Die Sache Makropulos (Věc Makropulos),
Wiederaufnahme vom 5. Februar 2016


(…) Knapp drei Jahre sind seit der Premiere dieser Oper vergangen – in Anbetracht eines Lebensalters von rund 330 Jahren für die Darstellerin der Emilia kein größeres Problem. Damals wie heute hieß die Sängerin Susan Bullock. Damals wie heute wurde sie am Ende mit Applaus überschüttet. (…)
Richard Jones besorgte seinerzeit eine beklemmend melancholische Inszenierung mit klarem Strich, die sich hervorragend mit der durchgeistigten Musik Janáčeks ergänzt. Das diesmal von Jonathan Darlington geleitete Oper- und Museumsorchester bewies einmal mehr Gefühl für die musikalische Sprache des mährischen Meisters. Neben der Hauptdarstellerin Susan Bullock waren Michael König (Albert Gregor), Sebastian Geyer (Jaroslaw Prus) und der füllige Nicky Spence als Sohn Janek weitere Garanten für eine erfolgreiche Wiederaufnahme. Die vielen Freunde Janáčeks, von der Frankfurter Oper reich verwöhnt, müssen nicht lange warten: Schon Ende April macht Das schlaue Füchslein seine Kapriolen. Makropulos war dafür die richtige Einstimmung.

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse

Stiffelio,
Frankfurter Erstaufführung vom 31. Januar 2016


(…) Die Oper bringt sehr zielstrebig die Kräfte von Liebe und Eifersucht, Schuld und Sühne, Rache und Vergebung miteinander ins Spiel, und das mit einer dramatischen Wucht, dass man sich wundert, warum das Stück nicht häufiger gespielt wird, seit es vor einem Vierteljahrhundert wieder in seiner ursprünglichen Gestalt rekonstruiert wurde. Bei der Uraufführung 1850, kurz vor Rigoletto, stand die Zensur im Weg, denn Verdi erzählt eine Geschichte aus dem religiösen Milieu einer evangelischen Gemeinde.
Lina betrügt ihren Mann, den charismatischen Priester Stiffelio. Der sinnt erst auf Rache, ringt sich dann zur Trennung und schließlich zur Vergebung durch – nach Jesu Vorbild, aber auch, weil seine Frau um ihre Ehe kämpft, die sie doch aufs Spiel gesetzt hat. An der Frankfurter Oper zeigt die Inszenierung von Benedict Andrews, wie viele Geschichten in diesem Stück stecken. Aber die Regie verzettelt sich nicht in den Möglichkeiten der Erzählung, sondern konzentriert die Konflikte und lotet die dramaturgisch komponierten Situationen aus. Dabei hat Andrews das Bühnenbild von Johannes Schütz auf seiner Seite, der einen Kirchenbau mit transparenten Wänden ständig in Bewegung hält. Die Blickwinkel wechseln, aber nichts bleibt verborgen, jeder beobachtet jeden. Wenn das Duell Stankar und den Liebhaber Raffaele auf einem Friedhof zusammenführt, richtet sich der Kirchenbau auf zum Kreuz. Mittendrin brütet der eifersüchtige Stiffelio, am Rande steigen die toten Frauen aus ihren Gräbern und zeigen auf die Ehebrecherin: Von solcher schlichten Eindringlichkeit sind die Bilder, die Andrews entwirft.
(…)
Dabei ist die Regie klug genug, der Musik Raum zu lassen, die ihrerseits eine Erzählung entwickelt. (…)

Johannes Breckner, Wiesbadener Kurier


(…) Da gibt es musikdramatisch schon einen mit ersticktem Piano und explosiven Wutausbrüchen Titelhelden Stiffelio zu bestaunen, wie er erst dreißig Jahre später in Otello wiederkehrt; Linas Verzweiflungsszene auf dem nächtlichen Friedhof weist auf Amelias Galgenbergszene im Maskenball voraus; da klingen geteilte Streicher wie nahe an Aidas Nil-Atmosphäre oder in Falstaffs Elfenwald; da probiert im ariosen Wechsel-Staccato von Lina und Stiffelio der Komponist neue Möglichkeiten des Duetts aus; zwei Septette können mit allen späteren Ensembles mithalten – und schnell nach dem erst anrührenden und dann wuchtigen Verzeihenshymnus geht am Ende der Vorhang zu – der ständig innovationsfreudige Verdi lässt uns ganz modern mit „vielen Fragen offen“ zurück. (…)

Wolf-Dieter Peter, www.nmz.de (neue musikzeitung)


(…) Ein tenorales Epizentrum: Russell Thomas als Priester Stiffelio, sein Beben hätte ganz andere Kirchen fundamental erschüttern können. Der Tenor aus Miami hat Power und Charisma, klingt intensiv und schön, vermeidet jedes Schluchzen und Stolzieren, ist alles in allem eine Idealbesetzung.
(…)
Das Publikum war begeistert. Zuallererst von Russell Thomas, diesem Klasse-Tenor, und von Sara Jakubiak. Aber auch das Regieteam bekam keinerlei Widerspruch zu hören für diese klarsichtige, ja puritanische Umsetzung eines pointierten Plots. (…)

Stefan Schickhaus, Frankfurter Rundschau


(…) Gedemütigt, unter Zwang verführt und dennoch verzweifelt liebende Gattin ist Sopranistin Sara Jakubiak auch stimmlich stark präsent. Ihr Arien-Gebet am Grab der Mutter – Frauen sind da unter Plastikhauben kreisförmig aufgebahrt – gehört zu den berückenden Momenten dieser Oper. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Stankar, der Vater der untreuen Lina, ist ein Verfechter von Ehre und Anstand – nach außen hin. Mit der Tochter verbindet ihn ein inzestuöses Verhältnis – für ihre Ehre ist er bereit, sich mit Raffaele zu duellieren. Allerdings wäre es Stankar am kommodsten, wenn der Skandal des Ehebruchs im Pfarrhaus sich einfach unter den Teppich kehren ließe. Ehre hin oder her – der Makel wiegt für ihn nur dann, wenn er öffentlich wird. Dario Solari aus Uruquay singt sich bei seinem Debüt in Frankfurt mit seinem warmen, raumgreifenden Bariton gleich in die Gunst des Publikums. (…)

Regina Tauer, Wetzlarer Neue Zeitung


(…) In der Musik findet sich kein Grund für den langen Dornröschenschlaf von Verdis Oper. Vom Pizzicato-Andante mit Trompetensolo im Vorspiel bis zu der von Sara Jakubiak so innig gesungenen „Preghiera“ im zweiten Akt, von prallen, dramatischen Massenszenen, der schieren Entäußerung der Titelfigur bis zu raffinierten Instrumentationen in Arien und Dialogen ist alles bester Verdi, vielleicht fehlt – im Gegensatz zu den rasch folgenden Rigoletto, Trovatore und Traviata – ein populärer „Schlager“ zum Mitsingen. Unter Jérémie Rhorer spielt das Orchester präzise, klangschön, transparent und mit sängerfreundlicher Dynamik. Das Ensemble zeigt bis in die Nebenrollen Charakter: Alfred Reiter, ein knorriger Geistlicher; Beau Gibson (Federico) und Maria Pantiukhova (Dorotea) und, vom Librettisten Francesco Maria Piave arg an den Rand gedrängt, der unglückliche Liebhaber Raffaele (Vincent Wolfsteiner). Eine gelungene Ehrenrettung dieser Oper am Frankfurter Haus (…).

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


Giuseppe Verdis selten gespielter Stiffelio überzeugt an der Frankfurter Oper als zwingende Studie über christlichen Sektenzwang, Eifersucht, Liebe und unterdrückte Sexualität. Das liegt an Verdis ekstatischer Musik ebenso wie am überzeugenden Russell Thomas in der Titelpartie. Mehr noch: Benedict Andrews’ konsequente Regie und Johannes Schütz’ karge Bühne garantieren 150 Minuten atemlose Spannung. Das Publikum reagierte bei der Premiere am Sonntag einhellig begeistert und feierte den amerikanischen Tenor mit Jubelrufen.
(…)
In der Sicht des australischen Regisseurs Benedict Andrews ist Stiffelio der charismatische Führer von fundamentalen Christen, die sich von der bedrohlichen Außenwelt abschotten und versuchen, die Utopie universeller Liebe zu leben. Als Stiffelio durch die Untreue seiner Frau selbst am Glauben zu zweifeln beginnt, stürzt er damit auch seine Gemeinde in tiefe Verunsicherung. Ganz im Kontrast zur schwelgerischen, üppigen Musik Verdis zeigt der Frankfurter Johannes Schütz das Pfarrhaus als durchlässigen Ort, in dem es keine Sekunde Privatheit gibt. Kaum ist der Verdacht des Ehebruchs im Raum, setzt Schütz die große Drehbühne in Gang und das gläserne Haus gleich mit. Im Laufe der drei Akte wird es sich boshaft zum kalten Kreuz mit dunklen Schatten aufrichten, schwindelerregend abheben und als düsterer Kirchenraum zum Symbol der Unterdrückung mutieren. (…)

Bettina Boyens, www.musik-heute.de


(…) Das Ringen um Vergebung ist ein Kampf um zivilisiertes Verhalten: Das vermittelt der amerikanische Tenor Russell Thomas mit großer Eindringlichkeit und einer großen Stimme, die über alle Register ihre Spannung nicht verliert. Mit bulliger Kraft verschließt er sich seiner Frau, die den Liebesverrat bereut und um ihre Ehe kämpft. Den Liebhaber (Vincent Wolfsteiner mit hell timbrierter Stimme als Karikatur des verwitterten Draufgängertypen) serviert sie umstandslos ab. Aber als der Vater ihn tötet, plötzlich der abgeschlagene Kopf auf der Bühne liegt und die Regie die blutige Wirklichkeit der Rache in die dezent-abstrakte Szenerie einbrechen lässt, gerät sie in einen Strudel der Gefühle. Sara Jakubiak macht diesen Weg glaubhaft mit einem differenziert eingesetzten und dramatisch beweglichen Sopran, der auch lyrische Töne von zarter Leuchtkraft produziert. (…)

Johannes Breckner, Allgemeine Zeitung Mainz


(…) Benedict Andrews bietet in Frankfurt eine schlüssige Aktualisierung und trägt damit wesentlich zur Rehabilitierung einer zu Unrecht vernachlässigten Verdi-Oper bei. (…)

Christine Franke, www.opernnetz.de


(…) Durchweg gelungen ist die musikalische Seite der Produktion. Insbesondere Russell Thomas bleibt der Titelfigur in seinem Rollendebüt nichts schuldig. Zu hören ist eine tadellos durchgeformte Stimme mit sicherer Spintohöhe und saftiger Mittellage. Die kraftvollen, leuchtenden Spitzentöne sind in eine abgerundete Gesangslinie eingebettet. Thomas wagt viele leise Momente, verfügt wo nötig über einen Lamentoso-Ton, der nichts Peinliches hat, und erfüllt die Partie mit nie versiegender Glut. Ihm zur Seite steht Sara Jakubiak als untreue Pfarrersfrau Lina. Auch sie besteht ihr Rollendebüt tadellos. Zu hören ist kein typischer Verdi-Sopran. Dafür fehlt es der Jakubiak an Schmelz, was sie aber mit darstellerischer Ernsthaftigkeit wettmacht. Mit gut fokussierter, schlanker aber durchsetzungsfähiger Stimme zeichnet sie das glaubwürdige Bild einer mit Schuld Beladenen. (…)

Michael Demel, www.deropernfreund.de


(…) Eine schnörkellose, packende Aufführung, die vom Publikum am Sonntag mit großem Beifall gefeiert wurde. Sie bietet auch einen der ungewöhnlichsten Opernschlüsse: Der Gottesdienst zum Finale, in dem die Chöre ein weiteres Mal brillieren können, ist wie ein Epilog angehängt. Das macht auch die Regie deutlich. Stiffelio findet die Bibelstelle, in der Jesus der Ehebrecherin vergibt. Aber der Konflikt der Erzählung ist nicht befriedet: Vergebung ist eine Möglichkeit, aber sie muss jedes Mal neu errungen werden.

Johannes Breckner, Darmstädter Echo


(…) Russell Thomas in der Titelrolle ist mit stimmlicher Kraft und Geschmeidigkeit eine Wucht.
(…)
Das Orchester ist unter Jérémie Rhorer fantastisch. Der Chor zeigt sich stimmstark. Heftiger Beifall.

