Spielplan

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Les Troyens / Die Trojaner

Hector Berlioz 1803-1869

Grand opéra in fünf Akten, Text vom Komponisten nach Aeneis (29-19 v. Chr.) von Vergil
Uraufführung des III.-V. Akt am 4. November 1863, Théâtre Lyrique Paris; I.-II. Akt am 7. Dezember 1879 Théâtre du Châtelet und Cirque d`Hiver, Paris (konzertant), am 6. Dezember 1890, Hoftheater Karlsruhe (szenisch); erste vollständige szenische Aufführung am 3. Mai 1969, Scottish Opera, Glasgow

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Einführung vor jeder Vorstellung eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

Énée Bryan Register
Chorèbe Gordon Bintner
Panthée Daniel Miroslaw
Narbal Alfred Reiter
Iopas Martin Mitterrutzner
Ascagne Elizabeth Reiter
Cassandre Tanja Ariane Baumgartner
Didon Claudia Mahnke
Anna Judita Nagyová
Hylas Michael Porter
Priam Dietrich Volle
Ein Soldat / Der Schatten Hektors / Mercure Thomas Faulkner
Ein griechischer Führer Brandon Cedel
Hélénus Michael Porter
Zwei trojanische Soldaten Thesele Kemane / Brandon Cedel
Polyxene Alison King
Hécube Britta Stallmeister
Tänzerin Irene Bauer

Menschen flüchten, vom erbarmungslosen Krieg in ihrer Heimat aufs Äußerste traumatisiert, über das Mittelmeer in ein reiches Land, das sie am Ende wieder verlassen, um die Utopie eines eigenen Staates wirklich werden zu lassen. Ein trauriges Geschehen, mit dem die Weltgeschichte in Variationen immer wieder auf den Plan tritt.

Hector Berlioz erblickte seine Epoche mit den Augen eines von Zukunftsvisionen getriebenen Fremden. Des Komponisten und Poeten halbherzige Versuche, dem auf Fortschritt, Expansion und imperiale Weltmachtansprüche eingeschworenen Zeitgeist mit seinem engstirnigen und verschlagenen Repräsentanten Louis-Napoleon bisweilen einen devoten Tribut zu entrichten, um seine Werke überhaupt zur Aufführung zu bringen, waren nur von kurzer Dauer. Seine Passion für antike Sujets, und insbesondere für das schon in der Kindheit entdeckte Werk Vergils, war das Resultat dieses Leidens an der eigenen Zeit. Deren Vorliebe für das große historische Genre indessen teilte er. Nichts konnte ihm in seinem Metier, dem Musiktheater, großformatig genug erscheinen, und am liebsten wollte er »ein Schiff ausrüsten und ein Orchester einschiffen, um am Fuß des Ida-Gebirges einen klingenden Tempel zu errichten«. Als ein solcherart klingendes Schiff präsentiert sich die fünfaktige Grand opéra von der Flucht der überlebenden Trojaner ins blühende Karthago, das sie am tragischen Ende wieder verlassen, um ihren geschichtlichen Auftrag, die Gründung des römischen Weltreichs, zu erfüllen. 

Parallel, in einem dialektischen Wechselbezug zu dieser Historie, vollziehen sich die traurigen und tödlich endenden Schicksale der beiden weiblichen Hauptgestalten. Die zur Zukunftsschau verdammte Trojanerin Cassandre und die von ihrem Geliebten Énée verlassene Königin Didon. Sie zeigen uns, wie die grausame Historie sich in den Seelen ihrer Opfer spiegelt. Les Troyens nimmt sich aus wie das musikalische Pendant zu Tolstois Krieg und Frieden.

Dass das gut vierstündige Werk sich nicht eben häufig auf den Spielplänen zeigt, ist vor allem seinem komplexen Ausmaß zu verdanken: Der gewaltige Orchesterapparat, der nicht minder umfangreiche Chor, nicht zuletzt aber die exorbitanten gesanglichen Herausforderungen der Solisten verhinderten die Aufnahme der Oper in das gängige Repertoire. Berlioz selbst war es aus diesem Grunde nie vergönnt, das Werk vollständig auf der Bühne zu erleben.

