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Norma

Vincenzo Bellini 1801-1835

Tragedia lirica in zwei Akten, Text von Felice Romani
nach der Tragödie Norma ou L’Infanticide (1831) von Alexandre Soumet
Uraufführung am 26. Dezember 1831, Teatro alla Scala, Mailand

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer
 

Musikalische Leitung Antonino Fogliani
Norma Elza van den Heever
Pollione Stefano La Colla
Adalgisa Gaëlle Arquez
Oroveso Robert Pomakov
Clotilde Alison King*
Falvio Ingyu Hwang

*Mitglied des Opernstudios

(…) Eine Partisanentruppe will endlich in die entscheidende Schlacht gegen die Besatzungsmacht ziehen, doch ihre Anführerin zögert, den Angriffsbefehl zu geben. Regisseur Christof Loy und sein Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt verlegen das Belcanto-Drama um die Priesterin Norma aus der Römerzeit in eine nicht allzu weit entfernte Vergangenheit. Die Holztäfelung des Einheitsraums und die Kostüme von Ursula Renzenbrink lassen etwa an die 40er oder 50er-Jahre denken, ohne sich unnötig festzulegen. Im Rekordtempo zerbricht hier die Welt der alleinerziehenden Mutter und Erfolgsfrau Norma. Vom ohnehin unzuverlässigen Liebhaber für eine jüngere Frau verlassen, von ihm gedemütigt und gekränkt, driftet sie unter dem gesellschaftlichen Druck unmerklich an den Rand des Wahnsinns. Mal kapselt sie sich völlig von ihrer Umwelt ab, mal kommt sie ihren Widersachern mit beängstigender Zärtlichkeit viel zu nah.
(…)
Regisseur Christof Loy ist ein Meister der psychologischen Aufladung jener langen Szenen der italienischen Belcanto-Opern, die bei vielen seiner Kollegen nur zu langweiligem Rampenstehen führen. "Loy beherrscht das Kunststück, sowohl zu psychologisieren als auch die große Opernform zu erhalten." (…)
(…) Das Ereignis des Abends ist zweifellos die Norma der Elza van den Heever. Ob Koloratur oder Rezitativ, weit geschwungene Melodielinie oder entsetzter Ausruf, dieser Gesang bebt von emotionaler Intensität, setzt aber nie auf billige Effekte. (…)