Wertung: SEHR GUT

Josef Becker, Bild Frankfurt


Eine Verdi-Entdeckung: Nach Mannheim 2013 hat nun auch die Oper Frankfurt Verdis Oper Stiffelio wiederentdeckt. Die Inszenierung von Benedict Andrews beweist: Das vergessene Werk ist packendes Musiktheater mit zum Teil fiebrig aufgeladener Verdi-Musik.
(…)
Im letzten Bild steht Lina, nackt bis auf die Unterwäsche, ebenso entblößt wie bloßgestellt vor der versammelten Gemeinde. Von der Kanzel herab predigt ihr Mann, der sich in der Szene zuvor noch von ihr scheiden lassen wollte: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Zeit also für Vergebung? Für das große Happy End? Zweifel sind angebracht. Schließlich prügelt uns Verdis Partitur die letzten Akkorde der Oper regelrecht ins Ohr. Zutiefst verstörend, wie dieser ganze Abend.
Der hatte in Russell Thomas als Stiffelio und Sara Jakubiak als Linda zwei stimmlich herausragende Protagonisten. Zwar merkt man bei Thomas, das er mit viel Druck und Kraft agiert, aber die Spitzentöne, die er katapultartig herausschleudert, sind von manchmal elektrisierender Wirkung. Stimmlich war ihm seine Partnerin mindestens ebenbürtig, zugleich zeigte sie Lina aber als zutiefst verunsicherte, von ihrer Umgebung eingeschüchterte, zum Hysterischen neigende Frauenfigur. Mit Dario Solari als Stankar war auch die dritte große Partie sehr gut besetzt.

Frank Pommer, Die Rheinpfalz


(…) Fast alle Sänger sind Novizen in ihren Rollen. Tenor Russell Thomas gibt einen stimmgewaltigen Stiffelio. Sopranistin Sara Jakubiak ist eine impulsive Lina, die mit ihrer Arie im dritten Akt und der dazugehörenden Oboenmelodie zu Herzen geht. Der Bariton von Dario Solari als Vater Stankar ertönt durchschlagend, ebenso wie der Bass von Alfred Reiter als alter Gottesmann Jorg. Die übrigen Sänger agieren solide, der gemischte Chor unter der Leitung von Tilman Michael singt emphatisch und hat einen hohen Anteil am Erfolg des Werks. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt dazu unter dem Dirigat des jungen Jérémie Rhorer rhythmisch ausgefeilt und mit feinfühliger Dynamik. Rhorer passt die Lautstärke stets den Gegebenheiten auf der Bühne an. Ein pulsierender Abend mit anfänglichen Längen. Herzlicher Applaus vom ausverkauften Haus.

Manfred Merz, Gießener Allgemeine Zeitung


(…) Hochstimmung zur Premiere ob einer glückreich genutzten Chance zur Erkundung dieses zu Unrecht vernachlässigten Stücks.

Stefan Michalzik,
Hessische / Niedersächsische Allgemeine Zeitung Kassel


Konzertmelodramen mit ANJA SILJA
vom 27. Januar 2016


Immer wieder für Überraschungen sorgt Anja Silja. Machte die große Dame des Operngesangs unlängst noch als irrwitzige Mumie in Aribert Reimanns Gespenstersonate Furore, so widmet sie sich jetzt einem eher vernachlässigten Genre.
Unter dem Titel Abschied von den Rosen gastierte „La Silja“ mit Melodramen in der Oper Frankfurt. Auch als Rezitatorin begnadet bei Stimme, wurde sie vom russischen Altmeister Andrej Hoteev am Klavier begleitet, der die melodramatischen Fundstücke ausgegraben hat. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Ihr [Anja Siljas] aktueller Abend im Frankfurter Opernhaus sprach gar von Abschied, und jedenfalls war dabei die Sängerin verabschiedet und eine Rezitatorin geboren. Denn Anja Silja nahm sich des als autarke Kunstform nahezu vergessenen Melodrams an und realisierte es in prägnanten, ja leuchtenden Beispielen. Als zu Beginn die Klavier-Einleitung von Schuberts leise verschattetem „Abschied von der Erde“ erklang, erwartete man dennoch unwillkürlich, ihre Singstimme erhöbe sich mit ihrer leicht insistierenden Schärfe, aber auch unverwechselbaren Wärme und dem deutlichen Anschub der hohen Töne, ganz anders als die Stichflamme der Birgit Nilsson und doch ebenso vehement. Aber nein, es kam „nur“ die Sprechstimme. Diese jedoch als ein minuziös und diskret geführtes Organ differenzierter Text- und Ausdrucksvermittlung.
Dabei wurde sofort merklich, dass Anja Silja eine manifest kritische Komponente der Melodramen-Ästhetik souverän außer Kraft setzte: das überpathetische Artikulieren mit Konsonantenspuckerei und beträchtlichem Tonhöhen-Ambitus. Nichts davon bei dieser wohl markanten, dabei stets „sachlich“ anmutenden Erzählerin.
(…)
In den Melodramen des 19. Jahrhunderts (zeitweise auch beliebt bei dilettierenden Hausmusikern) werden mit Vorliebe Geschichten erzählt wie in der von Franz Liszt grandios vertonten Lenau-Ballade „Der traurige Mönch“. Die Verbindung zwischen Sprache und Klavier kann erstaunlich flexibel geraten: annähernd rhythmisch gebunden im liedhaften Duktus des Schubert-„Abschieds“, ganz frei im rezitativischen Dialogisieren bei Robert Schumanns „Schön Hedwig“. Das hymnisch-nostalgisch anmutende Melodram-Triptychon nach Turgenjew-Gedichten von Anton S. Arenski gab mit seinem Schlussstück zugleich das Motto der Veranstaltung: „Wie waren einst so schön, so frisch die Rosen“.
Am Klavier agierte Andrej Hoteev mit Umsicht und Feinnuancierung und hatte auch Gelegenheit zu einigen Solovorträgen, wobei eine Auswahl von Schubertwalzern und ein frühes Präludium (C-Dur) von Prokofiew besonders ansprechend gelangen.

Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau

Le cantatrici villane (Aufstieg der Sängerinnen),
Premiere vom 23. Januar 2016


Spätestens beim trampelnden Applaus ist klar, warum die Cantatrici villane von Mozarts Zeitgenosse Fioravanti einen Siegeszug durch ganz Europa antraten. Und warum selbst Goethe die barocke Perle in Weimar inszenierte und sie als Lieblingsoper Napoleons galt. Mit der wachen Inszenierung von Caterina Panti Liberovici beweist die Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot jedenfalls mehr als nur die Repertoirefähigkeit des Werks, das 1799 in Neapel erstmals zu hören war. (…)

Bettina Boyens, Gießener Allgemeine Zeitung


(…) Kapellmeister Don Bucefalo hat Rosa, Agata und ihre Nachbarinnen zufällig in einem Dorf nahe Rom entdeckt, singend, betörend, Frauen von naiver Anmut. Nun verspricht er in bester Musikagenten-Manier, Stars aus ihnen zu machen. Mit der Absicht, sich nebenbei noch zu verheiraten. Dass sich die Möchtegern-Diven bald vor Neid, Eifersucht und Koloraturen überschlagen, ist Programm. Und weil es eine Buffa-Oper ist, muss auch noch ein betrogener Ehemann den Betrieb aufmischen.
Eine Art Happy End haben sich die Frankfurter selbst gebastelt: Während die Starlets im neapolitanischen Original allesamt scheitern, legt Primadonna Rosa diesmal all ihr Sehnen und ihre Leidenschaft in die Fulvia-Arie aus Glucks berühmter Barockoper Ezio hinein – und bekommt kräftigen Applaus vom realen Premieren-Publikum. Oper in der Oper, das ist eben nicht nur komisch, sondern kann auch hinreißend klingen. (…)

Thomas Wolff, Wiesbadener Kurier


(…) Caterina Panti Liberovici inszeniert kein vordergründiges Gag-Theater (…), sondern eine sublime Komödie für Kenner, die einen wahren Kern des Opernbetriebs, das oft unbarmherzige Spiel mit den Gefühlen, nicht verschweigt. (…)

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(…) Ein durchweg junges Team hat sich wirklich ausgesprochen liebevoll um die Talente vom Lande gekümmert: Der Dirigent Karsten Januschke, bis vor kurzem noch Kapellmeister an der Oper Frankfurt, hat Fioravantis Partitur akzentreich und mit viel Schwung zu neuem Leben erweckt – eine Partitur übrigens, die schon deutlich macht, warum dieser Komponist seinerzeit hoch im Kurs stand, auch wenn da viel Austauschbares notiert ist.
(…)
Die italienische Regisseurin Caterina Panti Liberovici, Regieassistentin am Haus, hat die Buffa-Rarität mit skurrilem Witz auf die Bühne gebracht, ohne jede Behäbigkeit. Wie oft hat man schon Karikaturen von fiktiven Kapellmeistern gesehen – es ist ja ein Stück Theater auf dem Theater –, die mit Nickelbrille und schlecht sitzenden Frackschößen den Trottel geben müssen. Hier ist der agile Maestro ein Christoph-Schlingensief-Typ, geschmeidig und trotzdem grotesk – und wunderbar gespielt und gesungen von Björn Bürger, dessen Bariton ganz locker sitzt und der sich einfach smart bewegen kann.
Womit wir bei den Sängerdarstellern sind, die allesamt jung (zumeist aus dem hauseigenen Opernstudio stammend), allesamt höchst geeignet und durch die Bank herrlich mit ihrer Rolle verbunden sind. Rosa, die hoffnungsvollste der vier Primadonnen, wird gesungen von Jessica Strong mit leichter, reizvoller Schärfe, ihr häufig im unangenehm hohen Passaggio-Übergangsbereich gelegener Part ist technisch höchst anspruchsvoll, hörte sich aber vollkommen leichtgängig an.
Karen Vuong, die chinesisch-stämmige Sopranistin in der Rolle der Agata, klang insgesamt voller, aber auch sie vermittelte nie den Eindruck von Schwere oder Gewicht. Katharina Ruckgaber und Maren Favela komplettierten das Quartett mit „Sehnsucht nach was Besseres“ auf Augenhöhe.
Neben Thomas Faulkner als zum Intendanten sich berufen fühlender Don Marco trat auch Michael Porter sehr angenehm in Erscheinung – stimmlich, aber auch optisch, schließlich trug der aus der Fremde heimkehrende, totgeglaubte Ehemann der Rosa eine Ritterrüstung. „Er sieht wie ein Aufschneider aus“, singt der Kapellmeister bei seinem ersten Anblick, was bei einem Gegenüber in Ritterrüstung irgendwie, ja, komisch wirkt. Und mit dieser Art Komik, die auch einen Running Gag um ein vom Maestro wie sein Augapfel gehütetes und zu allen Unzeiten thematisiertes Cembalo einschließt, wurde diese launige Oper sehr gut über die doch nicht ganz kurze Spielzeit gebracht. (…)

Stefan Schickhaus, Frankfurter Rundschau


(…) So rasant die Späße serviert werden, so spritzig kommt die Musik des neapolitanischen Vielschreibers Fioravanti herüber. Kraftvoll, mit viel Esprit, zugleich mit sicherem Gespür für witzige Details bringt Dirigent Januschke all die schmissigen Arien, Duette und Ensemblenummern herüber. Schöne Melodien rauschen da vorbei – ein bisschen wie die Chart-Hits unserer Tage: Alles spielt in Dur, geht gut ins Ohr – und schnell wieder raus.
Die Frankfurter Gesangssolisten werfen sich lustvoll in diesen Buffa-Spaß hinein. Herausragende Männerpartie: der junge Bariton Björn Bürger, der den großmäuligen Aufreißer Don Bucefalo mit Hingabe mimt und singt, so nuancenreich wie druckvoll. Der gebürtige Darmstädter, ausgebildet in Frankfurt und von Intendant Bernd Loebe 2013 fest verpflichtet, meistert hier seine erste große Rolle im Frankfurter Ensemble mit Bravour und erntet Bravos und kräftigen Beifall.
Die Damen spielen den Zickenkrieg mit viel Körpereinsatz aus, kriegen sich schön in die Lockenwickler, wenn’s um die Gunst des Maestros geht. Klangschöne Stimmen haben alle Vier; Jessica Strong als Rosa und Karen Vuong als Agata wettereifern dabei mit besonderer Strahlkraft und sopranistischer Brillanz um die Krone. „Was für Triller, was für Stimmen, was für Wunder!“, ruft Don Bucefalo gleich zu Beginn aus, als er die Grazien belauscht. Da hat der Schelm mal völlig Recht.

Thomas Wolff, Allgemeine Zeitung Mainz


(…) Caterina Panti Liberovici hat die Komödie liebevoll inszeniert, unter Leitung von Karsten Januschke wird schwungvoll musiziert und wunderbar gesungen. Ein feines Vergnügen.