(…) Mit der Besetzung von 15 der 16 Solisten allein aus dem Frankfurter Ensemble konnte das Opernhaus unter Bernd Loebe einen weiteren Premierenerfolg verbuchen. Lediglich die Partie des Énée wurde mit dem US-Tenor Bryan Register besetzt, der damit nicht nur sein Rollen-, sondern auch sein gelungenes Frankfurt-Debüt gab. Großen Anteil am Erfolg der Premiere hatte, neben der leidenschaftlich singenden Tanja Ariane Baumgartner als Cassandre und Claudia Mahnke als Didon, der amerikanische Dirigent John Nelson. Wie er die gewaltigen Massen an Statisten, Tänzern, Chören und Solisten souverän und farbenreich zusammenführte, sucht seinesgleichen.
(…)
Wovon man (…) an diesem Abend nie genug bekommen konnte, war die Klangwucht der hervorragend von Tilman Michael angeleiteten Chöre, in denen neben 100 Frankfurter Choristen auch 20 aus Bratislava rhythmussicher überzeugten.
Und allein, um die beiden hochdramatischen Schlusssequenzen von Cassandre und Didon zu erleben, die sich aus unterschiedlichen Gründen wegen Enée das Leben nehmen, ist den Besuch dieser Inszenierung wert. Ein Opernhaus, das zwei solche Ausnahmekünstlerinnen unter Vertrag hat, kann sich glücklich schätzen. Viel Applaus und Bravorufe spendete das ausverkaufte Haus für Sänger, Solisten, Chöre und Orchester (…).

Bettina Boyens, www.musik-heute.de


Für den Dirigenten John Nelson stehen Les Troyens von Hector Berlioz auf einer Stufe mit dem Ring des Nibelungen. Doch anders als Richard Wagners Germanen-Tetralogie lässt sich das gewaltige Bühnenwerk des Franzosen mit seinen in Troja und Karthago spielenden Teilen gerade noch an einem Abend zeigen. 35 Jahre nach der herausragenden, von Ruth Berghaus inszenierten und Michael Gielen geleiteten Gesamtaufführung an der Oper Frankfurt hat der Berlioz-Experte Nelson die musikalische Verantwortung für eine Neuproduktion des Werks übernommen, die nun Premiere hatte.
Im Zentrum der mit zwei Pausen fünfstündigen Aufführung steht Nelson selbst, denn der 1941 geborene Amerikaner lässt alle dramatische Schub- und Impulskraft aus dem Orchestergraben kommen. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester erzählt so anschaulich, dass man alles mit Ohren greifen kann, Kassandras Untergangsvisionen und Didos Furor, als Aeneas sie verlässt, seine eigene Unruhe und den Krieg. Nelsons unerhört beschleunigte Tempi wirken dabei wie ein Spiegel des getriebenen Aeneas.
(…)
Tanja Ariane Baumgartner ist die erste, die sich an der Rampe aufstellt und eine glühende, aber nie scharf timbrierte Seherin Cassandre singt. Claudia Mahnke gibt eine herausragende, bei aller Exaltiertheit der liebenden und verzweifelnden Didon vokal äußerst natürlich gestaltete Hauptfigur der Karthago-Akte. Enée, also der französische Aeneas, ist als großer Junge dargestellt, was es dem konditionsstarken Tenor Bryan Register nicht eben leichter macht, die Entwicklungsprozesse in seiner Riesenpartie nachzuzeichnen. Dass jede der 16 kleineren Partien vokal beglückend besetzt ist, macht Die Trojaner musikalisch umso mehr zum beglückenden Ereignis.

