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A Wintery Spring / Il serpente di bronzo

Saed Haddad *1972
Jan Dismas Zelenka 1679-1745

Ein winterlicher Frühling / Die bronzene Schlange

A Wintery Spring / Ein winterlicher Frühling

Dramatisches Lamento in drei Szenen
Text nach Gedichten von Khalil Gibran
Kompositionsauftrag der Oper Frankfurt und des Ensemble Modern
Uraufführung

Il serpente di bronzo / Die bronzene Schlange

Kantate ZWV 61
Text von Stefano Benedetto Pallavicini nach dem Alten Testament
Uraufführung 1730, Dresden
Szenische Erstaufführung
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Bockenheimer Depot

Musikalische Leitung Franck Ollú

A Wintery Spring
Sopran Judita Nagyová
Alt Deanna Pauletto
Bassbariton Brandon Cedel

Il serpente di bronzo
Egla Cecelia Hall
Namuel Judita Nagyová
Dio Brandon Cedel
Azaria Dmitry Egorov
Mose Michael Porter

Ohne eine konkrete Geschichte über den Arabischen Frühling darstellen zu wollen, setzen sich Textauswahl und Klangwelten des Komponisten mit alten, menschenverachtenden Haltungen auseinander, aber auch mit neuen Wegen, die Menschen miteinander verbinden könnten. In seinem dramatischen Lamento greift Saed Haddad Motive aus dem letzten Jahrzehnt der Geschichte des Nahen Ostens auf und stellt — weit entfernt von jeglicher Tagespolitik — allgemeingültige Aussagen über dessen Existenz in den Mittelpunkt. Der Text basiert auf Gedichten von Khalil Gibran, dessen zentrale Motive eng mit der Bedeutung des Lebens, der Liebe und des Todes in verschiedenen Kulturkreisen und Religionen verbunden sind. Die meisten seiner frühen Werke verfasste Gibran Anfang des 20. Jahrhunderts auf Arabisch, später jedoch hauptsächlich auf Englisch. In seinen Aphorismen ging es ihm stets darum, seine Zuhörer direkt zu berühren. Dieser Gedanke leitet auch den Komponisten: Seine Musik baut auf ein Gleichgewicht von physischen und metaphysischen Eigenschaften. Zu den ersten zählt er Schönheit, Energie, Zauber, Virtuosität; in die zweite Kategorie gehören Begriffe wie das Existenzielle, das Geistige und das Transzendentale.

Die szenische Erstaufführung der Kantate Die bronzene Schlange kontrastiert Haddads dramatisches Lamento. Im Libretto des böhmischen Barockkomponisten Jan Dismas Zelenka geht es um die alttestamentarische Geschichte der Schlangen, die Gott den Israeliten als Strafe für ihre Ungeduld und Undankbarkeit nach dem Auszug aus Ägypten während der Wanderung durch die Wüste schickte. Viele starben an ihrem Gift. Auf die Weisung Gottes hin fertigte Moses eine bronzene Schlange an einem Stab. Blickte ein am Boden liegender Gebissener zu ihr auf, wurde er geheilt. Bildhaft und expressiv sind die Arientexte dieser zu Unrecht vergessenen Kantate. Sie bieten besondere Möglichkeiten zur Entfaltung von Zelenkas eindringlicher, dramatischer Klangsprache. In seinen herausragenden geistlichen Werken für den Dresdner Hof verband er teils archaische Satztechniken mit den modernsten Ausdrucksmitteln seiner Zeit. Diese unkonventionellen Orchester- und Vokalwerke erlebten erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts eine Renaissance.

Das Bockenheimer Depot in Frankfurt kombiniert zwei völlig unterschiedliche Werke miteinander: Das dramatische Lamento A Wintery Spring des jordanischen Komponisten Saed Haddad behandelt die politischen Strukturen im Nahen Osten, die Kantate Il serpente di bronzo des Barockkomponisten Jan Dismas Zelenka erzählt die biblische Geschichte über eine Schlangenplage. Das Ergebnis: ein gelungener Doppel-Abend.
(…)
Dunkle Stabglockentöne zu Beginn des Stückes A Wintery Spring: Klingt nach Totenglocken – passend zum Sujet des neuen Lamentos von Saed Haddad. Denn der Deutsche mit jordanischen Wurzeln trägt hier sozusagen die Hoffnungen des Arabischen Frühlings zu Grabe.
Was ist aus den Selbstbestimmungsträumen des Arabischen Frühlings von 2010 geworden? Nicht mehr als ein winterlicher Frühling. Ähnlich enttäuscht war der libanesische Maler, Dichter und Mystiker Khalil Gibran schon in den 1920er Jahren. Damals waren es die Osmanen und ihre kirchlichen Verbündeten, die den Libanon unterdrückten und ausbeuteten. Gibrans Familie war deshalb in die USA geflohen – von dort rief er seine Landsleute in seinen Schriften zum Widerstand auf.
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Aus verschiedenen Klageschriften von Khalil Gibran setzt Saed Haddad das Libretto zusammen für sein Lamento A Wintery Spring. Der winterliche Frühling wird im Bockenheimer Depot Frankfurt von drei exzellenten Gesangssolisten besungen. Hinzu kommt eine wundersam vielfarbige, oft filigran-feinnervige Begleitung, die sich das Ensemble Modern gemeinsam mit Dirigent Franck Ollu erarbeitet hat.
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Die Barock-Kantate Il serpente di bronzo oder Die bronzene Schlange handelt von der biblischen Schlangen-Plage, mit der Gott seine aufmüpfigen Israeliten bestraft. Gerade erst hat er sie durch Moses von der Knechtschaft Ägyptens befreit – da wollen sie bereits ein noch besseres Leben.
Regisseurin Corinna Tetzel schickt ein verwöhntes Konsum-Touristen-Trio auf die Bühne – mit Golfschlägern, Schwimmreifen und Obst-Einkaufstüten. Die Früchte des Wohlstands haben sie längst geerntet und sind doch weiterhin in ihrer Habsucht verfangen – wie in den netzartigen Schleiern, die sie hier tragen. Moses wird schweren Herzens schließlich vermitteln – zwischen Gott und bigottem Mensch.
Der wunderbare Michael Porter hat als Moses sein Kreuz zu tragen: Wie ein Messias schleppt er am Ende tatsächlich ein Kreuz herein, an dem die titelgebende „bronzene Schlange“ hängt: Das göttliche Versöhnungszeichen, das aber sicher nicht von Dauer sein wird. So trifft scheinheilige Engstirnigkeit auf Freiheits-Utopie im Bockenheimer Depot – ein sehenswert gelungener Doppel-Abend.

Ursula Böhmer, SWR 2 / Journal am Mittag


(…) Herausragende Sänger des Abends waren der doppelt besetzte Bassbariton Brandon Cedel, die teils arabisch singende Mezzosopranistin Deanna Pauletto und Dmitry Egorov als Azaria. Das Ensemble Modern unter Leitung von Franck Ollu fand sowohl den angemessen klagenden Ton für die arabisch-europäische Klangsprache Haddads, als auch den richtigen Zugriff auf Zelenkas biblische Kantate.

Bettina Boyens, www.musik-heute.de


(…) So steht der Countertenor Dmitry Egorov stimmlich aktuell glänzend da, starke Höhe, intensive Gestaltung, hohe Bühnenpräsenz. (…)

<em>Stefan Schickhaus, Frankfurter Rundschau</em>