Wertung: SEHR GUT

Josef Becker, Bild Frankfurt


(…) Es ist eine durch ihre ungemeine Nähe faszinierende Bühnensituation, die den Sängern besondere schauspielerische Fähigkeiten abfordert. Und die zeigt allen voran Buffo-Bariton Björn Bürger, der als selbstsüchtiger Maestro zu glänzen weiß. Vom ersten Moment an hat der 30-Jährige die Bühne nicht nur stimmlich voll im Griff, wenn er die geschmeichelten Damen zum Vorsingen animiert und sich bald als allmächtiger Hahn im Korb zu fühlen beginnt, dem die Frauen – und mit ihnen vermeintlich die ganz Welt – zu Füßen liegen.
Großartig besetzt sind auch die vier Cantatrici. Zuvorderst die Kanadierin Jessica Strong, die als attraktiver Sopran Rosa schon bald die Rolle der Primadonna bei Don Bucefalo übernehmen darf. Und damit einen wahren Zickenkrieg unter ihren neidischen Kontrahentinnen Agata (Karen Vuong), Giannetta (Maren Favela) und Nunziella (Katharina Ruckgaber) auslöst. Allen vier Frauen werden in dieser Komödie wunderbare Solopartien übertragen, die sie mit ebenso viel Kraft, Tempo und Nuanciertheit bewältigen wie die reizvollen Ensembleauftritte, in denen sie sich gegenseitig an die Wand zu singen versuchen.
(…)
Diese rund zweieinhalbstündige, am Ende heftig bejubelte Inszenierung mit wunderbaren Sängern, einem souveränen Orchester sowie vielen inszenatorischen Ideen macht das Stück zu einer echten Entdeckung, die übrigens einen gewissen Napoleon Bonaparte bestätigen. Denn überliefert wird, dass diese Oper das Lieblingsstück des Korsen war.

Björn Gauges, Fuldaer Zeitung


(…) Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester (…) brachte die flotte Musik unter der einfühlsamen und oft auch temperamentvollen Leitung von Karsten Januschke hervorragend zur Geltung und wurde am Schluss vom begeisterten Publikum ebenso minutenlang gefeiert wie das exzellente Sängerensemble.

Udo Pacolt, www.der-neue-merker.eu


(…) Es sind überhaupt die durchweg jungen Solisten, die dem zweieinhalbstündigen Abend Esprit verleihen. (…)

Axel Zibulski, Offenbach-Post


(…) Fioravantis komische Oper über den Alltag am Theater – also über Eitelkeiten, Rivalitäten, Dilettantismus, Verdrängungswettkämpfe, Speichelleckereien – ist reines Vergnügen. Und das nicht nur aufgrund des Dirigats von Karsten Januschke, der aus der nicht sonderlich originellen Partitur wirklich alles herausholt, was an lautmalerischen Effekten drinsteckt, der präzise und spritzig dirigiert, mal anfeuert und mal bremst.
(…)
Es ist herrlich, den spielfreudig-aufgedrehten Sängerinnen, angeführt von Jessica Strongs hellem, klarem Sopran, dabei zuzuhören und zuzusehen. Björn Bürgers Kapellmeister hat alle Hände voll zu tun, um die Geister, die er rief, wieder loszuwerden, und er singt das wunderbar flexibel, geschmeidig und leicht, dem raschem Sprechgesang Fioravantis jederzeit gewachsen. Dass der tot geglaubte Ehemann einer Sängerin (traurig-schön gesungen von Michael Porter) in Verkleidung erscheint, um die Treue seiner Gattin zu prüfen, verleiht der ansonsten komischen Handlung eine leichte, wohltuende Trübung.
Überhaupt schafft es die Regisseurin Caterina Panti Liberovici, das Stück interessanter zu machen, als es eigentlich ist, weil sie die Realitätsebenen vermischt,
weil das Bühnenbild einem Zuschauerraum gleicht, die Sänger selbst zu Zuschauern werden, Rollen annehmen und ablegen, weil sich der Kapellmeister Don Bucefalo in einer Art Rahmenhandlung die Oper imaginiert, die Charaktere erfindet. Es gibt also etwas zwischen Mozart und Rossini, das dank der Regie, des Dirigats und der Sänger in Frankfurt der Vergessenheit nachhaltig entrissen worden ist.

Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg


(…) Unter der zupackenden Leitung von Karsten Januschke präsentiert das Frankfurter Opernorchester die Partitur frisch und energiegeladen. Durch geschärfte Akzente entsteht ein unwiderstehlicher rhythmischer Drive. Die Streicher spielen historisierend vibratoarm und sorgen für ein transparentes und doch tongesättigtes Klanggerüst. Die Holzbläser bewältigen ihre mitunter virtuos fordernden Partien (Klarinette! Oboe!) tadellos. Die Hörner setzen präzise Farbakzente. In dieser konzentrierten und doch lockeren Selbstverständlichkeit hätte man den Musikern selbst beim Spielen von Tonleitern gerne eine Weile zugehört. (…)

Michael Demel, www.deropernfreund.de


(…) Diese Opernrarität im Bockenheimer Depot macht szenisch und musikalisch großen Spaß. Als „Raritäten-Sammler“ sollte man sich diese Produktion keinesfalls entgehen lassen.

Thomas Molke, www.omm.de

Der Rosenkavalier,
Wiederaufnahme vom 9. Januar 2016


(…) Die musikalische Gestaltung bewegt sich – Sebastian Weigle hat die Leitung beibehalten – auf höchstem Niveau. Die Walzer fließen trügerisch dahin, im dritten Akt plustert sich geschäftige Dramatik auf, während grundsätzlich ein farbig-kammermusikalischer Geist herrscht, der die (in den Hauptrollen neu besetzten) Stimmen eher einbettet als unterfüttert. Maria Bengtsson singt die Marschallin zart, empfindsam, zerbrechlich. Karl-Heinz Lehners Ochs wienert sich mit kaum gemütlich abgefederter Bösartigkeit an die überraschend resolute Sophie (Kateryna Kasper) heran. James Rutherford gibt den Faninal im aufdringlichen Ton des Neugeadelten und sieht dabei aus wie Helmut Markwort. Frisch, in jugendlichem Entdeckungseifer betört Jenny Carlstedt als Octavian, ein herausragendes Rollendebüt. Viele Bestleistungen aus dem Ensemble wären noch zu nennen, Katharina Magieras stämmige Annina etwa, Michael McCowns schmieriger Operntenor Valzacchi – Frankfurt schöpft aus dem Vollen und wird diese schöne Produktion hoffentlich noch lange spielen! Nächste Vorstellungen: 15./24./30. Januar.

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(…) Regisseur Claus Guth war übrigens bei der Wiederaufnahmepremiere persönlich anwesend, erschien sogar zum Schlussapplaus und demonstrierte damit, dass die Adaption seines Regiekonzepts mit den neuen Darstellern bruchlos gelungen ist. Der Rosenkavalier bleibt auch in seiner zweiten Spielzeit ein musikalisches und szenisches Glanzstück im an guten Produktionen nicht armen Repertoire des Frankfurter Opernhauses.

Michael Demel, www.deropernfreund.de

Der Graf von Luxemburg,
konzertante Frankfurter Erstaufführung
vom 31. Dezember 2015


Die Frankfurter Oper gilt nicht unbedingt als Hort der Operette. Wie gut sie sich indessen auch auf dieses Metier versteht, bewies das stimmstarke Ensemble mit Gästen bei der Erstaufführung von Franz Lehárs Der Graf von Luxemburg im Opernhaus.
Wenn sich sanft der Karneval in den Vordergrund drängt und im Chor die Elferrats-Mützen Konjunktur haben, schielt die Oper Frankfurt ein wenig in Richtung Köln. Schließlich wird das Ensemble in der dortigen Philharmonie in wenigen Tagen gastieren, mit der konzertanten Produktion von Franz Lehárs Erfolgs-Operette Der Graf von Luxemburg. Am Silvesterabend hatte sie im Frankfurter Opernhaus Premiere – ausgewiesen, man will es kaum glauben, als „Frankfurter Erstaufführung“.
Natürlich: Die Bankenstadt hat nicht wirklich eine Operettentradition, und auch in der jüngeren Vergangenheit sind manche Versuche einer Neubelebung des Genres nicht eben gelungen. Wie glücklich, dass die Frankfurter Oper nun mit Lehárs 1909 in Wien uraufgeführtem Dreiakter um den Luxemburger Grafen und verarmten Bohemien René punkten kann, indem sie sich auf ihre großen, nämlich vokalen Stärken ihres Ensembles wie der gewonnenen Gäste verlässt. Wenn René zwecks Weitergabe seines Adelstitels die Sängerin Angèle Didier heiratet, damit diese nach der Scheidung wiederum standesgemäß in die Ehe mit dem russischen Fürsten Basilowitsch starten kann, dann sind in Frankfurt alle Partien sicher bis grandios besetzt.
(…)
Das alles ließ sich in der Silvesterpremiere auch deshalb so prächtig, unterhaltsam und genau nachvollziehen, weil die Aufführung von absoluter Wortverständlichkeit grundiert sowie von szenischen Akzenten reizvoll erweitert wurde. Als Paravent, der bei der Eheschließung die beiden Partner trennt, fungierten kurzerhand zwei Notenständer, der Fürst trägt Zepter und Prinz René zwischenzeitlich eben Narrenkappe. Wenn die Dialoge doch einmal verflachen, gibt’s prompt einen Karnevals-Tusch vom Frankfurter Opern- und Museumsorchester (…).
(…) Ein Riesenerfolg fürs Frankfurter Opernhaus!

Axel Zibulski, Offenbach-Post


(…) Fünf Hauptfiguren beherrschen die Szenerie, dazu noch die Gräfin Stasa Kokozow, die am Ende wie der Deus ex machina auftaucht, sowie drei Bedienstete und der Chor. Das eignet sich gut für eine konzertante Aufführung, wie sie die Frankfurter Oper in einer musikalisch hinreißenden Interpretation präsentierte. (…)
(…) Sebastian Geyer als Fürst Basil Basilowitsch treibt (…) den Spaß mit kleinen Slapstick-Einlagen am ehesten auf die Spitze. Auch Ingyu Hwang, Mitglied des Opernstudios der Frankfurter Oper, bringt in seiner Nebenrolle schnell die Lacher auf seine Seite. Ernster gehen die Hauptpersonen, der Graf von Luxemburg (Daniel Behle) und die Sängerin Angèle Didier (Camilla Nylund), die das Ziel der Liebeswerbung von Basil und dem Grafen ist, ihre Rollen an. Als Running Gag tourt Margit Neubauer im Bademantel über die Bühne, um nachzufragen, in welchem Akt der Operette man denn mittlerweile angelangt sei. Sie spielt ihre Rolle als Stasa, die sich am Ende als die wahre Verlobte Fürst Basils herausstellt, schön verrucht.
(…)
Musikalisch zeigen sich (…) Sänger, Chor und Frankfurter Opern- und Museumsorchester bestens aufgelegt. Die junge Dirigentin Eun Sun Kim hat Chor und Orchester mit ihrer präzisen und aufmerksamen Führung hervorragend im Griff. Eine weit ausholende Armbewegung der zierlichen Person, und schon legt das Orchester schwungvoll los. Mit gleicher Reaktionsschnelle fügt sich der Chor in seine nicht ganz einfachen Partien. Auch sängerisch präsentiert sich die Oper wieder von ihrer besten Seite. Daniel Behles nie metallisch auftrumpfender Tenor schmiegt sich genial an den dramatischen Sopran von Camilla Nylund, deren Stimme in den Spitzentönen stets ihren vollen Klang bewahrte. (…)

Susanne Döring, Darmstädter Echo


(…) Stimmlich war das Ganze oberste Liga: der René wurde von Daniel Behle gegeben, der, bei gleicher vokaler Geschliffenheit, aber einem Mehr an Verve und feiner Expression, wie ein Nicolai Gedda wirkte. Trefflich und im Schauspielerischen die beste Figur von allen machend, Sebastian Geyer als Baron Basilowitsch. Im Operetten-Mimischen mit ihrer schönen Stimme ganz aufgehend Louise Alder. Sie und Simon Bode mit sehr guter Diktion und schlankem Stimmprofil bildeten das „Buffo“-Paar. Margit Neubauer als Gräfin Stasa Kokozow glänzte mit einem Hauch verruchter Diseusen-Stimmfertigkeit in ihrer kurzen Rolle.
Der Star des Abends war Camilla Nylund als die umschwärmte Sängerin Angèle Didier, mit einer volumenreichen und offensiv geführten, gewichtigen Stimme. Die Leichtigkeit oder Ziseliertheit, die eine Erika Köth oder Anneliese Rothenberger hier hatten, war das zwar nicht – aber glanzvoll unbedingt. Der Chor war tadellos, ebenso das Orchester, das unter der Leitung der taktier-behänden Eun Sun Kim spielte. (…)

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau


(…) Der Erfolg dieser in heiterer Sektlaune schwelgenden Premiere fußte (…) auf den durchweg hervorragenden musikalischen Leistungen. Bereits in der Csárdásfürstin führte die koreanische Dirigentin Eun Sun Kim den Taktstock, und beim Grafen von Luxemburg entwickelte sie wieder Feuer und Temperament und trieb damit das Opern- und Museumsorchester zu Höchstleistungen an. Daniel Behle gab einen stimmlich und darstellerisch überzeugenden Grafen René ab, dem mit der sehr ausgereiften, vollmundig wirkenden Camilla Nylund eine markante Angèle Didier zur Seite stand. Louise Alder als Juliette Vermont und der kernige Simon Bode in der Rolle des Malers Brissard schienen ebenfalls wie für ihre Partien geschaffen, ebenso Sebastian Geyer als Fürst Basil und Margit Neubauer in der Rolle der Gräfin Stasa. (…)

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse

Die diebische Elster,
Wiederaufnahme vom 12. Dezember 2015


(…) Insgesamt wird hier ein unterschätztes Meisterwerk Rossinis in einer virtuosen Inszenierung und mit einer rollendeckenden Besetzung geboten. Das Wiedersehen und -hören lohnt sich.