Axel Zibulski, Wiesbadener Kurier


(…) Durchweg großartige Bilder gerieten Eva-Maria Höckmayr in den beiden ersten Akten, der Tragödie Trojas. Ganz in den Mittelpunkt rückt hier Kassandra, die machtvoll mahnende Prophetin des Untergangs, deren Warnungen gleichwohl von einer saturierten Umgebung – zu der auch ihr Verlobter Choröbus gehört, mit leicht und weich ansprechendem hellen Bariton: Gordon Bintner – in den Wind geschlagen werden. Tanja Ariane Baumgartner hat für diese Rolle die hohe, autoritative Statur (…) und zudem eine namentlich in dunklen Registern machtvoll nuancierende Stimme. Überaus geglückt auch ihre Einbeziehung in tänzerische Aktivitäten mit der stilisierten Kriegsfigurine von Martin Dvořák – ein ähnlicher Pas de deux ergab sich bei Didos (selbst)mörderischem Flirt mit dem gleißenden Todesengel im Schlussbild. (…)
Der Enée (Äneas) von Bryan Register, zunächst ein etwas eindimensionaler Outdoor-Typ, stimmlich kräftig und fest (…) wächst in seinen Schlusspassagen (…) zu visionärer Größe heran. Berlioz, eminenter Psychologe und Realist, hatte zweifellos, wie Wagner, ein Faible fürs Heldische. Krieg, erotischer Kriegsschauplatz, Landnahme und Kolonisation: Etappen männlicher Heroengeschichte.
(…)
Umso anrührender, wie Berlioz zwei Frauen als mindestens ebenso dominierende Hauptfiguren durch die Handlung führt. Nach Kassandra ist dies Didon (Dido), die karthagische Königin, verkörpert in Frankfurt ebenfalls von einer Haussängerin. Claudia Mahnke, deutlich lichteren Timbres als die Kassandrakollegin, hat es auch von der Rolle her schwerer, sich sofort dramatisch zu exponieren. Das tut sie aber im weiteren Verlauf dann doch mit Mut, mit ungeheurer Intensität und Glut, vor allem bei ihren Wut- und Resignationsstrecken beim und nach dem Aufbruch des Geliebten.
Die verlassene Dido, bekanntlich auch eine musikdramatische Urszene. Bei Berlioz hebt sie an mit einem monumentalen, zerklüfteten Rezitativ, das in der Operngeschichte seinesgleichen sucht. Seine minuziöse, dabei fast ins Überdimensionale getriebene Ausdruckskraft in der Darstellung des Opern- und Museumsorchesters unter der gespannten Leitung von John Nelson war ein Indiz für die überwältigende musikalische Gesamtkonzeption und Wirkung dieser Aufführung. Unschwer fällt die Feststellung, dass die Wiedergabequalitäten sich seit 1983 erheblich vervollkommnet haben, damit ein Werk wie Les Troyens – kaum überraschend, dass jetzt französisch gesungen wurde – auch leichter zu bewältigen ist. Trotzdem waren die durchweg exzellenten Manifestationen der erweiterten Chöre (Tilman Michael, Markus Ehmann) einer Tour de force ausgesetzt. Sinnvoll, die mehr als 120 Chor- und Kinderchorsänger bei vielen ihrer Auftritte als statuarische Klangmasse zu behandeln; umso wirksamer wusste die Regie dann gelegentlich abrupte Bewegtheit herzustellen, Reflexe des immer wieder präsenten Fluchtmodus, der in der Oper, gleichsam als ihr Leitmotiv, den mit Gravität befeuerten Trojanermarsch als klingendes Korrektiv zugewiesen bekommt. (…)

Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau


(…) Berlioz schreibt kein stringent ablaufendes Drama, sondern schweift ab in Details und oft epische Nebenhandlungen, verliert sich in schönen musikalischen Einfällen, auch, um den Anforderungen der französischen „Grand Opéra“, die er öffentlich zu verachten vorgab, insgeheim entgegenzukommen. Manches erinnert an seine dramatischen Sinfonien, während der vierte Akt erscheint wie ein instrumentierter Liederabend (betörend ein Frühlingslied zur Harfe von Iopas: Martin Mitterrutzner sowie das Mondschein-Duett Didos mit Äneas) mit Chören und Ballettmusiken.
John Nelson am Pult gibt diese Herausforderungen unmittelbar an die Musiker weiter. Straffe Tempi, instrumentaler Pomp, klangliche Delikatessen, Bühnenmusiken, die koordiniert werden wollen: Das Museumsorchester (und auch die von Tilman Michael präzise einstudierten verstärkten Chöre) bieten eine bravouröse Leistung, klanglich profiliert und so konzentriert wie möglich. Glücklich die Oper, die wie Frankfurt zwei herausragende Mezzosoprane für die beiden Hauptrollen im Ensemble hat. Tanja Ariane Baumgartner singt die Kassandra, deren Rolle Berlioz gegenüber der Vorlage Vergils stark aufwertet, mit voller Intensität. Eine geheimnisvoll bleiche und kalte Aura umgibt die verkannte Seherin, selbst wenn sie sich ihrem Verlobten Chorèbe (geschmeidig: Gordon Bintner) hingibt.
(…)
Noch herber und noch furioser ist Claudia Mahnkes Dido. Wie sie sich von Äneas (der gegen seinen Willen weiterziehen muss, um die Stadt Rom zu gründen) trennt, ist an Schmerz, Furor und Rücksichtslosigkeit sich selbst gegenüber kaum zu überbieten. Kontrollverlust eines Machtmenschen vor den Herausforderungen der Gefühle (im Liebesduett) und der Politik im Umgang mit den sie umgebenden Personen (…).
Die Musik an sich ist herrlich, die sängerischen Leistungen werden Berlioz’ maßlosen Anforderungen grandios gerecht, ihnen gilt der uneingeschränkte Beifall des Premierenpublikums.

