmeren, auch gefühlvolleren Tönen findet, wird man mit Spannung verfolgen. Dieser Ring setzt Maßstäbe, an denen Bayreuth 2013 zu messen sein wird. Die Intensität des Beifalls lässt das ahnen.
Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse
(...) Lance Ryans unforcierter, hell timbrierter Tenor führt einen von Aufzug zu Aufzug zunehmend nuancenreichen Siegfried vor, dem man gern in den Wald folgt und dem man seine rüde Unbedarftheit und Endlos-Pubertät bis zum Ende abnimmt. Susan Bullock gibt der kraftvoll-dramatischen Brünnhilde viel weiches, fein intoniertes, dunkles Leuchten. Terje Stensvold ist ein geradezu exemplarischer Wotan/Wanderer, der die selbstherrlich-unüberlegten ebenso wie die menschlich-melancholischen Anteile dieser Figur so stimmig auf die Bühne bringt, dass seine stimmliche Statur und darstellerische Präsenz ihn mehr und mehr zu einem Maßstab dafür machen, wie diese Figur zu verstehen ist.
(...) Sebastian Weigle (...) zeigt großen Respekt vor den Sängern, die er vorbildlich unterstützt und manchmal auch dynamisch fordert. Er verstreicht nicht Farben mit breitem Pinsel, sondern aquarelliert vielschichtig, behutsam und fein, ohne auf dynamische Spitzen und Forschheiten in den Tempi zu verzichten, und er findet die tiefdeutsche Romantik in der Partitur, die eher ein Wechselbad als ein sämiger Einheitsbrei ist. Und was soll man zum Opernorchester zurzeit Anderes sagen als: Kein Wunder, dass es von Deutschlands Kritikern wiederum zum Opernorchester des Jahres erkiest wurde.
Hans-Jürgen Linke, Frankfurter Rundschau
Der Dirigent Sebastian Weigle weiß, wie mit Wagner umzugehen ist. Seit einigen Jahren ist er in Bayreuth für die Meistersinger abonniert, für jenes Werk also, das Wagner während seiner Arbeit an der Ring-Tetralogie dazwischenkam. Als Chef der Frankfurter Oper erarbeitet Weigle derzeit einen eigenen Ring und ist jetzt beim Siegfried angekommen, dem vielleicht unpopulärsten Musikdrama Wagners. Und Weigle tut alles, um auch dem dritten Teil der Tetralogie gleichsam den Einzug in Walhall zu garantieren: Er dirigiert den Siegfried, als wäre er schon die vorweggenommene Meistersinger-Partitur, mit kammermusikalischer Auflichtung, durchweg streicherbetont, jeder Schwere enthoben. An die Stelle oft zu hörender klanglicher Massivität setzt Weigle mit großartigem Gespür für Wagners Orchestersatz die feingliedrige Beweglichkeit rascher Wechsel in Farbe, Tempo und Dynamik: ein einziges Waldweben über drei Akte hinweg, süffig, sinnlich, beglückend.
(...)
Dieser sensible Umgang mit Wagner kommt auch den Sängern zugute, allen voran Lance Ryan, der die mörderische Titelpartie versiert und stimmschön bewältigt. Positiv hinzu kommt, dass die Regisseurin Vera Nemirova ihn nicht lächerlich macht, sondern als Unwissenden, Suchenden, Fragenden ernst nimmt. In Frankfurt darf Siegfried sogar mit erlegtem Bär und Wolfsfellen auftreten (Kostüme: Ingeborg Bernerth). In herbem Kontrast dazu Mime (sehr gewandt: Peter Marsh): Er tritt nicht als Zwerg auf, sondern im Jogging-Anzug eher als ein Vertreter des modernen Prekariats, während der stimmgewaltige, ungemein bühnenpräsente Terje Stensvold als Wanderer gewissermaßen als Balkan-Tyrann daherkommt. – Mit diesem Personal vergeht der erste und längste Akt wie im Fluge, und Vera Nemirova sorgt allein durch ihre einfühlsame Personenführung für Spannung, Komik und Anteilnahme: Der Zuschauer wird zusammen mit Siegfried selbst zum Entdecker der Vorgeschichte des Rings, wobei ihm Hilfe aus dem Orchestergraben zuteil wird, wenn die einzelnen Leitmotive aufblitzen. Der zweite Akt wartet mit einem überraschenden inszenatorischen Perspektivwechsel auf. Im Mittelpunkt steht nicht der Kampf mit dem Lindwurm als Ende eines in der Vergangenheit angelegten Zwistes, sondern die durch das Waldvögelein personifizierte Zukunft: Sie liegt für Siegfried im „herrlichsten Weib“. Der Tänzer Alan Barnes, an jedem Finger eine lange Feder, hat da seinen großen Auftritt (...).