Michael Demel, www.deropernfreund.de

Liederabend QUINN KELSEY vom 8. Dezember 2015


(…) In drei Liedern von Johannes Brahms fand er [Quinn Kelsey] reizvolle Farben zwischen Rauheit und Wärme; romantische Gemütlichkeit ging hier eher von Pianist Llŷr Williams aus, der den Flügel ausnehmend schön zum Klingen brachte. Mit nebelverhangener, britisch-melancholischer Folklore von Gerald Finzi (drei Lieder aus Let us Garlands bring op. 18) erschloss Kelsey seiner kernigen, kraft- und charaktervollen Stimme weitere Dimensionen, abschließend noch übertroffen von vier mächtig ausgreifenden Liedern Modest Mussorgskis. Die konsonantenreiche russische Sprache verlangt einigen Deklamationsaufwand, den gute Sänger wie Kelsey geschickt zur Kontrolle und Nuancierung stimmlicher Aktivität nutzen. Überraschend geschmeidig war dem Bassisten zuvor der kleine Zyklus Don Quichotte à Dulcinée von Maurice Ravel gelungen.
Im letzten der drei Lieder, „Chanson à boire“, muss sich der Sänger stimmlich betrinken; dass der standfeste Quinn Kelsey dazu ein bisschen torkelte auf der Bühne, nahm man ihm schmunzelnd als szenische Übertreibung ab; das zahlreiche Publikum war schließlich selbst schon betrunken von dieser phänomenalen Stimme (…). Am 14. und 18. Dezember wird Kelsey in Lucia di Lammermoor zu erleben sein.

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(…) von drei Händel-Arien aus Oratorium und Oper bis zu den überragend gebotenen Liedern und Tänzen des Todes Modest P. Mussorgskis war das eine idealtypische Vermittlung von Vokalität, die man als einfach intensiv charakterisieren musste.
(…)
Am Klavier saß Llŷr Williams wie ein mimo-dramatischer Kontrapunkt zur Kelsey’schen Statuarik. Der walisische Pianist folgte nicht nur auf den Tasten nahtlos, sondern ging auch bis in die Lippensynchronizität im Vokalen auf. (…)

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau


(…) Den Höhepunkt des Abends wusste Kelsey mit den „Liedern und Tänzen des Todes“ von Mussorgski zu setzen. Die samtige Schwärze seiner Stimme, die noch im Ausdruck zurückgenommener Trauer spürbare sängerische Glut bannte die Aufmerksamkeit des Publikums. Man vergaß mitunter sogar, die deutsche Übersetzung der russischen Texte mitzulesen. Es war gar nicht notwendig: Ihr Inhalt wurde mit musikalischen Mitteln unmittelbar transportiert. (…)

Michael Demel, www.deropernfreund.de

Lucia di Lammermoor,
Wiederaufnahme vom 5. Dezember 2015


Diese Kritik, lieber Leser, wird sehr langweilig. An der Frankfurter Oper wurde Donizettis Lucia di Lammermoor wiederaufgenommen, und wir sehen uns gezwungen, das zu berichten, was wir regelmäßig berichten: Es gibt kaum Gravierendes zu kritisieren. Stattdessen: Gelungene Rollendebüts sind zu erleben. Die Besetzung kommt ohne Gäste aus und ist ohne Abstriche hervorragend. Das Orchester spielt vorzüglich. Die Chöre sind eine Wucht. Schon der reichlich gespendete Zwischenapplaus ist frenetisch, der Schlussapplaus jubelnd. (…)

Michael Demel, www.deropernfreund.de


(…) Sängerisch war der Abend ein voller Erfolg des Frankfurter Ensembles: Brenda Rae riss das Publikum zu Jubelstürmen hin, erreichte die schönsten Spitzentöne und kletterte virtuos durch die Koloraturen. Auch Mario Chang wusste als Edgardo stimmlich zu überzeugen. (…)

Markus Kuhn, Frankfurter Neue Presse

Der fliegende Holländer,
Premiere vom 29. November 2015


(…) Es ist eine düstere, gespenstische Atmosphäre, die Regisseur David Bösch auf die Frankfurter Opernbühne bringt. Ganz im Sinne einer „Schwarzen Romantik“, die durchaus in Wagners Fliegendem Holländer steckt. Bösch zeigt diese Oper als eine Art Endzeitvision voller Todessehnsucht der Protagonisten, behutsam modernisiert, ohne dem Stück Gewalt anzutun.
Geradezu magische Momente hält das Bühnenbild von Patrick Bannwart bereit, wenn sich, gleichsam im Traum von Dalands schlafendem Steuermann, der eigentlich Wache schieben sollte, der Holländer mit seinem Geisterschiff nähert. Doch kein Schiffsrumpf erscheint auf der Bühne. Dafür senkt sich im Hintergrund ein riesiger Propeller (Schiffsschraube? Windrad?) herab, grelle Scheinwerfer blitzen auf. Und dann erscheint er, der Holländer, flankiert von einer Motorrad-Gang: der auf den Weltmeeren umherirrende Seemann als Ghost Rider – eine treffliche Idee von Regisseur Bösch. Bariton Wolfgang Koch, gehüllt in einen langen schwarzen Mantel, verleiht dem gebrochenen Titelhelden, der nach einem Pakt mit dem Teufel nur durch die Treue einer Frau Erlösung finden kann, eine stattliche Erscheinung, und das nicht nur körperlich, sondern auch stimmlich. Kochs Holländer ist ein zutiefst verbittertes Wesen, ein Getriebener, ein Outlaw, wofür wohl auch die Motorräder stehen. Dies auch stimmlich auszudrücken, gelingt dem Sänger grandios.
(…) Neben Wolfgang Koch steigert sich Erika Sunnegårdh als vom Wahn besessene Senta zu dramatischer, expressiver Größe. Mit wunderbar lyrischer Emphase singt Daniel Behle den verzweifelt verliebten Erik. Als Frankfurter Ensemblemitglieder brillieren Andreas Bauer als kerniger Daland, Michael Porter in der Partie des Steuermanns und Tanja Ariane Baumgartner als Mary. Einhelliger Jubel für diese hochspannende Neu-Inszenierung.

Michael Dellith, Frankfurter Neue Presse


(…) Beim Dirigat von Bertrand de Billy jedenfalls waren so differenziert auftretende Stimmen wie die von Koch, Behle oder auch der hoch dramatischen, aber nie lauten Erika Sunnegårdh als Senta bestens aufgehoben. De Billy hielt das Opern- und Museumsorchester zu einem entsprechend beweglichen Wagner-Ton an, der extreme Tempopositionen kannte, mal den hervorragend einstudierten Chor zu einem Parlando in Spitzengeschwindigkeit antrieb (in der Spinnstube), dann aber auch – gleich in der Ouvertüre – beinahe dem Stillstand sich näherte. Man spielt in Frankfurt übrigens die Fassung der Dresdner Aufführung von 1843, also ohne Aktschlüsse (und damit ohne Pause) und ohne Erlösungs-Finale, aber mit den Orchesterkorrekturen der Letztfassung. (…)

Stefan Schickhaus, Frankfurter Rundschau


(…) Erika Sunnegårdh [singt], der Originalversion entsprechend, die Ballade in a-Moll, was ihr mehr Schärfe, auch Kälte gibt. Und stimmlich macht sie das alles mit jugendlich dramatischer Verve bis ins Ekstatische. Wolfgang Kochs erster Holländer beeindruckt durch die pure Macht, ja Wucht seines Bassbaritons, düsteren Nachdruck, mit dem er die Figur fast kolossal wirken lässt. Vokal hat die Premiere großes Format. Der Daland Andreas Bauers gibt nicht den gierig-verhärteten Altersgraubass, Daniel Behle verleiht dem ewig unglücklichen Erik tenoralen Elan und Tanja Ariane Baumgartner der Mary temperamentvollfrische Spontaneität, Michael Porter schenkt dem Steuermann lyrische Aura. (…)

Gerhard R. Koch, Opernwelt


(…) Dieser neue Holländer ist musikalisch und sängerisch kaum zu toppen. (…)

Lars-Erik Gerth, Hanauer Anzeiger


(…) Der Holländer und Senta haben sich gefunden: Sie will aus der realen in eine irreale, er aus einer irrealen in eine reale Welt. Und wie Wolfgang Koch und Erika Sunnegårdh das stimmlich realisieren, ist großartig. Sie gibt die überspannte, gänzlich fixierte Außenseiterin mit flackerndem, monochromem Sopran, mit sicheren Höhen, schönen lyrischen Momenten, intensiv und hellwach. Er singt sein Rollendebüt als Holländer weniger dämonisch, mehr mit einer Mischung aus desillusionierter Abgeklärtheit, Weltekel und unbedingtem Willen zum Tod. (…)

Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg


(…) Die Regie von David Bösch ist wirksam, nicht zuletzt auch dank des Bühnenbilds von Patrick Bannwart und des Spiels der Darsteller, die sehr gut den Kontrast der zwei Welten in dieser romantischen Wagner-Oper wiedergeben: die innere Sphäre der Senta und des Holländers, wie auch die materialistische und bürgerliche Umgebung der anderen Charaktere. (…)

Stefano L. Borgioli, www.artearti.net (Übersetzung: Oper Frankfurt)


(…) Doch das größte Ereignis bei dieser Holländer-Premiere am Sonntagabend war zweifelsohne die musikalische Leistung des Frankfurter Opernorchesters unter der Leitung von Bertrand de Billy, der seit der Spielzeit 2014/15 ständiger Gastdirigent in Frankfurt ist. Schon die Ouvertüre wurde zum Erlebnis, und dies gerade nicht, weil de Billy die Taste mit der Aufschrift emotionale Überwältigung ganz durchgedrückt hätte. Er versteht vielmehr den Holländer als Werk des Übergangs – von der Nummernoper zum Musikdrama. Und genau dies hört man. Dieser Holländer klingt mal nach Bellini und Donizetti, dann nach Meyerbeer und schließlich nach Marschner, Weber – und natürlich Wagner. Ein Frühwerk zweifelsohne, aber eben auch ein Schlüsselwerk, das den Weg ebnete.

Frank Pommer, Die Rheinpfalz


(…) Überhaupt sind die szenisch beweglichen Chöre (Einstudierung: Tilman Michael) Dreh- und Angelpunkt des Opernkrimis. Wenn die geisterhafte Besatzung des Holländers zur Hochzeitsfeier gelockt werden soll, drehen die schon angetrunkenen Mannsbilder per Matrosenchor kräftig auf, mit dem Steuermann als Partyclown (Michael Porter, mit feintimbrierten Tenor beim „Südwind-Lied“). Während die astrein intonierenden Frauen eher ängstlich beklommen zustimmen. Die freilich dann selbst initiativ werden, mit den Unheil witternden Seeleuten gesanglich in der Defensive. Ein Spiel der Chorkräfte, das de Billy voll ausreizt. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Diese Gang von Untoten macht schon beim ersten Auftritt Laune. Mit dicken Harleys rollen die Rocker auf die Bühne, bleiche Gestalten, komplett mit schwarzer Lederweste, dampfender Kippe und schlechten Manieren. Auf dem Rücken das Logo ihres Klubs: „The Flying Dutchman“. Angst und Schrecken werden sie verbreiten in der Dorfbevölkerung, keine Frage. Zumal ihr Boss ein Hüne mit bezwingendem Bariton ist.
(…)
So fällt die Crew des Fliegenden Holländers ein in der Frankfurter Oper: Effektvoll, mit augenzwinkernden Zitaten aus der Popkultur und überwältigenden Stimmen. Auf der großen Leinwand käme diese Inszenierung auch gut. Viel Tiefe gewinnt der Holländer nicht bei dieser Fahrt, aber das Premieren-Publikum zeigt sich gut unterhalten und angetan von dem Spaß, den sich der junge Regisseur David Bösch, 37, mit Wagners Schlachtschiff macht. (…)

Thomas Wolff, Wiesbadener Kurier


(…) Dirigent Bertrand de Billy, ständiger Gast in Frankfurt, steuert Orchester, Chor und Solisten mit sicherer Hand, liefert eine dynamisch gespannte Interpretation von Wagners Glanzstück der mittleren Jahre ab. Bestens aufeinander abgestimmt die Orchester- und Gesangsstimmen, sich gegenseitig ideal stützend. Prägend die dunklen Stimmen dieses Abends: Wolfgang Koch gibt dem Holländer ebenso markante Statur wie Andreas Bauer dem Daland, beide durchdringend, druckvoll und kernig. Erika Sunnegårdh gibt ihrer Senta die passende Verzweiflung und Tragik mit, lässt sie ausdrucksvoll beben und bangen (…).
Jubel und herzlicher Applaus auch für den Steuermann Michael Porter: ein stimmschöner Tenor, der seine Rolle als lebenslustiger Seemann frisch und sympathisch ausspielt. Aus dem Opernstudio ist er in dieser Saison ins Ensemble gewechselt; wieder ein Beispiel für die ausgezeichnete Talentförderung unter Intendant Bernd Loebe, und noch einer, auf den sich das Publikum in Frankfurt freuen kann.

