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Aus einem Totenhaus

Leoš Janáček 1854-1928

Oper in drei Akten
Text vom Komponisten nach Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (1862) von Fjodor M. Dostojewski Uraufführung am 12. April 1930, Nationaltheater, Brünn

In tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

Musikalische Leitung Constantinos Carydis
Alexandr Petrovič Gorjančikov Gordon Bintner
Aleja Karen Vuong
Filka Morozov Vincent Wolfsteiner
Šiškov Johannes Martin Kränzle
Skuratov AJ Glueckert
Der große Sträfling / Čerevin Ralf Simon
Der kleine Sträfling / Čekunov Gurgen Baveyan
Der Platzkommandant Barnaby Rea
Der ganz alte Sträfling Theo Lebow
Kedril Mitglied des Opernstudios
Der betrunkene Sträfling Hans-Jürgen Lazar
Der Koch Iain MacNeil*
Der Schmied Mikołaj Trabka*
Der Pope Thesele Kemane*
Der junge Sträfling Ingyu Hwang
Dirne Barbara Zechmeister
Ein verbitterter Sträfling Dietrich Volle
Ein Sträfling Brandon Cedel
Šapkin Peter Marsh
 

*Mitglied des Opernstudios

Auf dem Weg in die sibirische Strafkolonie von Omsk steckte eine Frau Dostojewski eine Ausgabe des Neuen Testaments zu, darin versteckt ein Zehn-Rubel-Schein. Für den Schriftsteller wurde es zum Instrument der inneren Wandlung. Noch auf dem Krankenbett 1881 verlangte er danach. Der alten, im Zuchthaus entwickelten Gewohnheit folgend, schlug er es inzwischen blind auf. Die Textstelle, auf die er stieß, deutete er als Zeichen des nun unumkehrbar eintretenden Todes: Die Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, im Jahr der Bauernbefreiung 1861 im zaristischen Reich veröffentlicht, legten Zeugnis von jener Wandlung ab. Darüber hinaus gaben sie ein eindringliches Bild der grausamen Lebensbedingungen in einem Gefangenenlager. Geradezu paritätisch wurde darin jedes einzelne Martyrium notiert — ein Panorama des Leidens, ein Katalog der Torturen.
»In jeder Kreatur ein Funke Gottes«: diese tiefgründige Formel, die der Komponist über seine Partitur setzte, verband die Oper mit Dostojewskis Erzählung. Janáčeks im Februar 1927 begonnene und im Mai 1928 abgeschlossene Oper ist revolutionär in mehrfacher Hinsicht. Der späte Janáček verwendet eine radikal  neue Musiksprache, die dem epischen Anspruch des Werkes minutiös gerecht wird. Grobe eruptive Elemente, scharfe Dissonanzen, lakonisch knappe Motive, rhythmische Ostinati und die Behauptung der Wirklichkeitssprache als »Augenblicksfotografie der Seele« bezeichnen die Komposition. Es ist eine Oper ohne sichere Identifikationsinstanzen. Bis auf den kurzen Auftritt der Dirne beherrschen ausschließlich Männer eine Szenerie, deren einziger Bewegungsmechanismus von der ewig monotonen Wiederkehr des Gleichen bestimmt wird und deren symbolischer Ausdruck in einem gefangenen Adler erscheint. Die Sprechmotivtechnik des Komponisten, seine eindringliche Poetik der Transformation von Wort und Musik, zeigt sich hier auf dem Höhepunkt. Als wolle die Oper die desolate Zeitlosigkeit des Lagerlebens selbst zum ästhetischen Strukturprinzip machen, verzichtet sie auf ein eigentliches dramatisches Zentrum. Einzig die Lebenserzählungen der Gefangenen durchbrechen für Momente den Stillstand. Janáček wurde wegen des pessimistischen Gehalts seiner »kollektiven Oper« angegriffen. Dabei erwies sich schon ein Jahrzehnt nach der Uraufführung des Werks dessen Antizipation der totalitären Nivellierung des Individuums als zutreffend.