Lotte Thaler, Zürcher Neue Zeitung
(...) Dass die Oper Frankfurt hier zum Teil auf Rollendebütanten setzt, zeugt wieder einmal von der großen Stimm-Kennerschaft des Intendanten Bernd Loebe. Jochen Schmeckenbecher als Alberich und Meredith Arwady als Erda waren echten Entdeckungen!
Der Frankfurter Ring stellt sich auch mit seinem dritten Teil Siegfried in die Tradition besten Geschichtenerzählens. Hier wird die Ring-Geschichte weder transformiert noch aktualisiert. Hier wird modernes Storytelling propagiert: rätselhaft, lebendig, konstruiert und darum ein sehr sinnliches und intellektuelles Spiel.
Natascha Pflaumbaum, Deutschlandradio Kultur / Fazit
(...) Über alle Zweifel erhaben ist wie stets das Orchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Sebastian Weigle, das in der jüngsten Kritikerumfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ zum dritten Mal in Folge zum „Orchester des Jahres“ gewählt wurde.
Sandra Trauner (dpa), Welt Kompakt
Bemalt wie ein Indianer beim Kriegstanz und mit Rheingold-Klunkern behangen, ist der zum Drachen mutierte Riese Fafner die einzig schräge Type im Siegfried. Auch am zweiten Tag von Richard Wagners Trilogie Der Ring des Nibelungen setzt Vera Nemirova auf szenische Reduktion, erschließt dafür im aufregenden Psycho-Clinch das Innenleben ihrer Helden umso gründlicher. Dagegen nimmt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter seinem Chefdirigenten Sebastian Weigle mächtig Fahrt auf. Und dann ist da noch ein Titelheld, dessen tenorale Stimmkraft abendfüllend überzeugt: Lance Ryan gibt den heldischen Haudrauf ebenso unbekümmert, wie er die empfindsamen Seiten des Vollwaisen Siegfried berührend anklingen lässt.
Von Anbeginn ist Weigle Chef im Ring, in den Vorspielen einen dunklen Schleier über das märchenhaft-mörderische Geschehen legend und diesen lüftend. Allemal ein Fest der Tieftöner, die in vielen Schattierungen Wagners Motive – Rückblenden aufs Ring-Geschehen – entwirren oder hochdramatisch verdichten. Dabei bleibt trotz teils gnadenloser Härte die Balance zu den Sängern immer gewahrt.
Wie Weigle diesen orchestralen Grob- und Feinschnitt bei geschlossenem Vorhang (wenn Siegfried sich auf die Suche nach der Walküre Brünnhilde macht) in Puccini verbundenes, unendliches Liebes-Melos überführt, das macht atemlos. Wie zuvor schon ein „Waldweben“ aus berückendem Streicher-Flimmern und Holzbläser-Naturlaut: Das „Orchester des Jahres“ bestätigt einmal mehr seinen Rang.
(...) So schnell vergehen fünfeinhalb Wagner-Stunden selten – nicht einmal in Bayreuth.