Thomas Wolff, Darmstädter Echo


(…) Regisseur David Bösch legt eindringliche Porträts von gequälten Seelen an. Zugegeben ungewöhnlich für jene, die mit der Erwartung ans traditionelle Holländer-Schiff gekommen waren, aber genau deshalb so überzeugend. (…)

Manuela Klebing, Main-Echo Aschaffenburg


(…) Das Licht von Olaf Winter spielt dabei eine aktiv atmosphäreschaffende Rolle. (…)

Joachim Lange, www.nmz.de (neue musikzeitung)


(…) Dass die Frankfurter Oper seit vielen Jahren über einen exquisiten Chor verfügt, wurde erneut mehr als deutlich. Tilman Michael hatte Chor und Extrachor perfekt vorbereitet, sodass nicht nur der berühmte Matrosenchor zu einem Hörereignis wurde. Frauen- wie Männerchor beeindruckten durch Intonationssicherheit und einen
perfekten Zusammenklang. Die vokale Auseinandersetzung zwischen den Mannen des Holländers und den Bewohnern von Dalands Küstendorf wurde so zu einem absoluten Höhepunkt des Abends. Auch dabei gelang es Bertrand de Billy, für eine perfekte Balance zwischen Orchestergraben und Bühne zu sorgen. Völlig zu Recht feierte das Publikum am Ende der gut 140 Minuten Dirigent, Orchester und Choristen mit Ovationen. (…)

Lars-Erik Gerth, Maintal Tagesanzeiger


(…) Schon in der Ouvertüre reizt de Billy am Pult die klanglichen Möglichkeiten der bis heute taufrisch wirkenden Partitur feinfühlig aus. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt unter seiner Leitung so elegant und forciert, wie man es sich besser kaum wünschen kann. Die Streicher liebkosen Themen und Motive, um dann intensiv loszulegen, Bläser und Pauken ergänzen dramatisch. In den Arien nimmt de Billy die Musik zurück, lässt den Sängern genügend Raum und schießt nur vereinzelt lohnendes Fortissimo in den Raum.
Wolfgang Koch als Holländer beginnt etwas verhalten, verfügt über beeindruckende Tiefe und zeigt im Schlussakt sein großes Baritonpotenzial. Erika Sunnegårdh ist eine grandiose Senta. Sie singt ihre Ballade im zweiten Akt gemäß der Urfassung einen Ton höher als heute meist üblich (…).

Manfred Merz, Gießener Allgemeine Zeitung


(…) David Bösch beruft sich auf Wagners Uraufführungsfassung von 1843, in der es keine finale Erlösung gibt. Packend, mit überwiegend plausiblen Bildern erzählt Bösch in Frankfurt diese Dystopie, in der letztlich alle verflucht sind: Die tot Lebenden ebenso wie die lebenden Toten.

Ursula Böhmer, BR-Klassik / Leporello


(…) Fazit: Ein imposanter Opernabend, der die Fahrt nach Frankfurt wieder einmal voll gelohnt hat! Man kann gut nachvollziehen, dass dieses beachtliche Haus vor kurzem von der Fachzeitschrift Opernwelt zusammen mit dem Nationaltheater Mannheim zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt wurde – eine Auszeichnung, die es sich mehr als verdient hat.

Ludwig Steinbach, www.deropernfreund.de

Liederabend PAULA MURRIHY vom 10. November 2015


(…) In den sechs Jahren ihres Engagements an der Frankfurter Oper hat sich Paula Murrihy immer wieder in die Herzen ihres Publikums gesungen. Dass sie neben führenden Opernpartien auch im Liedfach zu Hause ist, zeigten ihre beiden länger zurückliegenden Liederabende und der jüngste, der gemeinsam mit dem sehr routinierten Pianisten Malcolm Martineau gestaltet wurde.
(…) die Sängerin (…) widmete sich (…) den „Traditionals“ ihrer irischen Heimat. Keine echte irische Künstlerin hätte diesen Abstecher unterlassen – zumal, wenn alles so kraftvoll und authentisch klingt wie bei dieser gesegneten Sängerin.

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse


(…) Paula Murrihy, die 37-jährige gebürtige Irin, ist in Frankfurt als Ensemblemitglied der Oper bestens bekannt – ein blühender Mezzosopran, dessen volles und genau eingefasstes Volumen in allen Registern von gleicher, wohltönender Fasson ist mit einer festen, vibratoarmen Tonbildung, die sich bei schönem, nicht zu glatten und nicht zu scharfem Obertonspektrum vollzieht.
(…) Murrihy [wurde] (…) von dem subtil pointierenden Malcolm Martineau pianistisch begleitet (…).

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau

Don Carlo, Wiederaufnahme vom 7. November 2015


Die Produktion von Giuseppe Verdis Don Carlo in der fünfaktigen italienischen Fassung von 1886 (die ihre Erstaufführung in Modena erlebte) in der szenischen Umsetzung von David McVicar aus dem Jahr 2007 gehört zu den beliebtesten Inszenierungen des Frankfurter Publikums. Entsprechend erlebt sie derzeit bereits ihre fünfte Wiederaufnahme. Diese bewegt sich auf einem vokalen Niveau, das man in dieser Homogenität des Ensembles selbst in Wien oder New York nur selten zu hören bekommt. Die besuchte Aufführung am vergangenen Sonntagnachmittag wurde so zu einem veritablen Sängerfest, welches von den Zuschauern im ausverkauften Opernhaus mit Ovationen gefeiert wurde. (…)

Lars-Erik Gerth, Maintal Tagesanzeiger


(…) Die Wiederaufnahme stand natürlich im Zeichen der Chöre – und dies ist in Frankfurt in Anbetracht der Qualitäten des Opernchores gewiss kein Risiko. Tilman Michael hatte das um einen Extra-Chor ergänzte Vokalensemble hervorragend in Stellung gebracht. Unter den Solisten fanden sich wieder einige neue Namen. Die markanteste Neubesetzung war sicherlich die der Titelrolle: Wookyung Kim gab einen ganz einprägsamen, durchgreifenden spanischen Infanten ab. Ihm zur Seite stand Tatiana Monogarova, die als Elisabeth von Valois ihr überzeugendes Debüt am Frankfurter Opernhaus gab. (…)
Dass viel von der subtilen Kraft der Musik Giuseppe Verdis rüber kam, war aber auch das Verdienst des Opern- und Museumsorchesters, das an diesem Abend mit Pier Giorgio Morandi einen sachkundigen, einfühlsamen Dirigenten hatte. Man genoss besonders die breit und behäbig zu Werke gehenden Blechbläser.

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse


(…) Ensemblemitglied Andreas Bauer kann als Philipp schon vom ersten Einsatz an restlos überzeugen. Er führt seinen dunklen, machtvollen Bass in allen Lagen sicher. Die Partie passt ihm stimmlich wie angegossen. Habituell dominiert er die Szene mit schierer physischer Präsenz. Sein Philipp ist ein kalter, brutaler Machtmensch, der sein Gefolge bereits durch seine Anwesenheit einschüchtert. Umso berührender wirkt sein Monolog zum Beginn des vierten Akts („Sie hat mich nie geliebt.“). Sehr eindrucksvoll gerät auch das anschließende Wortduell mit dem Großinquisitor. In der Rolle des bösartig-gefährlichen Kirchenfürsten hat man in Frankfurt Magnús Baldvinsson bereits erlebt (…). Baldvinssons Stimme präsentiert sich mit einer bedrohlichen Schwärze, die keinen Zweifel daran lässt, dass im hinfälligen Körper des verdorbenen Greises ein unbeugsamer Wille wohnt. (…)
Ebenfalls in ihrer Rolle bewährt ist Tanja Ariana Baumgartner als Eboli. Ihre souveräne Beherrschung der Partie hat seit der letzten Wiederaufnahme noch eine Steigerung erfahren. (…)

Michael Demel, www.deropernfreund.de


Auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, muss ich dennoch bemerken: immer wieder gelingt es der Intendanz der Oper Frankfurt Wiederaufnahmen mit interessanten Sängern neu zu besetzen und nun dazu in den Aufführungen im Dezember und Januar in doppelter Ausführung. Das Haus sorgt immer wieder für höchst angenehme Überraschungen! (…)

Gerhard Hoffmann, www.der-neue-merker.eu

Hänsel und Gretel,
Wiederaufnahme vom 29. Oktober 2015


(…) Wenn sich die Regale im Supermarkt allmählich wieder mit Lebkuchen und anderen vorweihnachtlichen Naschereien füllen, wird auch im Frankfurter Opernhaus wieder reichlich geknuspert. Die Hänsel und Gretel-Inszenierung von Keith Warner, die bei der Premiere vor einem Jahr reichlich gelobt worden war, begleitet in ihrer ersten Wiederaufnahme nun also große und kleine Opernfreunde bis in den Dezember hinein und wird auch am zweiten Weihnachtsfeiertag aufgeführt.
Dass es sich bei Engelbert Humperdincks Märchenoper aber nicht nur um kindliche Tänzchen und Liedchen dreht, beweist bereits das Vorspiel mit dem untrüglichen Fingerzeig auf die Werke Richard Wagners und die klare musikalische Zeichnung des Waldes, so wie sie eigentlich nur noch in Webers Freischütz“zu erleben ist. Ein tief romantischer Hörnerklang, sattes Blech, mit dem das von Rasmus Baumann couragiert geleitete Opern- und Museumsorchester so wenig geizte wie später die Hexe mit Mandeln und Zuckerwerk. (…)
(…) Der Weihnachtsbaum glänzt, und es glänzen auch die Augen der vielen Kinder auf der Bühne und (bei den Nachmittagsvorstellungen) im Zuschauerraum. Der von Dae Myeong Park geleitete Kinderchor lieferte hierfür ein solides Fundament.

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse


(…) Das Ganze endet mit froher Festtagsstimmung unter dem hell erleuchteten Weihnachtsbaum, nachdem die erwachsen gewordenen Geschwister noch schnell Märchenbücher an die befreiten Kinder verteilt haben. Der Sinn dieser Idee ist klar: Trotz aller Kritik an ihnen werden Märchen nach wie vor gebraucht, weil sie für die Entwicklung der kleinen Leute wichtig sind. Das war alles sehr überzeugend und wurde von Warner mit der ihm eigenen großen Versiertheit auch phänomenal umgesetzt. Hier haben wir es mit einer grandiosen, regelrecht preisverdächtigen Inszenierung zu tun, deren hohen Qualitäten offenkundig sind. (…)

Ludwig Steinbach, www.deropernfreund.de

Iwan Sussanin,
Frankfurter Erstaufführung vom 25. Oktober 2015


(…) Undenkbar, dass dieses Werk an einem so ambitionierten Haus als bloßes Nationalmonument ausgestellt, als eine musikgeschichtliche Berühmtheit von gestern gleichsam ohne eigenen Kommentar mit Haut und Haaren auf die Bühne zitiert worden wäre. Nicht denkmalpflegerische Pietät, vielmehr gerade deren Demontage leitete die programmatischen Köpfe in Frankfurt, den Dramaturgen Norbert Abels und den Regisseur Harry Kupfer, deren Fassung etwas ruppig auf fast dreißig Prozent des komponierten Materials verzichtete – vor allem auf Tänze, Aufmärsche und ähnliche weitere Ingredienzien öffentlich-repräsentativer Klang-Evokation.
(…)
So stellte sich die Oper jetzt als ein Gebilde aus mannigfachen lyrischen, elegischen, schmerzlichen und aufpeitschenden Stimmungen dar, als eine Abfolge blühender Ensembles und vor allem vehementer Chöre, nicht zu vergessen die groß dimensionierte, Lebensrückschau haltende Arie der Titelfigur im 4. Akt.
(…)
Einer der Gründe, wenn nicht der wichtigste, dass die Glinka-Oper in Frankfurt kreiert wurde, hieß John Tomlinson. Der inzwischen wahrlich in das Fach der urslawischen Riesenbässe hineingewachsene ehemalige Wotan, dessen gewaltige, ja ungefüge Stimme dennoch auch in vielerlei Nuancierungen kontrollierbar bleibt, hat keine Schwierigkeiten, das Klischee des russisch-bäuerlichen Patriarchen und aufrechten Volkshelden zu erfüllen und überzuerfüllen und dennoch den Anschein größter Triftigkeit, ja Natürlichkeit zu erwecken. Spätestens in seiner großen finalen Passionsarie verschmolz er tatsächlich mit dem Ideal einer schlichten Leidens-Ikone. Für einmal entfiel der Unterschied zwischen standardisierter Theatralik und großer Menschendarstellung.