Uwe Friedrich, Deutschlandfunk Kultur heute


(…) Die rückhaltlose Art, mit der sich die südafrikanische Sopranistin Elza van den Heever auf die ambivalente Rolle der gallischen Druidenpriesterin einlässt, versetzt das Publikum in Ekstase. (…)
Normal ist diese Norma nicht. Sie überschreitet Grenzen der Darstellungskunst. Das beginnt bei der intensiven Körperspannung, in der Elza van den Heever, mit dem Messer vor Augen, längs auf dem Boden verharrt und vor Verzweiflung ihre Kinder umzubringen droht, setzt sich im beginnenden Wahnsinn fort, der sie ergreift, als Pollione ankündigt, sie für eine Jüngere zu verlassen, und endet bei den widerstreitenden Gefühlen von Rachsucht und Vergebung, die in jeder Auftrittsminute schmerzlich in ihrem Körper wüten.
(…)
Mit dieser packenden Interpretation reiht sich ihre Norma würdevoll ein in die Galerie der überragenden Darstellerinnen dieser gefürchteten Rolle von Maria Callas bis Edita Gruberova. Beinahe demütig wird man Zeuge, wie auf der Frankfurter Bühne eine Sängerin in ihrer Menschendarstellung über sich selbst hinauswächst und das scharf umrissene Porträt einer nervlich zerrütteten Frau zeichnet, die nicht nur im Widerstand gegen die feindlichen Besatzer zu unterliegen droht, sondern auch den weit größeren Kampf gegen ihr aufgewühltes Seelenleben zu verlieren scheint.
(…)
Gerade im Vergleich mit der mezzowarmen Gaëlle Arquez als Nebenbuhlerin und unschuldig verführter Adalgisa treten die besonderen Fähigkeiten der Elza van den Heever zu Tage. So bewegend die nervenzerfetzenden Terzenduette der beiden Konkurrentinnen um Pollione auch betören, die von Verrat über Verführung bis zum edlen Beweis der Frauenfreundschaft reichen: Immer gelingt es der südafrikanischen Sopranistin, mit der untrennbaren Melange aus höchster Belcanto-Kunst und raubtierhafter Gefährlichkeit alle Blicke auf sich zu ziehen. Sie ist Machthaberin und Mutter zugleich, milde Liebende und mondsüchtige Priesterin, reißt die Arme weit auseinander, wenn sie ihr gleißend hohes C ins Halbrund schleudert, aber auch voll zärtlich glimmender Sanftheit in der Fürsorge zu ihren Kindern. Mit dem großen Alfred Kerr bleibt zu sagen: Eine Menschenleistung hat man erblickt. Fürs Leben.
Das Frankfurt- und Rollendebüt Stefano La Collas als ungetreuer Pollione fällt viril, machtvoll und seiner Partie gemäß überwältigend aus. (…) Arquez’ Adalgisa-Debüt gelingt stimmlich glühend (…).
Großen Anteil an der druckvollen Darbietung des Trio Infernale hatte Belcanto-Spezialist Antonino Fogliani am Pult, der das Frankfurter Opernorchester anfangs wild befeuert, später aber für den beginnenden Medea-Wahnsinn Normas einen sensiblen Klangteppich bereitet, der ihr größtmögliche Freiheiten gewährt. Foglianis lebhaftes Dirigat beglaubigt diese zweiaktige Tragedia Lirica spielerisch als unerreichten Gipfel der Belcanto-Kunst. Getrieben von dramatischen Zuspitzungen und lyrischen Melismen gleichermaßen, versehen mit einem melodiösen Sog, die tief berührt, auch 187 Jahre nach der Mailänder Uraufführung. Ingyu Hwang ist ein intensiver Flavio, Robert Pomakov ein glaubhaft patriarchaler Orovesco und Alison King eine angemessen zurückhaltende Clotilde. (…)

Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse


(…) Loy, der mit intensiver Personenregie seinen Charakteren wieder sehr nahe rückt, hat die Liebestragödie zeitlos gehalten, die römischen Besatzer in Schaftstiefeln, die gallischen Widerstandskämpfer im Alltags-Look (Kostüme: Ursula Renzenbrink). Es braut sich was zusammen auf klaustrophobisch enger Bühne. Die im Untergrund agierenden Gallier warten nur noch auf das Wort ihrer Anführerin Norma, um losschlagen zu können. Bei steigendem Adrenalin geht auch schon mal ein Stuhl zu Bruch.
Das geschieht in penibler Choreografie, und im großartig auftrumpfenden Chor (Einstudierung: Tilman Michael) hat Loy auch einen jungen Mann platziert, der offenbar nichts vom Krieg hält. Norma verbietet vorerst den Aufstand – aus bekannten Gründen. Schließlich hat sie mit dem Römer Pollione zwei Kinder, der ihrer aber überdrüssig ist und sich einer neuen Eroberung zuwendet. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Dann schlägt Elza van den Heevers große Stunde, denn das ehemalige Frankfurter Ensemblemitglied hat sich dem schmucklosen, drastischen und derben Habitus ihrer Auftrittsformatierung vollkommen anverwandelt. Am Boden hockend, auf Tisch und Stuhl, mit Stühlen um sich werfend, mit den Fäusten um sich schlagend, springend, sich krümmend. Eine Frau in den Trümmern ihres Espressivo-Korsetts alle ihre Mitstreiter an die Wand spielend. Gaëlle Arquez als Adalgisa hat manchmal Gelegenheit, sich diesem Furor zu stellen – vor allem im Solidarisierungsduett „Si, fino all’ore...“. Vorher, bei der Offenbarung ihrer Liebe zu Pollione gelingt dabei Elza van den Heever die schönste Passage mimischer Co-Passion, gedenkend ihres eigenen, vergangenen Glücks.
(…)
Eine schön gedeckte Stimme, zu Beginn teilweise forciert, bot Stefano La Colla als Pollione, und Gaëlle Arquez machte stimmlich und in ihrer zwischen allen Stühlen sitzenden Rolle einen glänzenden Eindruck. Die vokalen und instrumentalen Säulen des Ganzen, der Chor der Oper Frankfurt (Leitung: Tilman Michael) und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester waren makellos. Antonino Fogliani, der 41-jährige Dirigent aus Messina, verstand es, die Brücke von sachter und sentimentaler Diktion zu getragener und harscher Düsternis sowie brennender Kraft zu schlagen.