Klaus Ackermann, Offenbach-Post
Dritter Teil des Frankfurter Rings mit Siegfried geschmiedet
Der Naturbursche als verlorener Sohn: Vera Nemirovas psychologisch dichte Sicht auf die Oper von Richard Wagner.
Jeder sieht in ihm etwas anderes: Für den Nibelungenzwerg Mime ist der Findelknabe Siegfried ein „Wolfssohn“. Fafner dagegen, Riese und Riesenwurm in Personalunion, verhöhnt ihn als „prahlendes Kind“ – bis der ihn mit dem Schwert Nothung kalt stellt. Die verliebte Brünnhilde schmachtet ihm als „seligem Helden“ entgegen.
Bei der bulgarischen Regisseurin Vera Nemirova darf Siegfried all das sein und noch viel mehr. Getreu ihrem gut durchdachten, psychologisierenden Deutungsansatz sieht sie in dem tölpeligen Drachentöter vor allem ein zutiefst frustriertes Kind, dem elterliche Zuneigung ebenso fehlen wie positive Vorbilder. Dass so einer gefühlskalt Fafner und Mime erschlägt, gleichzeitig aber aus Furcht vor der Liebe zu einer Frau Qualen leidet, ist durchweg überzeugend.
Im Kanadier Lance Ryan hat sie einen Titelhelden gefunden, der trotz seiner bereits achten Verkörperung der Rolle noch neugierig genug ist, sich mit diesen zumeist übersehenen, Kasper Hauser ähnlichen Zügen von Wagners Lieblingsrecken auseinanderzusetzen. Das Zurückschrecken in der Liebeswerbung um Brünnhilde, die vielen Stufen des Erstaunes, das mehr blinde Erfühlen der Geliebten, ohne ihren Blick aushalten zu können: Selten ist Siegfrieds Werben um die erwachte Ex-Walküre weniger heldisch, weniger strahlend, dafür menschlich umso berührender über die Bühne gegangen, als jetzt bei der Premiere in der Frankfurter Oper am Sonntag. Wie bereits im Rheingold und der Walküre erweist sich die Regisseurin als empathische Theaterpsychologin, die ganz ohne Aufgesetztheit Menschen wie du und ich erschaffen kann.
(...)
Jens Kilians bereits viel bejubelte Frankfurter Drehscheibe schimmert diesmal wie ein grünlich vermooster Waldboden, kann sich aber auch beeindruckend zum blutrot windenden Lindwurm aufspreizen. Gelungen auch das mächtige Erleuchten der zwei inneren Ringe als Herd alter Zeiten, in dem Siegfried die einzelnen Stücke Nothungs zusammenschweißt. Der kluge Bühnenbildner lässt einen echten Feuerring um die Felsenhöhle Brünnhildes auflodern, der sich mit aufreizender Langsamkeit in höchste Höhen schwingt, wenn sich die Liebenden näherkommen. Dass er dabei einen dunklen Schatten wirft, weist bereits auf den tragischen Liebesverrat in der Götterdämmerung voraus. Wie bereits in den ersten Teilen entspricht die majestätische Langsamkeit der Drehbewegungen Wagners kunstvollem Anschwellen von Crescendi und Decrescendi.
Stimmlich überzeugt Lance Ryan in der fordernden Hauptrolle mit seinem sehr hohen, schmetternden Tenor. Variantenreicher und mit innig warmen Schattierungen singt sich Susan Bullock als Brünnhilde in das Herz ihres Erweckers. Ensemblemitglied Peter Marsh weiß, stimmlich und charakterlich der Rolle Mimes gerecht zu werden. Überragend wie bereits im Rheingold: Terje Stensvold als wandernder Wotan und Jochen Schmeckenbecher in der Rolle des Alberich.