Hans Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau


(…) Inmitten Antonida, Tochter des Iwan Sussanin, die sehnlichst ihren Geliebten, den Partisanenführer Sobinin erwartet. Kateryna Kasper, Eigengewächs der Oper Frankfurt, brilliert hier mit lupenreinem Sopran, der in Arien-Fiorituren höchste Höhen erklimmt. Den Sobinin gibt der russische Tenor Anton Rositskiy, ein Kraftkerl mit Feingefühl, vor allem in seiner italienisch getönten russischen Bravourarie.
(…)
Dann ist da noch die anrührende Geschichte vom Vöglein, das aus dem Nest fiel, gesungen von Wanja, dem tatkräftigen Ziehsohn des Sussanin: Katharina Magieras stimmfeiner Mezzosopran hält einmal mehr gefangen. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Dirigent Sebastian Weigle ließ das Orchester toben und tosen, auch mal sentimental schluchzen – Komponist und Patriot Glinka hatte keine Scheu vor Pomp, was auch dem viel beschäftigten und hochmotivierten Chor zugutekam. Unter den Solisten überzeugte vor allem Bass-Urgestein John Tomlinson in der Titelrolle des Iwan Sussanin, der sich für Mütterchen Russland opfert und von den deutschen Soldaten zu Tode gefoltert wird. Umjubelt wurde auch Katharina Magiera in der Hosenrolle des jungen Wanja, der die Partisanen rechtzeitig warnt, sowie Sopranistin Kateryna Kasper als heiratswillige Tochter Antonida. (…) Ein insgesamt umstrittener, aber umso lohnenswerterer Opernabend.

Peter Jungblut, BR-Klassik / Leporello


(…) Einer der Gründe, warum ich zu dieser Premiere nach Frankfurt gefahren bin, war das Engagement eines Regisseurs der klassischen Moderne: des nunmehr 80-jährigen Harry Kupfer, der ja auch mit dem Salzburger Rosenkavalier eben erst wieder bewiesen hat, dass er voll „da“ ist. Letzte Saison hat man in Frankfurt Prokofiews Spieler in seiner Regie hoch gepriesen. Ich zögere nicht, nun auch diese Glinka-Interpretation als ein Ereignis zu bezeichnen. Natürlich auch deshalb, weil Inszenierung und musikalische Wiedergabe von gleich hoher Qualität sind. Das „Opernhaus des Jahres“ unter seinem vortrefflichen Intendanten Bernd Loebe hat sich wieder einmal um die Ausgrabung einer wertvollen Rarität verdient gemacht.
(…)
Iwan Sussanin, ein reicher russischer Bauer aus der Gegend von Kostroma an der Wolga, der durch Irreführung der feindlichen Armee seinem Land zu einem militärischen Sieg verhalf – um den Preis seines eigenen Lebens, hat wirklich gelebt. Um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Als die Polen ihr Nachbarland bekriegten und einem Partisanentrupp nachstellten, um den Zarensohn zu töten, der in dieser Gegend versteckt wurde, nahmen sie Sussanin fest, um ihn zum Verrat dieses Verstecks zu zwingen. Er hatte aber zuvor schnell noch seinen Ziehsohn Wanja ausgeschickt, um seine Leute zu warnen. Sussanin aber geleitete die Eindringlinge auf Abwege, wo sie im Schneesturm in einem versumpften Wald allesamt starben, nachdem sie ihn grausamst getötet hatten.
(…) Harry Kupfer und der Dramaturg Norbert Abels haben für Frankfurt eine Fassung der Oper erstellt, in der die Handlung in die Zeit des 2. Weltkriegs verlegt wurde. Die „Feinde“ sind in diesem Fall die Deutschen, die ja bereits Polen eingenommen hatten. Während die Oper in Originalsprache aufgeführt wird, dürfen diese deutschen Soldaten sogar deutsch singen! Das war natürlich eine Herausforderung für jene Sektion streitbarer Premierenbesucher, die darin eine politische Verhetzung sehen. Und das ausgerechnet bei Harry Kupfer, einem der menschlichsten Regisseure, der zwischen Ost und West – jenseits von Gut und Böse – ein paar Jahrzehnte lang, sowie auch mit dieser Produktion, großes, allgemeingültiges Musiktheater gemacht hat! (…)

Sieglinde Pfabigan, www.der-neue-merker.de


(…) Hier kommen die Musik und das farbenreiche und sensible Opernorchester unter Sebastian Weigle ins Spiel: Dunkel tönt russische Kirchenmusik, viel in Moll, mit archaisierenden Leitmotiven und Fugen; daneben mendelssohnt, schumannt, webert und beethovent es; Bravourarien im Donizetti- und Bellini-Stil bereitet die Ouvertüre vor; prächtige (von Kupfer routiniert bewegte) Chöre (präzise einstudiert von Tilman Michael) würzen die Szenerie fast oratorienhaft. (…)

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(…) Das gesamte Produktionsteam setzte den im Werk immanenten russischen Nationalismus in Beziehung zu den weit über 20 Millionen Toten, die das Land im 2. Weltkrieg zu beklagen hatte. So sind die angreifenden Polen auf der Frankfurter Bühne deutsche Wehrmachtssoldaten in weißen Tarnanzügen, die untereinander auch Deutsch singen und erst im Kontakt mit den Einheimischen ins Russische wechseln. Die verfrühte Siegesfeier in Warschau ist ein zeitgenössischer Ball der Waffenindustriellen, Kriegsgewinnler und Militärs mit Polonaise, Krakowiak und Walzer. Als Höhepunkt wird das neueste Panzer-Modell mit der Aufschrift „Berlin-Warzawa-Moskwa“ hereingerollt – wozu dem mitdenkenden Musiktheaterfreund die aktuelle Leopard-Lieferung an Katar in den Sinn kommt. Und für die finale Jubelfeier zitiert das Bühnenteam eine gleichsam auf Moskaus „Roten Platz“ angesiedelte Parade: die Militärs „erheben“ sich auf einem hochfahrenden Podest über das gemeine Volk, das die gebrachten Blutopfer in Form der Schuhe und Stiefel der Toten hereinträgt – und dann brechen Regisseur Kupfer und Kostümbildner Jan Tax das hohle Pathos, indem die Militärs ihre Uniformen ablegen, sich in bäuerliche Muschiks verwandeln und somit das „gemeine Volk“ sein Land feiert. Prompt gab es schon für die „deutschen Soldaten“ einzelne Buhs, auch betroffen verwirrtes Schweigen und am Ende für das Regieteam einen Buhsturm. Eine Premiere als Abend der unbequemen Einsichten…

Wolf-Dieter Peter, www.nmz.de (neue musikzeitung)


(…) Der Volkschor steht im Mittelpunkt von Michail Glinkas Oper Iwan Sussanin: Ihn lässt er in kirchlichen Frage-Antwort-Gesängen, folkloristischen Melodien, kontrapunktischen Fugen oder pathetischen Hymnen mit hoffen, leiden, feiern und triumphieren, wenn der Mann aus ihrer Mitte, der Bauer Iwan Sussanin, die Feinde ins Verderben führt. Der von Tilman Michael einstudierte Chor und Extrachor der Frankfurter Oper ist dann auch eine Ohrenweide – prachtvoll obertonreich im Forte, einfühlsam säuselnd im Piano und selbst in den verschachtelten Fugen noch exzellent zusammen. Dank der hervorragenden Personenführung von Regiealtmeister Harry Kupfer erhält die Masse hier auch individuell-charaktervolle Gesichter: Vor trüb-grauem Himmel, zerborstenen Baumstümpfen, einer schief gekippten Kirchenwand-Ruine und am Boden zersprungenen Kirchenglocken, die Hans Schavernoch auf die Bühne gestellt hat, pflegen die Choristen versehrte Kriegsheimkehrer, machen sich Mut – und kümmern sich liebevoll um Sussanins Tochter Antonida (…).

Ursula Böhmer, SWR 2 / Kultur aktuell


(…) Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Sebastian Weigle schöpft das Frankfurter Opern- und Museumsorchester nicht nur die reichhaltige Farbpalette, sondern auch die fließende Kantabilität der Musik mitreißend aus. Bestens disponiert zeigt sich auch der von Tilman Michael geführte Opernchor. Mit der Sopranistin Kateryna Kasper, die der Partie der Antonida berührend reine Klanglyrik verleiht, dem höhensicheren Tenor Anton Rositskiy als Sobinin und der herausragenden, mit glühendem Mezzotimbre aufwartenden Katharina Magiera als Wanja besitzt das Solisten-Ensemble eine außerordentliche Qualität.

Silvia Adler, Darmstädter Echo


(…) Harry Kupfer, der schon Ende der 70er Jahre in Frankfurt als einer der ersten nach Chéreau die dreiaktige Lulu herausgebracht hatte, umgeht das Pathos, „Das Wesentliche des Werkes, der große menschliche Zug, der sich durch das Stück tief hindurchzieht, kann jedoch als ewig gültiges Gleichnis betrachtet werden“. So inszeniert Kupfer das schlicht, direkt, wie stets bravourös in den Chorszenen (…).

Rolf Fath, www.operalounge.de


Wer schreit denn da Buh? Sind wir schon so weit, dass in der Oper Nazis nicht mehr die Bösen sein dürfen?
In Glinkas patriotischer Oper Iwan Sussanin von 1836 sind die Feinde die Polen. Regie-Altmeister Harry Kupfer verlegt die Handlung in seiner bildstark stimmigen Inszenierung ins letzte Jahrhundert. Warum nicht. (…)

Josef Becker, Bild Frankfurt


(…) Die eklatanten Striche – vor allem in den Akten eins und drei – nehmen der Musik jedenfalls durchaus Fluss, erscheint in dieser Version manches doch arg holzschnittartig. Und dies liegt keineswegs am Frankfurter Opern- und Museumsorchester, das in der besuchten dritten Vorstellung am vergangenen Donnerstag wieder auf exzellentem Niveau musizierte und bewies, dass es zu den führenden Klangkörpern der Republik zählt. Generalmusikdirektor Sebastian Weigle legte großen Wert auf Transparenz und sorgte für einen warmen, bisweilen umschmeichelnden Klang. Die Balance zwischen Graben und Bühne stimmte durchweg, was sich ebenso in den großen Chortableaus positiv bemerkbar machte. Tilman Michael hatte Chor- und Extrachor perfekt vorbereitet, die eine grandiose Leistung boten.
Aus der Sängerschar ragte Ensemblemitglied Katharina Magiera als Sussanins Sohn Wanja heraus, den sie mit wunderbar geschmeidigem Mezzo sang. Ihr warmes und fein moduliertes Timbre passte vorzüglich zu dieser Rolle, die sie erheblich aufwertete. (…)

Lars-Erik Gerth, Hanauer Anzeiger


(…) Starker Protagonist ist in der Tat der Chor, der (…) je nach Lager abwechselnd deutsch und russisch singt, dabei aber in der Einstudierung von Tilman Michael zu ebenso opulenten wie differenzierten Ergebnissen gelangt. In der undankbaren, extrem hoch liegenden Tenorpartie des Bogdan Sobinin leistet Anton Rositskiy Großartiges, während Kateryna Kasper als seine Braut und Sussanins Tochter Antonida mit Geschmeidigkeit im Filigranen für sich einnehmen. Mit stärker werdender Mezzo-Mitte gibt Katharina Magiera die Hosenrolle des Wanja, Sohn Iwan Sussanins. (…)

Axel Zibulski, Wiesbadener Kurier

Liederabend MAURO PETER vom 13. Oktober 2015


Liederabende, in der Oper Frankfurt inzwischen schon Tradition, boten und bieten immer wieder höchst erfreuliche Überraschungen, so nun auch heute mit dem 28-jährigen Mauro Peter. Sorgte der gebürtige Schweizer bereits mit seiner Lieder-CD Die schöne Müllerin für Furore, scheint sich das hoffnungsvolle Talent mit seinem neuen Programm (bereits auf CD erschienen), den Goethe-Liedern vertont von Franz Schubert, noch zu übertreffen. Nun war der Rezensent von Stimme, Aura, Musikalität des sympathischen, jungen Sängers derart angetan, dass er sich geneigt fühlte, jedes einzelne dargebotene Lied zu beschreiben (…). Völlig im Einklang mit dem Solisten, die ruhige, subtile Begleitung des grandiosen Pianisten Helmut Deutsch. Jeder Interpret darf sich glücklich schätzen, diesen bewundernswerten Partner an seiner Seite zu wissen. (…)

Gerhard Hoffmann, www.der-neue-merker.eu


(…) Mauro Peter, dessen Stern am Tenorhimmel gerade aufgeht, besitzt die (in diesem Fach zu seltene) Gabe der Natürlichkeit. Das umfasst seine Legato-Kultur, die jederzeit verständliche Aussprache sowie, technisch, den bruch- und makellosen Ausgleich der Tonhöhen und Stimmregister. Vor allem seine piano-Einsätze in der Höhe berühren die Seele (…). Glück für die, die dabei waren, und reich beschenkt in den kalten Frühherbstabend hinausgingen.

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(...) eine so verführerisch rein und mühelos strahlende Kopfstimme bei äußerst klarer Artikulation sucht ihresgleichen (…).