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau


(…) Den extremen Gefühlen und Handlungen einer Medea und Elektra ist diese Norma ganz nah.
Wie aus der grauen Priesterin des Anfangs eine Frau wird, die den Mut und die ungeheure Kraft hat, sich über alle Grenzen und Lügen hinwegzusetzen und dafür sogar den Tod in Kauf zu nehmen: Das zeigt auch der Regisseur Christof Loy. Er inszeniert das Stück in einem holzgetäfelten Guckkasten von Raimund Orfeo Voigt, der mal bedrückend eng, mal ganz offen wirkt, und wie immer bei Loy sind jene Szenen am stärksten, in denen sich ein detailreich und intensiv gehaltenes Kammerspiel an einem Kollektiv reibt. Letzteres besteht – wie oft bei diesem Regisseur – aus grau gewandeten Statisten und Mitgliedern des vor allem im ersten Akt sehr klangschön singenden Opernchores, die immer wieder zur Kulisse erstarren, wenn vor ihnen die Solisten Arien oder Ensemblesätze singen. Zum Packendsten und psychologisch Subtilsten des Abends gerät das Duett von Norma und Adalgisa und anschließend das Terzett mit Pollione im ersten Akt, bei dem sich die Figuren im engen Raum bewegen wie elektrisch aufgeladene Teilchen, die sich wechselweise anziehen und abstoßen. Zu den feinen Einzelheiten von Loys Inszenierung, die wieder auf spektakuläre Weise unspektakulär, also ganz ohne Effekthascherei und Plakativität daherkommt, zählen die Reaktionen der beiden Kinder Normas, deren jüngeres nur verwirrt ist, während das ältere mehr mitbekommt und darauf mit Trotz und Ablehnung reagiert. Auch die Tatsache, dass im zweiten Akt die Schändung des heiligen Hains durch Pollione mit einer Schändung Adalgisas einhergeht, hat etwas überaus Zwingendes. Im blutigen Kleid ergänzt diese ideal auch die vielfach gebrochene Schlussszene. Norma selbst wird mit ihrer flackernden Fackel den Scheiterhaufen entflammen, auf dem sie sterben soll. Starke Frauen wie sie kann niemand stürzen – außer sie selbst.

Susanne Benda, www.stuttgarter-zeitung.de


(…) Klangschön und rein in den Soli, im Duett mit Norma innigst verschmolzen, pflegt Gaëlle Arquez [Adalgisa] höchste Gesangskunst mit einer inneren Dramatik, die fesselt. (…)

Christiane Franke, www.klassik.com


(…) Die fantastische Elza van den Heever singt die Frankfurter Norma: Darstellerisch eine gesplittete Persönlichkeit zwischen kühl-kontrollierter Volks-Verführerin und leidenschaftlicher Furie, die auch mal unkontrolliert mit Stühlen um sich wirft, aus Rache kurzzeitig sogar ihre Kinder töten will. Doch zu einer Medea wird sie nicht – zu zwiespältig ihre Muttergefühle. Mal bedrohlich, mal überschwänglich zärtlich: Dass die Kinder in diesem Versteckspiel schon einiges gewohnt sind, zeichnet sich in ihrer versteift-verdrucksten Körperhaltung ab.
Solche tragischen Zwischentöne zu erzählen, ist typisch für den Bühnenpsychologen Christof Loy. Er hat Bellinis pompösen „Gallier gegen Römer“-Stoff auf seinen Kern reduziert – und bietet in Frankfurt  zeitlos-packende Kammerspiele statt archaische Druidenkult- und Römer-Helm-Klischees. Dafür hat ihm Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt einen klaustrophobischen Seelenraum aus dunkler Eiche gezimmert. Die Figuren tragen neuzeitliche Hemdenblusenkleider, graue Anzüge oder schwarze Militärmäntel zu Herrenmenschenstiefeln. Nur eine steht in unschulds-weißem Plisseekleid da: Adalgisa, Normas ahnungslose Gegenspielerin, gesungen von der wunderbaren Gaëlle Arquez (…).