Spätestens im dritten Aufzug übernimmt Generalmusikdirektor Sebastian Weigle mit seinem Museumsorchester die Hauptrolle. Ihm als einstigem Hornsolisten kommt kein noch so leiser Blechbläser-Wackler unter, ihm als sensiblen Wagner-Interpreten ist die besondere Gabe eigen, die vielen gegensätzlichen Strömungen im Siegfried zu einem einheitlichen, musikalischen Fließen zu bündeln. Nie müssen die Sänger gegen das Orchester anschreien, immer ist das Gesamtzusammenwirken aller musikalischen Kräfte höchstes Ziel. Am Ende gibt es zu Recht Trampel-Ovationen für Weigle, viele Bravos für das Regieteam und Orkanstürme für den Heldentenor.
Bettina Boyens, Giessener Allgemeine Zeitung
(...) Die Auseinandersetzungen mit Mime wurden aber auch deshalb zu den Höhepunkten der Aufführung, weil Ryan mit dem US-Amerikaner Peter Marsh ein gleichwertiger Interpret des Mime gegenüberstand. Das langjährige Frankfurter Ensemblemitglied präsentierte sich in herausragender Form, sang die Partie des keifenden Zwergs wunderbar flexibel, konturenscharf und mit Sinn für die ironisierenden Nuancen, welche die Gefährlichkeit Mimes deutlich machen, der ja Siegfried hinterlistig töten will, nachdem dieser den Nibelungenhort aus den Fängen Fafners befreit hat. Marshs Interpretation ließ keine Wünsche offen, da seine vokale Darbietung weit über jene hinausging, die man sonst bei dieser Rolle von Charaktertenören gewohnt ist. Dazu kam seine szenische Leistung, die Mimes böse Absichten noch unterstrich. (...)
Lars-Erik Gerth, Maintal Tagesanzeiger
Viele Wege führen zu Wagners Ring, und wer im Rhein-Main-Gebiet lebt, muss keine weiten Wege einschlagen, um auf verschiedene Deutungsmöglichkeiten zu stoßen. Ein Eldorado für Wagnerianer im Vorgriff aufs Jubeljahr 2013, wenn Richard der Große zum 200. Geburtsjahr gefeiert wird. Aber was bieten dann die Häuser, wenn sie sich längst am Ring abgearbeitet haben?
In Frankfurt zeigt Vera Nemirova ihre Sicht der Dinge. Sie pflegt eine wundersam klare Bühnensprache, die von der Reduktion lebt, ja regelrecht beflügelt wird und dafür durch die „Frankfurter Scheibe“ von Bühnenbildner Jens Kilian die perfekte Lauf- und Kletterfläche erhält. Die ist ein raffiniertes Ding: Konzentrisch ineinandergreifende Ringscheiben, die unterschiedlich schräg gestellt werden können, fordern ein exemplarisches, szenisches Destillat heraus. Hier werden die Figuren geradezu gezwungen, sich ganz auf ihre Interaktionen zu besinnen. (...)
Eckhard Britsch, Mannheimer Morgen
(...) Sebastian Weigles Ensemble bietet enorme Präzision und schafft sogar Dinge, die kaum zu fassen sind: Das Walhall-Motiv zum Beispiel tönt mächtig und zärtlich in einem. Vor allem aber legt sich der Sound wie Samt und Seide um die Sänger, so gut wie nie darüber, gleitet dabei keineswegs in musikalisches Duckmäusertum ab. Aus dem Graben wird kommentiert, unterstrichen, widerlegt und auch mal mit der Wahrheit herausgeplatzt.