Axel Zibulski, Offenbach-Post


(…) Beim Liederabend in der Oper Frankfurt (…) begleitete ihn Helmut Deutsch, mit dem [Mauro] Peter schon lange – sofern in seinem Leben irgendetwas bereits ernstlich lange währen kann – zusammenarbeitet. Lied und Oper entwickeln sich bei Peter offenbar ganz parallel, zu beider Vorteil. Ausgezeichnet stellt sich Deutsch auf feinen, filigranen, auch spielerischen Ansatz seines Partners ein, das Klavier säuselt, tupft und murmelt zart wie selten.
(…) Peters Schubert ist ein Triumph der Schönheit, der Makellosigkeit. In einer Welt, in der auch Schubert immer weiter auf sein krasses, modernes, dunkles Potenzial hin ausgeleuchtet wird, ist das überraschend. Hier rückt er wieder eng an Mozart heran, das ist in dieser Perfektion unwiderstehlich, auch wenn man ahnt, dass es nur die Hälfte der Wahrheit ist. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau

Die tote Stadt, Wiederaufnahme vom 2. Oktober 2015


„Glück, das mir verblieb …“

… Welchʼ großes Glück widerfuhr der zweiten Reprise von Erich Wolfgang Korngolds Jugendoper Die tote Stadt unter der Stabführung von GMD Sebastian Weigle. Selbstbewusst, konzentriert offenbarte der umsichtige Dirigent die symphonische Pracht dieser Partitur, die Tempi spannungsvoll ausgereizt, neben Aggression und Attacke wurden auch die melodiösen Lyrismen prächtig ausgeleuchtet. Weigle verstand es zudem, in komplexer Lesart die raffiniert instrumentierten Klänge selbst während der expressiven Orchestereruptionen prachtvoll zu bändigen und zauberte mit dem hervorragend disponierten Frankfurter Opern- und Museumsorchester einen weichen, herrlichen Sound. Bravo!
Die surrealistische Inszenierung von Anselm Weber aus dem Jahre 2009 wirkte in ihrer Szenerie mit ihren pittoresken Elementen und Anleihen aus Dantes Dichtungen bzw. plastischen Welten frisch wie zur Premiere 2009/10 und dürfte auch der szenischen Leitung von Tobias Heyder zu danken sein, welcher die Künstler der Neubesetzungen so vortrefflich betreute.
Bewundernswert immer wieder, mit welcher Selbstverständlichkeit die Intendanz interessante Sängerbesetzungen aus dem Ärmel „zaubert“, es zudem versteht, Talente des Ensembles zu hegen, zu pflegen, zu fördern. Als Beispiel darf man den jungen Björn Bürger nennen, welchem man die Rollen des Frank / Fritz anvertraute. Kernig, weich strömend, in schlichter und dennoch frappierend nuancierter Intonation entfaltete sich das herrlich timbrierte, baritonale Material ganz besonders bei „Mein Sehen, mein Wähnen“ zu balsamischem Wohlklang. (…)

Gerhard Hoffmann, www.der-neue-merker.eu


(…) Alle vier Hauptrollen sind neu besetzt, wobei Björn Bürger in der Doppelrolle von Frank und Pierrot als echte Sensation gelten kann. Was für ein kräftiger, ausdrucksstarker, herrlich nuancierter Bariton, der jeden Auftritt zum Erlebnis macht. Sara Jakubiak als Marietta gelingt vor allem in den kräftigen Sopranhöhen Außerordentliches, während der Kanadier David Pomeroy als Paul anfänglich mit spürbarer Aufregung zu kämpfen hat. Erst ab dem zweiten Akt singt sich der in Frankfurt debütierende Tenor frei, begeistert aber dann mit herrlichen Höhenflügen, die alle Stimmgrenzen zu sprengen scheinen. Mezzo Maria Pantiukhova als Brigitta macht das überzeugende Solisten-Quartett perfekt. Ein in jeder Hinsicht fesselnder Opernabend, der frenetischen Applaus einheimste.

Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse


(…) Das hervorragende Frankfurter Opern- und Museumsorchester folgt dem Dirigenten, der es immer zu verhindern weiß, auch nur im Ansatz reiner Klangkulinarik zu verfallen. Zudem ist Weigle ein zuverlässiger Anwalt der Sänger; sein Fundament trägt und seine Zeichengebung führt gekonnt. In schönster Sensibilität gegenüber der menschlichen Stimme vermeidet er sowohl überhitzte Tempi und vor allem unnötige Kraftakte der Sänger.
(…) Björn Bürger mit seinem jugendlichen Bariton ist mit seinem Rollendebüt als Frank das gesangliche Erlebnis des Abends. (…)

Boris Michael Gruhl, www.klassik.com


(…) Fazit: Ein hochkarätiger Opernabend, dessen Besuch die Fahrt an die Oper Frankfurt, die von der Fachzeitschrift „Opernwelt“ gerade gemeinsam mit dem Nationaltheater Mannheim zum Opernhaus des Jahres gekürt wurde, wieder einmal voll gelohnt hat.

Ludwig Steinbach, www.deropernfreund.de


(…) Am Schluss der Vorstellung minutenlanger, nicht enden wollender Applaus des begeisterten Publikums mit zahlreichen Bravo-, Brava- und Bravi-Rufen für das Sängerensemble, das Orchester und seinen Dirigenten. Als Rezensent schließe ich mich mit einem „Bravo!“ an den Intendanten Bernd Loebe für die Wiederaufnahme dieser Produktion an.

Udo Pacolt, www.der-neue-merker.eu

Die Hochzeit des Figaro,
Wiederaufnahme vom 1. Oktober 2015


Triumph der Ensemblekultur

Man mag von der Auszeichnung „Opernhaus des Jahres“ durch die Zeitschrift Opernwelt auf der Grundlage einer sehr relativen Mehrheit in einer Kritikerumfrage halten, was man möchte. Die mitgelieferte Begründung für diese Auszeichnung trifft in diesem Jahr jedenfalls ins Schwarze. Geehrt werde die Oper Frankfurt für „ein ungebrochenes Vertrauen in die Kraft des Ensembletheaters“. Die Berechtigung dieses Lobes könnte das Haus am Main nicht besser unter Beweis stellen, als mit der aktuellen Wiederaufnahmeserie von Mozarts Hochzeit des Figaro, die nahezu vollständig mit Bordmitteln bestritten wird.
(…)
So bietet diese Wiederaufnahme ein musikalisch und szenisch unbeschwertes Vergnügen. Nach dreieineinhalb wie im Fluge vergangenen Stunden verlässt das Publikum beschwingt und mit einem Lächeln auf den Lippen das Opernhaus.

Michael Demel, www.deropernfreund.de


(…) In [Guillaume] Bernardis Inszenierung (Premiere war 2007) werden diese Probleme [innerhalb der Handlung] nicht zum pechschwarzen Weltuntergangsszenario übersteigert, sondern es gibt librettogetreuen Mozart, gleichsam heiter bis wolkig.
Die Kostüme sind historisierend, Inszenierungskonzept und Bühnenbild ohne Schnickschnack, aber auch nicht puritanisch. Bernardi punktet mit gekonnt inszenierter Situationskomik und bringt die komplexen Handlungsstränge leicht nachvollziehbar auf die Bühne. Die jungen Sänger aus dem Ensemble bzw. Opernstudio begeisterten mit Elan und schönen Stimmen, die gleichermaßen zu loben sind. Allen voran Kihwan Sim (Figaro), Louise Alder (Susanna), Iurii Samoilov (Graf) und Nina Tarandek (Cherubino). (…)
Dirigent Karsten Januschke entlockte dem gar nicht so klein besetzten Orchester mitunter hauchzarte Töne. Die Momente fast transzendent schöner Klänge, die in Mozarts Partitur immer wieder aufleuchten, kamen geschmeidig modelliert aus dem Orchestergraben, ohne aufgeraute oder angespitzte Rustikalisierungen.

Markus Kuhn, Frankfurter Neue Presse

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern,
Premiere vom 18. September 2015


(…) Mit diesem musikalisch-szenischen Meilenstein ist der Oper Frankfurt (…) ein Auftakt für die neue Spielzeit gelungen, die dieses Opernhaus als eines der führenden, wenn nicht das führende im Lande ausweist.

Joachim Lange, Der Standard


Mit einer aufwendigen und einfallsreichen Inszenierung eines modernen Musiktheaters wartet zurzeit die Oper Frankfurt auf, die sich im letzten Jahrzehnt zu einem der besten Opernhäuser Europas entwickelte (…).

Udo Pacolt, www.der-neue-merker.de


Genauso macht man es, wenn man sich (mit guten Gründen) selbst für das Opernhaus des Jahres hält: Man setzt zur Spielzeiteröffnung Helmut Lachenmanns 1997 in Hamburg uraufgeführtes Mädchen mit den Schwefelhölzern an, holt sich für dieses grenzgängerische Werk mit Benedikt von Peter (dem designierten Chef der Oper Luzern) einen der aufregendsten Regisseure der Republik ans Haus und sorgt auch bei diesem Solitär avantgardistischen Musiktheaters für die Qualität, die hier bei Wagner, Strauss oder Weber üblich ist. Auch wenn nicht so musiziert, gesungen und gespielt wird, wie es sich in ein paar hundert Jahren fürs Genre Oper eingebürgert hat. (…)

Roberto Becker, Neues Deutschland


(…) Benedikt von Peters Lösung, das erratische Werk in einem weidlich „umgebauten“ Theaterraum en suite mit sieben Abenden am Anfang der Spielzeit zu platzieren, war selbstverständlich eine organisationstechnische Herausforderung. Wie kaum anders zu erwarten, gab es keine Guckkasten-Optik. Natascha von Steigers Raumkonstruktion bezog den unteren Teil der Bühne als Publikumsbereich ein. Darüber thronte tribünenartig der Großteil des Orchesters mit dem wie ein Fels in der Brandung agierenden Dirigenten Erik Nielsen. Dieser Frankfurter „Spezialist“ für sehr alte und sehr zeitgenössische Musik gehört mittlerweile zu den originellsten und gefragtesten Köpfen seiner Zunft. Auf den seitlichen Rängen waren weitere Instrumentalisten postiert sowie die staunenswert selbstständig wirkenden Choristen (Einstudierung: Michael Alber). (…)
Verletzlichkeit und soziale Kälte sind Schlüsselbegriffe für die inhaltliche Dimension des Stückes. Benedikt von Peter fand für ihre Evokation ein scheinbar ganz fern liegendes, zunächst verblüffendes, endlich aber durchaus überzeugendes motivisches Äquivalent. Neben der Wucht und, ja, sogar dem Prunk der musikalischen Batterien mutete die kleine Turnmatte inmitten des überdeckten Orchestergrabens sowieso schon als unscheinbarer Schauplatz an. Auf dem blauen
Areal war zunächst nur ein nahezu unbewegter dunkler Fleck sichtbar, den erst die vergrößernde Projektion auf einer Leinwand darüber als lebendes Meerschweinchen identifizierte. Diesem näherte sich von der Seite der Schauspieler Michael Mendl mit zunächst nicht zu deutenden Absichten. (…)
Der Mann und das Meerschweinchen, eine sehr einfache Tier- und Beziehungsgeschichte, die am Rand zur Rührseligkeit angesiedelt ist, ohne doch je peinlich zu werden. Eines von tausend möglichen „Bildern zur Musik“ des Lachenmann-Werks, aber zweifellos ein besonders einprägsames, tiefsinniges. Es meidet auch allzu eindeutige Assoziationen (etwa an ein „Opfer“), behält etwas Autarkes, Unverfügbares, außerhalb des Rahmens der „Geschichte“ Bleibendes und gemahnt dadurch an die schmerzhafte Diskrepanz von Kunst und Leben (…).