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(…) Uneingeschränkt zu preisen sind Ensemble, Chor und Orchester unter John Nelson. Herausragend singen Tanja Ariane Baumgartner als Unglücksprophetin Kassandra, deren Wahrsagung keiner glaubt, und Claudia Mahnke als unglücklich liebende Dido, die den nach Italien bestimmten Trojaner Äneas (Bryan Register) nicht halten kann. (…)

Josef Becker, Bild Frankfurt


(…) Dido verliebt sich unsterblich in Enée, was ein erwärmendes Duett zur Folge hat – mit Unterbrechung durch Hektor, der Enée nach Italien befiehlt. Dann geben Mezzosopranistin Claudia Mahnke und der kernige Heldentenor Bryan Register „Szenen einer Ehe“, die es in sich haben. Auffällig zudem die beiden Tenöre Michael Porter und Martin Mitterrutzner mit traumschönen Arien sowie Mezzosopranistin Judita Nagyová als einfühlsame Dido-Schwester und Elizabeth Reiter als liebesbedürftiger Sohn des Enée – neben anderen mehr. Viel Personal also auf der Bühne – und die Tatsache, dass lediglich der US-Tenor Register Gastsänger ist, spricht für die Qualität des Frankfurter Ensembles, das zur Premiere viel Beifall erhielt.

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Mit John Nelson am Pult hat man einen Berlioz-Spezialisten engagiert, der für das Stück auf der ganzen Welt gebucht ist. Eindrücklich evoziert er die unerbittlich archaische Aura der ersten beiden Akte, die höfische Atmosphäre des dritten und vierten Akts sowie die Mischung aus Melancholie, Komik und Tragik des fünften. Dass Berlioz ein Meister der Klangfarbe war, einer der reichsten Melodienerfinder, das alles wird hörbar, ohne dass die musikalische Struktur zerfällt. Überaus differenziert auch der von Tilman Michael einstudierte Chor, der an über der Hälfte aller Gesangsszenen beteiligt ist. Fabelhaft sind das Frankfurter Orchester und das Ensemblemit den beiden Protagonistinnen Tanja Ariane Baumgartner und Claudia Mahnke (…).

Bernd Zegowitz, Die Rheinpfalz


(…) Neben den zwei Frauen 18 weitere Figuren und kein Schwachpunkt: ein Triumph der Star-unabhängigen Ensemblepolitik (…).

Wolf-Dieter Peter, www.nmz.de (neue musikzeitung)

Ihre Auswahl

Samstag
18. März 2017
Beginn
17.00 Uhr
Dauer
ca. 4 Std. 50 Min. inkl. zwei Pausen (1. Pause, 30 Min, 2. Pause 20 Min.)
Ort
Opernhaus
Abonnement
Serie 12
Preise
S1

Besetzung

Musikalische Leitung
John Nelson
Regie
Eva-Maria Höckmayr
Bühnenbild
Jens Kilian
Kostüme
Saskia Rettig
Licht
Olaf Winter
Video
Bert Zander
Choreografie
Martin Dvořák
Chor, Extrachor
Tilman Michael
Kinderchor
Markus Ehmann
Dramaturgie
Norbert Abels
Énée
Bryan Register
Chorèbe
Gordon Bintner
Panthée
Daniel Miroslaw
Narbal
Alfred Reiter
Iopas
Martin Mitterrutzner
Ascagne
Elizabeth Reiter
Cassandre
Tanja Ariane Baumgartner
Didon
Claudia Mahnke
Anna
Judita Nagyová
Hylas
Michael Porter
Priam
Dietrich Volle
Ein Soldat / Der Schatten Hektors / Mercure
Thomas Faulkner
Ein griechischer Führer
Brandon Cedel
Hélénus
Michael Porter
Zwei trojanische Soldaten
Thesele Kemane *, Brandon Cedel
Polyxene
Alison King *
Hécube
Britta Stallmeister
Tanz
Irene Bauer, Gal Fefferman

Chor und Extrachor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

* Mitglied des Opernstudios