Ursula Böhmer, SWR 2 / Kultur aktuell


(…) Tenor Stefano La Colla ist ein Pollione in bester Belcanto-Tradition. Dennoch beherrscht er nicht nur die Intonationsstufen „an“ und „aus“, ihm gelingen auch Schattierungen, die vom zerrissenen Seelenleben des Soldaten künden. (…)

Manfred Merz, Gießener Allgemeine Zeitung


(…) Loys kammerspielartige, immer präzise auf die textliche und musikalische Situation angelegte und frei von jedem Pathos daherkommende Inszenierung seziert die psychologischen Zustände Normas geradezu rücksichtslos. Wir erleben nicht sie und die Umstände, sondern die Umstände durch ihre Sicht und durch ihr Erleben der Dinge. Sie ist keine druidische Figur aus längst vergangenen Zeiten, mit der wir nichts (mehr) zu tun haben, sondern vielmehr eine, die wir heute auch sein könnten. Eine, die immer sein kann und deshalb berührt

Andrea Richter, www.faustkultur.de


(…) Die Produktion ist derart auf Elza van den Heever in der Titelrolle zugeschnitten, dass eine Umbesetzung bei künftigen Wiederaufnahmen den Charakter der Inszenierung verändern wird. So trifft es sich, dass die Oper Frankfurt ihr ehemaliges Ensemblemitglied für die Reprise in einem Jahr bereits gebucht hat. Wer nicht auf Restkarten spekuliert, wird sich so lange gedulden müssen, denn alle Vorstellungen des Premierenzyklus sind bereits ausverkauft.

Michael Demel, www.deropernfreund.de

Mit Vincenzo Bellini und Gaetano Donizetti vollzog sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Erneuerung der italienischen Oper. Neben der englischen Romantik wurde dafür auch die französische Schauerromantik zum Ausgangspunkt. Für Bellinis Gipfelwerk Norma inspirierte sich sein Librettist Felice Romani, neben Soumets Tragödie von der Kindsmörderin gleichen Titels, auch an Chateaubriands im antiken Gallien spielendem Roman Les Martyrs (1808). Aus einem wilden Kelten-Weib wird bei Romani jedoch eine vielschichtige Frauenfigur: Die Seherin Norma hat sich mit dem Todfeind ihres Volkes eingelassen; sie hat heimlich zwei Kinder mit dem römischen Prokonsul Pollione. Doch Pollione hat sich einer jüngeren Frau zugewandt; zurückbeordert nach Rom, will er die Novizin Adalgisa dorthin mitnehmen. Nachdem Norma aus Verzweiflung beinahe ihre beiden Kinder getötet hätte und sich alle Hoffnungen auf eine Rückkehr Polliones zerschlagen haben, ruft sie die Gallier zum Krieg gegen die Römer auf. Da wird Pollione im heiligen Bezirk des Tempels aufgegriffen. Doch anstatt ihn zusammen mit Adalgisa ans Messer zu liefern, eröffnet Norma ihrem entsetzten Volk, dass sie selbst sich des Fehltritts mit diesem Mann schuldig gemacht hat. Sie endet auf dem Scheiterhaufen.

Die klassizistischen Ideale des »Schöngesangs« verbinden sich bei Bellini mit einer realistischen,  differenzierten Charakterisierung der handelnden Personen. Seiner Titelfigur Norma bescheinigte der Komponist einen »enzyklopädischen « Charakter. Trotz ihrer scheinbar übermenschlichen Statur als Druidin mit prophetischer Kraft — magische Wirkung entfaltet ihr Gebet an die keusche Mondgöttin »Casta Diva« — erleben wir sie als zutiefst menschliche Figur, deren Schicksal uns unmittelbar berührt. Erhabene Würde und heftige Gefühlsausbrüche halten sich die Waage in Bellinis schier unendlichen Melodien, zu deren Bewunderern Giuseppe Verdi ebenso wie Richard Wagner zählte.