Oper Frankfurt

Vorwort zur Saison 2011/2012


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Opernfreunde,

Bernd Loebe
diese zehnte von mir verantwortete Spielzeit weist zurück in das Vergangene und begründet eine Zukunft, ohne bewusst als Jubiläumsspielzeit konzipiert worden zu sein. Dabei bleibt sie jedoch gewissen Prinzipien treu: Das Interesse gilt einem Repertoire, das sich über mehrere Jahrhunderte erstreckt; über verschiedene Regiesprachen wird eine Grundintegrität im Umgang mit Szene und Musik angestrebt; ein durchgängig hochwertiges musikalisches Niveau soll in der täglichen Arbeit herauskristallisiert werden, mit einem wandlungsfähigen Ensemble und behutsam ausgewählten Gästen. Dass unser Chor und unser mehrfach ausgezeichnetes Orchester wesentlich zum Erfolg des letzten Jahrzehnts beigetragen haben und Stützen für unsere Zukunft sind, erwähne ich gerne. Dass wir mit Sebastian Weigle einen GMD haben, der das Haus mit seiner für ihn typischen Energie prägt, ist ein Glücksfall.
    Dieses Programm ist für Sie gemacht, für unser Publikum. Ein Publikum, das wächst, das in den letzten Jahren mehr und mehr mit »seinem« Theater zusammengewachsen ist, das Künstler ungewöhnlich lang und herzlich feiert – und sich damit bei den vielen wichtigen Mitarbeitern, Abteilungsleitern, Kollegen auf und hinter der Bühne, im Orchestergraben bedankt. Es erfüllt mit Genugtuung, in einer Atmosphäre von Respekt und Dankbarkeit arbeiten zu können. Auch mit der nächsten Saison soll dieses Band der Zusammengehörigkeit weitergeknüpft werden.
    Die Spielzeit beginnt mit der explosiven, expressiven Tonsprache der Penthesilea von Othmar Schoeck: einer Anti-Kriegsoper voller Farben, keineswegs im Literaturoper-Kleid den Text Kleists nachhaspelnd, sondern mit Inseln der Ruhe, der Besorgnis, mit orchestralem Gewicht. Entstanden ist diese Produktion am erfolgreichen Opernhaus in Basel, inszeniert von Hans Neuenfels. Es lag also nahe, diese Arbeit zu erwerben und Hans Neuenfels, den Mitbegründer der Neuen Opernästhetik (Die Gezeichneten, Aida, Doktor Faust etc.) auf diese Weise nach Frankfurt zurückzuholen und Tanja Ariane Baumgartner, die Basler Penthesilea, gleich mit. David Alden gehörte vor fast zehn Jahren mit seiner Inszenierung von Franz Schrekers Der Schatzgräber zu den Aktivposten der ersten Spielzeit. Wenn er jetzt L’Étoile von Emmanuel Chabrier inszeniert, zeigt er sich von einer ganz anderen Seite. Wir waren uns sicher, als wir vor etwa vier Jahren dieses Werk ins Programm aufnahmen, eine nahezu unbekannte Rarität zu präsentieren. Andere Intendanten dachten ähnlich, und so konnte dieses Werk zuletzt in Zürich und an der Berliner Staatsoper (Sir Simon Rattle) gesehen werden: eine Buffooper mit skurrilem, makabrem Witz und einer durchaus anspruchsvollen Partitur.
    Ist unser Ring ein »Selbstläufer«? Die emphatischen Reaktionen machen uns das glauben. Doch so glücklich wir mit dem Zwischenergebnis sind, mit Siegfried und Götterdämmerung stehen uns zwei riesige zu bewältigende »Brocken« noch bevor. Ein wenig selbstbewusst dürfen wir aber sein: Die Hauptakteure Vera Nemirova und Sebastian Weigle »basteln« weiter. Unsere von Jens Kilian fabelhaft umgesetzte Hoffnung, den Ring nach einigen Materialschlachten aufs Wesentliche zu fokussieren, scheint auch durch eine Betonung des Emotionalen mitten ins Herz zu treffen. Zu den bewährten Kräften stößt Lance Ryan hinzu, der gegenwärtig meist gefragte Siegfried weltweit.
    Otello ist ein sogenanntes Chefstück. Gary Bertini dirigierte Verdis Spätwerk wegen des Opernbrandes im Schauspiel Frankfurt (mit Franz Grundheber und René Kollo), Christoph von Dohnányi im angestammten Haus einen wesentlich erfolgreicheren (mit Carlo Cossutta und Eva Marton). Eine Produktion, die meines Wissens Michael Gielen später übernahm. Ein Meisterwerk, worin Text und Musik äußerst engmaschig verwoben sind, das eine das andere begründet und umgekehrt. Wo und wie findet der Regisseur seinen Weg? Wo muss er respektvoll agieren, wie darf er in seiner Analyse Kommentare abgeben, die uns neue Sichtweisen ermöglichen? Kein einfaches Unterfangen. Nun also Sebastian Weigle an der Seite des aufstrebenden Regisseurs Johannes Erath. Carlo Ventre singt seinen ersten Otello, Elza van den Heever ihre erste Desdemona.
    Koproduziert wurde das Meisterwerk La Calisto von Francesco Cavalli mit dem schon zuvor erwähnten Basler Opernhaus. Diese Arbeit von Jan Bosse wird ihre Suggestion entfalten, mit Christiane Karg in der Titelpartie und einer quantitativ wie qualitativ herausragenden Sängerriege.