Hans-Klaus Jungheinrich, Opernwelt


Eigentlich hätte auch „Der alte Mann und das Meerschweinchen“ auf den Programmheften stehen können, denn an der Oper Frankfurt schaute das Publikum gestern Abend tatsächlich knappe zwei Stunden lang einem offenbar vereinsamten Rentner und einem putzigen Nagetier beim Spielen und Essen zu. Kein Wunder, dass die Meinungen am Ende geteilt waren: Es gab lautstarke Protestrufe, aber auch viel Beifall, denn tatsächlich und eigentlich wider Erwarten war es ein ungemein fesselnder Abend.
In Helmut Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern geht es um zwischenmenschliche Kälte, inspiriert vom traurigen gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen. Ein kleines, armes Mädchen soll in der Silvesternacht Streichhölzer verkaufen, friert dabei erbärmlich, und wärmt sich daher mit der kostbaren Ware, bis kein Streichholz mehr übrig ist. Eine gleichnishafte Tragödie, die Helmut Lachenmann mit dem Schicksal der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin überblendet, auch sie war gewissermaßen ein „zündelndes Mädchen“, dessen Seele erfror.
Natürlich gibt es bei Lachenmanns „Musik in Bildern“ keine nachvollziehbare Handlung, es ist eher eine überwältigende Hör-Installation, ein geniales Klang-Kunstwerk. Lachenmann zerlegte das Andersen-Märchen in seine Geräusche: Der Wind pfeift, die Streichhölzer reiben und knistern, die Silben des Texts werden gehaucht, gepresst, gerufen, geschnalzt und gekreischt. Dafür überzeugende Bilder zu finden, ist nun wirklich nicht einfach.
Regisseur Benedikt von Peter ließ sich von seiner Bühnenbildnerin Natascha von Steiger ein grünes Podest bauen, darauf das erwähnte Meerschweinchen, tragikomisches Symbol für Wärme und Nähe. Ein alter Mann, herausragend dargestellt vom fernsehbekannten Schauspieler Michael Mendl, streichelt und füttert das Tier liebevoll. Hier wird ergreifend vorgeführt, was Menschen fehlt: Sie sind so einsam und erkaltet, dass sie es in der Welt nur noch aushalten, weil die Meerschweinchen nicht weglaufen können. Ein bitteres, böses, satirisches Fazit.
Gelungen ist dieses gewagte Konzept nicht zuletzt wegen der leidenschaftlich engagierten Instrumentalisten und Sänger. Musikalisch war es ein ganz großer Abend. So fesselnd, wie unter Dirigent Erik Nielsen war das Werk in letzter Zeit nicht mehr zu erleben. Die Musiker waren, wie es der Komponist vorsieht, im Raum verteilt, das Publikum hatte also ein überwältigendes Rundumklangerlebnis. Eine derart komplexe Partitur so kraftvoll, so wahrhaftig zu interpretieren, das ist eine beeindruckende Leistung. Der bald 80-jährige Helmut Lachenmann selbst hatte einen Sprechtext übernommen – dass die Zuschauer am Ende sehr geteilter Meinung waren über sein wegweisendes Werk, dürfte ihm behagt haben. Denn das Mädchen mit den Schwefelhölzern ist weder erbaulich, noch rührselig gemeint – es will verstören und aufrütteln.

Peter Jungblut, BR-Klassik / Piazza


(…) Der Saisonauftakt in Frankfurt könnte nicht besser gelingen: Ein starkes Bekenntnis zum zeitgenössischen deutschen Musiktheater.

Achim Dombrowski, www.opernnetz.de


(…) Doch die wesentliche Aussage dieser „Musik mit Bildern“ übernimmt nicht das Wort oder gar eine Handlung, sondern die Musik selbst: eine erstarrte, erstickte, boden- und sprachlose Musik aus Geräuschen und Stimmfetzen – Musiktheater als „meteorologischer Zustand“, wie es der Komponist nennt. In Frankfurt sind das groß besetzte Opern- und Museumsorchester und das Chorwerk Ruhr, dirigiert von Erik Nielsen, verteilt auf einem Podest im Bühnenraum und auf die oberen Ränge, wo die Musiker hinter Gittern wie in Vogelkäfigen spielen.
Die Schwierigkeiten mit Lachenmanns radikalen Notations- und Spielarten, die bei der Hamburger Uraufführung 1997 noch unüberwindlich schienen, werden von heutigen Orchestern und Vokalensembles mit einer Geschmeidigkeit und Kompetenz gemeistert, dass die Revolution von einst in schiere Schönheit umschlägt. (…)

Michael Struck-Schloen, Süddeutsche Zeitung


(…) Die Vorstellung beginnt eigentlich draußen, auf dem Willy-Brandt-Platz, der in Winterzeiten selbst eine eiskalte Spielfläche des Märchens sein könnte. Ein heißluftgefülltes Riesen-Mädchen mit Streichholzpackung steht da; nach der Vorstellung wird es gefallen sein. (…) Drinnen, in Gängen und Foyers, lassen Darsteller ihre Stimmen über Schalltrichter tönen. Durch die Scheiben sind die Frankfurter Insignien des Kapitalismus, das Euro-Symbol, die Hochhäuser, zu sehen. Andersens Mädchen blickt durch Fenster in warme Stuben. (…)

Axel Zibulski, Frankfurter Neue Presse


(…) „Musik mit Bildern“: Lachenmanns Stück wurde bereits in früheren Inszenierungen (etwa von Achim Freyer oder Peter Mussbach) auf der szenographischen Ebene eigenständig weiterentwickelt und kommentiert. Benedikt von Peters Frankfurter Lösung besticht schon deshalb, weil sie keinen Zweifel lässt am Primat der musikalischen Ereignisse. Auf der balkonartigen oberen Bühnenhälfte thront das Orchesterkollektiv, zentral animiert vom aufmerksam-ruhevoll amtierenden Dirigenten Erik Nielsen. Die Seitenreihen der Ränge sind besetzt mit weiteren Instrumentalisten und teilweise „instrumental“ agierenden Choristen (Einstudierung: Michael Alber). Die hervorragende Einstudierungsqualität zeigte sich bei Chor und Orchester (Matthias Hermann) in einer souveränen Diktion, die den Anschein jahrelangen intimen Umgangs mit solchen Partituren nahelegen mochte.
Der untere Teil der Bühne ersetzte in etwa die Publikumsreihen, die auf den Rängen verloren gingen. Für die beiden nicht als Personendarsteller misszuverstehenden Sopranistinnen (mitunter magische Vokalausstrahlung: Christine Graham und Yuko Kakuta) und die gegen Schluss wie eine Botin aus dem Jenseits wirkende Spielerin der japanischen Mundorgel Shô (Mayumi Miyata) blieben zum Zirkulieren nur schmale seitliche Gänge.
Der Komponist, wie immer an der Vorbereitung seines Werkes persönlich beteiligt, artikulierte den virtuosen Stotter-Text der Passage „Zwei Gefühle“ (die Leonardo-Komposition ist ein in die Oper integriertes eigenes Vokalstück) mit gespannter Zurückhaltung. Bühnenbildnerin Natascha von Steiger deckte den Orchestergraben komplett zu und reservierte ihn für die mit der Inhaltssphäre Lachenmanns korrespondierende selbständige Geschichte, die von Peter zusammen mit dem wunderbaren Schauspieler Michael Mendl einbrachte. (…)

Hans Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau


(…) Ein Schauspieler, der beeindruckend präsente Michael Mendl, umhegt, tränkt, füttert und herzt in grenzenloser Langsamkeit und fürsorglicher Melancholie ein winziges Wuschelwesen – ein Meerschweinchen. Per Video ist die abendfüllende Prozedur, die wohl ein Gegenbild zur inhumanen sozialen Kälte darstellen soll, auf einer Leinwand zu verfolgen.
Daneben gibt es reichlich Textprojektionen im gesamten Raum, und einzelne Schlüsselmomente des Andersen-Märchens werden von den beiden wunderbaren Sopranistinnen Christine Graham und Yuko Kakuta auch szenisch angedeutet, etwa das Stehen des Mädchens an der Hauswand, ihr Zittern vor Kälte und ihre Visionen von der Großmutter, die ihre erfrorene Seele heimholt zu Gott. Dennoch hat wohl noch keine Regie so unspektakulär vor einem Bühnenwerk die Waffen gestreckt wie hier in Frankfurt. Das ist einerseits Teil des Konzepts – und auch sonst nicht weiter schlimm, denn Lachenmanns Musik erzählt die Geschichte ohnehin genauer und im Sinne eines „Wahrnehmungsabenteuers“ (Lachenmann) auch akustisch bedrängender, als es jede banalisierende Darstellung vermöchte. (…)

Christian Wildhagen, Neue Zürcher Zeitung


(…) Buhs und Ovationen hielten sich zunächst die Waage, am Ende dieses überwältigenden Abends überwog der Beifall für eine der bedeutendsten Opern des vergangenen Jahrhunderts.

Ute Schalz-Laurenze, www.nmz.de (neue musikzeitung)


(…) Das großartige Frankfurter Opern- und Museumsorchester musiziert unter der Leitung von Erik Nielsen mit großer, fast romantischer Expressivität, und dazu mit einer Selbstverständlichkeit, als sei solche Musik die normalste überhaupt (dabei erfordert diese in weiten Passagen völlig andere, geräuschhafte Spieltechniken als gewohnt). Herausragend die beiden Pianistinnen Yukiko Sugawara und Tomoko Hemmi. (…)

Stefan Schmöe, www.omm.de


(…) In Benedikt von Peters Regie gewinnt der Text immer wieder klare Gestalt, wird auf Bühne, Ränge und Wände projiziert; auch Lachenmanns Szenentitel sind zu lesen, die „Frier-Arie“ oder der „Abendsegen“. Mit verdrehten Silben rezitiert Helmut Lachenmann höchstselbst: Der Komponist spricht von der Bühnenseite aus Leonardo da Vincis „Zwei Gefühle“, eine Parabel um einen fragenden Wanderer vor einer dunklen Höhle. Der andere eingeflochtene Text, ein Brief, den die inhaftierte RAF-Terroristin Gudrun Ensslin schrieb, klingt aus dem Off. Von Deutungsversuchen, die eine Gedankenlinie von sozialer Not zu zündelnden Terroristen ziehen, hält sich Benedikt von Peter glücklicherweise fern – es sei denn, man entdeckt in der Figur auf dem Opernplatz Züge Ensslins.
Die unbedingte Empathie, die das monatelang trainierte Meerschweinchen weckt, erstreckt sich am Ende auf die Musiker, den Dirigenten und früheren Frankfurter Kapellmeister Erik Nielsen vor allem, der von der Bühnenmitte aus alles hoch koordiniert im Griff hält, auch auf die beiden Vokalisen-Soprane Christine Graham und Yuko Kakuta. Einzelne Besucher sind früh gegangen, einige andere haben sich „Buh“-Rufe fürs Regieteam und den Komponisten aufgespart, viele sind begeistert. Vielleicht wird das Frankfurter Mädchen ja das, was es in Hamburg bald war: Ein riesiger Erfolg bei einem Publikum, das wirklich Lust auf völlig Neues, Unerhörtes hat.

Axel Zibulski, Offenbach-Post


(…) Eine Kamera filmt den Alten und das Pelztier, die Bilder werden auf eine Leinwand projiziert. Michael Mendel gelingt es dabei in beeindruckender Weise, mit einem Ausdruck großen Ernstes und tiefer Traurigkeit zwei Stunden lang die minimalistische Szene in einer Balance aus Spannung und Entspannung zu halten. Die Kameraführung steigert das Ganze geschickt, etwa indem sie im weiteren Verlauf das Gesicht des Schauspielers in den Fokus nimmt, heranzoomt, sich regelrecht an der zerfurchten Gesichtslandschaft festsaugt. Dieses Videokunstwerk könnte sogar eigenständig bestehen. (…)

Michael Demel, www.deropernfreund.de


(…) Als am 2. April 1968 das Kaufhaus Schneider auf der Frankfurter Zeil in Flammen stand, sollte dies als Fanal gegen die Stadt des Kapitals gelten. Gudrun Ensslin und Andreas Bader, später Begründer der RAF-Terrorzelle, hatten sich den Ort mit Bedacht ausgesucht. Seither haben die Frankfurter viel getan, um das Image der kalten Bankenstadt loszuwerden. Als Stadt der Museen und Künste definiert man sich heute. Doch die Geschichte kehrt immer wieder zurück, nun in Form einer dramatischen Musik: In Das Mädchen mit den Schwefelhölzern verschränkt Komponist Helmut Lachenmann kunstreich das Andersen-Märchen mit Texten von da Vinci und eben Gudrun Ensslin. Kaum Zufall, dass Opern-Intendant Bernd Loebe das spektakuläre Werk an den Anfang der Saison am Main gesetzt hat: eine Herausforderung für Musiker wie Zuhörer, und auch 18 Jahre nach der Uraufführung eine Provokation.
Körperlich spürbar will Lachenmann, inzwischen fast 80 und direkt an der Frankfurter Aufführung beteiligt, die Eiseskälte machen, an der das Mädchen im Märchen zugrunde geht. Radikale Klänge und Geräusche fordert er dazu Chor, Solisten und Orchester ab. Nicht die Geschichte wird erzählt; konkrete Musik soll das Drama konkret spürbar werden lassen. Das gelingt den Musikern unter Leitung von Erik Nielsen mit eindringlicher Präzision und Schärfe. (…)

Thomas Wolff, Darmstädter Echo


(…) Die diffizilen, mitunter halsbrecherischen Vokalisen bewältigten die Solo-Soprane Christine Graham und Yuko Kakuta auf vortreffliche Art, mit sicherer Fokussierung und Ausdruckskraft. Tomoko Hemmi und Yukiko Sugawara sorgten für fein gesetzte Klavierklänge. Die finale Auffahrt in den Himmel des Mädchens und seiner Großmutter wurde schließlich von den sphärischen Klängen von Mayumi Miyatas Shô (japanische Mundorgel) sehr atmosphärisch untermalt. (…)

Lars-Erik Gerth, Maintal Tagesanzeiger


(…) Nur Zuhören möchten viele der Premierenbesucher auf den teuren Plätzen auf keinen Fall. Dabei können sie in der Frankfurter Oper eine mustergültige Aufführung erleben.
(…) Davon abgesehen sorgt Benedikt von Peter gemeinsam mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Natascha von Steiger, dem Beleuchter Joachim Klein und den Videos von Bert Zander für die bestmögliche Hörbühne, die sich Helmut Lachenmann für sein Werk nur wünschen kann.

Uwe Friedrich, Deutschlandradio Kultur / Fazit

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