Als dann noch Terje Stensvold auftritt, ist der Theaterabend schon im ersten Drittel perfekt. Sein eigenwilliger, ehrfurchtgebietender Wotan der Folgen eins und zwei hat noch an Suggestivkraft gewonnen, an Gewalt aber nichts eingebüßt. In seiner Beherrschung des Riesen-Ambitus klingt es unverändert so, als sei dieser Göttervater noch am Drücker. (…)
Christian Knaatz, Darmstädter Echo
(...) Siegfried und Brünnhilde verkörpern inmitten einer korrumpierten Welt noch die Integrität des mythischen Urzustandes, in dem Natur und Liebe alles sind. Selten wurde diese Beziehung mit all ihrer Ängstlichkeit, Neugier, Lust und Unbekümmertheit der ersten Liebe naiv-wissender nachgezeichnet. Und es scheint ein Wunder, dass er bei aller Aufgeregtheit am Ende doch noch neben ihr zur Ruhe kommt. Hoffnungsvoller ist kein anderer Moment der Tetralogie.
Ebenso berührend sind die Szenen mit dem Waldvogel, der von Alan Barnes getanzt
und von Robin Johannsen gesungen wird. Der erst scheiternde und später gelingende Dialog zwischen Mensch und Tier wirft ein ebenso differenziertes, wie erhellendes Bild auf die Beziehungen des Naturburschen zu seiner Umwelt. (...)
Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg
(...) Dirigent Sebastian Weigle (...) verstand es meisterlich, die Kontraste in dieser riesigen Partitur herauszuarbeiten. Selten hört man ein Orchester so sensibel mit den Sängern atmen. Glasklare Verständlichkeit war die erfreuliche Folge – auch wegen der vorbildlich genauen Artikulation der überwiegend nichtdeutschen Solisten. Was für ein Gegensatz zu dem mulmig-verschliffenen Kauderwelsch, das sonst auf deutschen Bühnen bei Wagner-Aufführungen häufig zu hören ist. (...)
Peter Jungblut, BR 2 / kulturWelt
(...) eine Feier der Musik (...)
Frank Pommer
(...) Einheitlich furios ist (...) der erste Akt gelungen, dank Terje Stensvold, dessen nobler, textgenauer Bariton die Müdigkeit des zum rastlosen Wanderer gewordenen Wotan elegant ausprägt, auch dank Peter Marshs quicklebendigem Mime von spieltenoraler Stärke. Jochen Schmeckenbechers Alberich und Magnús Baldvinssons aus dem Off hereintransportierter Fafner-Gesang stärken das vokale Ensemble-Niveau (...). Sebastian Weigle und sein Orchester trugen mit bündigen Tempi, blechgestärktem Klang und mit einer Präsenz, die forderte, aber die Sänger nie überforderte, souverän durch die Premiere.
Axel Zibulski, Wiesbadener Kurier
Così fan tutte,
Wiederaufnahme vom 03. September 2011
Kurzweiliger Mozart zum Auftakt
Die Frankfurter Oper startete mit der Wiederaufnahme von Mozarts Così fan tutte in die neue Spielzeit.
Die Inszenierung Christof Loys von 2008 war ein Garant für Kurzweil und Laune zum Saisonauftakt. Loy belässt es beim bewährten Rezept – auf der weitgehend leeren Bühne haben die sechs Darsteller viel Raum, um ihre Charaktere effektvoll zu gestalten.
Allen voran die beiden Damen Dorabella und Fiordiligi, die mit Jenny Carlstedt und Agneta Eichenholz reizvolle Darstellerinnen haben. Aber auch die Männerstimmen erhielten bei dieser Wiederaufnahme wiederholt lautstarke Bravo-Rufe von den Rängen. Daniel Schmutzhard (als Liebhaber Guglielmo) und Daniel Behle (als Ferrando) überboten sich gegenseitig mit warmem, seidigen Timbre. Als gewitzter Philosoph Don Alfonso hatte indes Simon Bailey leichtes Spiel. Spektakulär war auch der erste Auftritt der Kammerzofe Despina mit einem klappernden Topf. Die launige Barbara Zechmeister hatte für diese komisch-ironische Rolle den richtigen Sinn und die passende Ausstrahlung. Ein unter der Leitung von Hartmut Keil kraftvoll aufspielendes Opern- und Museumsorchester sowie der von Matthias Köhler sorgsam einstudierter Chor vervollständigten alles zu einer optimalen Einheit.
Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse
(...) Insofern die Wertschätzung emotionaler Beständigkeit und die Seitensprungagentur gesellschaftlich koexistieren, können Fiordiligi (Agneta Eichenholz) und die von Jenny Carlstedt auch vokal als sinnlicher wahrzunehmende Dorabella die gegensätzlichen Haltungen sukzessive erkunden. Die dadurch ausgelösten inneren Spannungen haben sich über die Jahrhunderte nicht geändert, wohl aber die Bewertung: Loy gesteht seinen Paaren das Recht auf das Experiment zu, einschließlich der Möglichkeit, sich nunmehr in Freiheit neu für die Treue zu entscheiden. Trotz Schmerz und Enttäuschung erhalten die Paare in fiktiver Verlängerung der Bühnenhandlung ihre zweite Chance. (...) Barbara Zechmeister spielt diese Rolle [Despina] mit einer charakteristischen Mischung aus vokaler Geschmeidigkeit und sprühender Bühnenpräsenz ins Zentrum des Interesses.
Fiordiligis berühmte Bitte um Mitleid wird von Agneta Eichenholz anrührend ausgesungen (...).
Benedikt Stegemann, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Die Frankfurter Oper startete mit der Wiederaufnahme von Mozarts Così fan tutte in die neue Spielzeit.
Die Inszenierung Christof Loys von 2008 war ein Garant für Kurzweil und Laune zum Saisonauftakt. Loy belässt es beim bewährten Rezept – auf der weitgehend leeren Bühne haben die sechs Darsteller viel Raum, um ihre Charaktere effektvoll zu gestalten.
Allen voran die beiden Damen Dorabella und Fiordiligi, die mit Jenny Carlstedt und Agneta Eichenholz reizvolle Darstellerinnen haben. Aber auch die Männerstimmen erhielten bei dieser Wiederaufnahme wiederholt lautstarke Bravo-Rufe von den Rängen. Daniel Schmutzhard (als Liebhaber Guglielmo) und Daniel Behle (als Ferrando) überboten sich gegenseitig mit warmem, seidigen Timbre. Als gewitzter Philosoph Don Alfonso hatte indes Simon Bailey leichtes Spiel. Spektakulär war auch der erste Auftritt der Kammerzofe Despina mit einem klappernden Topf. Die launige Barbara Zechmeister hatte für diese komisch-ironische Rolle den richtigen Sinn und die passende Ausstrahlung. Ein unter der Leitung von Hartmut Keil kraftvoll aufspielendes Opern- und Museumsorchester sowie der von Matthias Köhler sorgsam einstudierter Chor vervollständigten alles zu einer optimalen Einheit.
Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse
(...) Insofern die Wertschätzung emotionaler Beständigkeit und die Seitensprungagentur gesellschaftlich koexistieren, können Fiordiligi (Agneta Eichenholz) und die von Jenny Carlstedt auch vokal als sinnlicher wahrzunehmende Dorabella die gegensätzlichen Haltungen sukzessive erkunden. Die dadurch ausgelösten inneren Spannungen haben sich über die Jahrhunderte nicht geändert, wohl aber die Bewertung: Loy gesteht seinen Paaren das Recht auf das Experiment zu, einschließlich der Möglichkeit, sich nunmehr in Freiheit neu für die Treue zu entscheiden. Trotz Schmerz und Enttäuschung erhalten die Paare in fiktiver Verlängerung der Bühnenhandlung ihre zweite Chance. (...) Barbara Zechmeister spielt diese Rolle [Despina] mit einer charakteristischen Mischung aus vokaler Geschmeidigkeit und sprühender Bühnenpräsenz ins Zentrum des Interesses.
Fiordiligis berühmte Bitte um Mitleid wird von Agneta Eichenholz anrührend ausgesungen (...).
Benedikt Stegemann, Frankfurter Allgemeine Zeitung