    Womöglich zum ersten Mal erklingt das Verismo-Drama Adriana Lecouvreur von Francesco Cilea in Frankfurt. Micaela Carosi, vor vielen Jahren bereits unsere Tosca, erscheint uns als Idealbesetzung der Titelpartie, und Vincent Boussard als einfühlsamer Regisseur, der kurioserweise selbst an der Comédie-Française als Regisseur gearbeitet hat, könnte sich als rechte Wahl erweisen.
    Meisterwerke des Opernrepertoires, in Deutschland mehr geschätzt oder respektiert denn geliebt, beschließen den Reigen der Neuproduktionen: Richard Jones (Regisseur von Billy Budd) inszeniert Die Sache Makropulos von Leoš Janáček und Axel Weidauer (Regisseur des Janácek-Broucek) The Rake’s Progress von Igor Strawinsky. Mit ersterem Vorhaben riskieren wir den Vergleich mit der zu Recht verklärten Inszenierung von Ruth Berghaus, mit dem weiteren freuen wir uns auf die Rückkehr des sehr geschätzten Constantinos Carydis am Pult ebenso wie auf die Axel Weidauers, der dem Hause sehr lange in verschiedenen Funktionen verbunden war.
    Gemeinsam mit der Münchener Biennale bringen wir die neue Oper Wasser von Arnulf Herrmann heraus; nicht, wie geplant, im Bockenheimer Depot, sondern aufgrund von Baumaßnahmen im Frankfurt LAB in der Schmidtstraße, einem ehemaligen Domizil des Schauspiels. Unser dritter Partner ist hier das Ensemble Modern, ihr Frankfurter Regie-Debüt gibt Florentine Klepper, überwiegend tätig am Schauspiel Basel und an der Semperoper in Dresden.
    Drei Dirigenten debütieren: Alexander Liebreich (Chef des Münchner Kammerorchesters und eines gewichtigen asiatischen Festivals) mit Penthesilea, Christian Curnyn als erwiesener Spezialist für Barockmusik mit La Calisto und, vielleicht der größte Coup, Omer Meir Wellber mit der konzertanten Aufführung von Mascagnis L’amico Fritz. Wellber, noch nicht dreißig Jahre alt, Nachfolger Lorin Maazels am wunderschönen und wichtigen Opernhaus von Valencia, ausgebucht mit Engagements an den großen Häusern, hat bereits für eine weitere Arbeit in Frankfurt in der Spielzeit 2014/2015 zugesagt. Ein Dirigent mit seltener Energie und künstlerischem Wollen, gepaart mit Partiturstrenge. Wir erwarten mit Freude die Rückkehr von Carlo Montanaro, Henrik Nánási, Lothar Zagrosek und Carlo Franci.
   Auf welche Sänger sollte ich Sie aufmerksam machen – auf Željko Lucic, der als Jago, Scarpia und im konzertanten Mascagni an der Seite von Joseph Calleja zurückkehrt, auf das Debüt des Basses Stephen Milling (Hagen), auf das Debüt des arrivierten amerikanischen Tenors Paul Groves (Albert Gregor) oder auf das des Jungstars Paul Appleby (Tom Rakewell), auf die Rückkehr des vielleicht besten Mozart-Tenors Daniel Behle (Ferrando), auf das Debüt des international gefragten Tenors Burkhard Fritz (Paul in Die tote Stadt), auf den Hoffmann von Stefano Secco, die Tosca von Oksana Dyka, die Arabella von Emily Magee, das Deutschland-Debüt der jungen Amerikanerin Amber Wagner (Sieglinde), auf die junge Italo-Amerikanerin Grazia Doronzio (L’amico Fritz)?
    Das Ensemble verlässt auf eigenen Wunsch einer unserer Lieblinge, Michael Nagy, ganz persönliche Gründe gaben hierfür den Ausschlag. Als Gast wird der von uns sehr geschätzte Kollege mit einer Titelpartie bereits 2012/2013 zurückkehren. Ergänzt wird die Reihe der »Festen« gleich zweimal mit EU-Vertretern aus Österreich: Daniel Schmutzhard kommt von der Wiener Volksoper, gastierte bereits an der Berliner Staatsoper wie an anderen größeren Bühnen, Martin Mitterrutzner von der Innsbrucker Oper, wo Brigitte Fassbender ihn aufgrund seiner Jugend behutsam förderte. Trotz bereits bestätigter Engagements in Zürich, Cleveland und bei den Salzburger Festspielen erhielten wir den »Zuschlag«.
    Ansprüche sind gestiegen, Erwartungen sind gewachsen, Personalkosten und andere steigen permanent. Profan heißt es: »Qualität hat ihren Preis.«
    Ich hoffe auf Ihr Verständnis, wenn wir unsere Preise um durchschnittlich sieben Prozent anheben müssen, um Künstler, die erfolgreich arbeiten, weiter an uns binden zu können, um steigende Materialkosten (Bühne, Kostüme) abfedern zu können. Ich denke, wir konnten in der vergangenen Spielzeit viele Erwartungen befriedigen. Auch in der Zukunft ist ein wachsender Qualitätsanspruch unsere Maxime. Für uns wie für Sie! Abonnenten und Sponsoren sind auch 2011/2012 unsere Partner, sind die Grundfesten einer neuen erfolgreichen und bereichernden Spielzeit.

Ihr

Sehr verehrtes Publikum,

Sebastian Weigle
zwei Mal in Folge wurde das Frankfurter Opern- und Museumsorchester nun von der Fachzeitschrift »Opernwelt« zum »Orchester des Jahres« gewählt, und auch die Oper Frankfurt selbst steht dem in dieser Autorenumfrage als bestes deutsches Opernhaus in nichts nach. Als Generalmusikdirektor erfüllt es mich mit großer Freude und auch ein bisschen Stolz, wenn ich den Taktstock hebe, um mit unserem wunderbaren Klangkörper zu musizieren. Ein Höchstmaß an technischem Können, gepaart mit einem ausgezeichneten musikalischen Einfühlungsvermögen, sind die besonderen Qualitäten, die ich den Kolleginnen und Kollegen an dieser prominenten Stelle zusprechen möchte und für die ich ihnen meinen großen Dank aussprechen will.
    Auch bei Ihnen möchte ich mich bedanken und lade Sie ein, in der Saisonbroschüre einen ersten Blick auf das kommende Programm zu werfen.
    Zahlreiche interessante Neuinszenierungen verschaffen in dieser Spielzeit einen
Überblick der Operngeschichte des 20. Jahrhunderts – beginnend mit Francesco Cileas Adriana Lecouvreur, die dem italienischen Verismo zuzuordnen ist, über Leoš Janáčeks Die Sache Makropulos mit ihrer realistisch-expressionistischen Tonsprache und Othmar Schoecks Penthesilea, deren dissonante, polytonale Akkordverbindungen, zusammen mit einer dunklen Instrumentation, die Abgründe dieses Trauerspiels unterstreichen, bis hin zu The Rake’s Progress von Igor Strawinsky, dessen neoklassische Haltung Reminiszenzen an Rossini und Bellini, ja sogar an Mozart anklingen lässt.
    Ein weiterer großer Saisonschwerpunkt liegt mir natürlich besonders am Herzen: Mit meinen Premieren von Siegfried im Spätherbst und Götterdämmerung zu Beginn des neuen Jahres schließen wir die so erfolgreich gestartete neue Ring-Produktion ab. Danach wird die zweimalige Aufführung des gesamten Zyklus’ im Juni sicherlich ein Höhepunkt der Spielzeit.
    Unser zweites »Richard-Wagner-Projekt«, die konzertante Reihe seiner drei Opernfrühwerke in der Alten Oper, setzen wir nach den Feen nun mit dem Liebesverbot fort. Neben den Meistersingern von Nürnberg ist das Liebesverbot, das er auf ein selbst verfasstes Libretto nach Shakespeares Maß für Maß komponierte, Wagners einzige komische Oper. Sie enthält zahlreiche satirische Seitenhiebe auf die damalige politische Führung. Neben Anfängen von Leitmotivik findet man hier zum ersten Mal den späteren »Ring-Konflikt« zwischen Liebe und Macht.
    Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Durchblättern unserer Broschüre und möchte Sie und Ihre Familien, Ihre Freunde und Bekannten ermuntern, mit uns einige genussvolle und anregende Abende zu verbringen.
Ihr
Februar
MO DI MI DO FR SA SO
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ARIANE ET BARBE-BLEUE
Paul Dukas
Freitag 24.02.2012 19:30 Uhr
Oper Frankfurt

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ADRIANA LECOUVREUR
Francesco Cilea
Sonntag 04.03.2012 18:00 Uhr
Opernhaus
 
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