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Carmen

Georges Bizet 1838 - 1875

Opéra comique in drei AktenText von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée (1845)
Uraufführung am 3. März 1875, Opéra-Comique, Paris
Nach der kritischen Ausgabe von Michael Rot für die Frankfurter Produktion eingerichtet von Constantinos Carydis
Gesprochene Texte nach Henri Meilhac, Ludovic Halévy und Prosper Mérimée eingerichtet von Barrie Kosky
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Einführung vor jeder Vorstellung eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

Carmen, Zigeunerin Paula Murrihy / Tanja Ariane Baumgartner
Don José, Sergant Joseph Calleja / Luc Robert
Micaëla, Bauernmädchen Karen Vuong / Juanita Lascarro
Escamillo, Torero Daniel Schmutzhard / Andreas Bauer
Moralès / Dancaïro Sebastina Geyer
Remendado, Schmuggler Michael Porter
Frasquita, Zigeunerin Kateryna Kasper / Katharina Ruckgaber*
Merdédès, Zigeunerin Elizabeth Reiter / Wallis Giunta
Zuniga, Leutnant Kihwan Sim

Carmen ist – Statistiken zufolge – die meistgespielte Oper der Geschichte. Doch ausgerechnet ihre Popularität als »das« Liebesdrama aus Leidenschaft verstellt den Blick auf ihr wahres Potenzial. Es mag sowohl am Komponisten wie an der schillernden Titelfigur liegen – Bizets Partitur und seine Titelheldin entziehen sich jeglichen Festlegungen. Carmen gibt ihr Geheimnis nicht preis: Sie weiß nur, dass das Schicksal, dem sie unterworfen ist, unausweichlich ist. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb besteht sie auf ihrer Freiheit, die sie selbst um den Preis ihres Lebens nicht aufgeben will – im Gegensatz zum Sergeanten Don José, der in der Liebe nach Besitz und Dauer strebt. Aus der Unvereinbarkeit beider Geisteshaltungen und Lebensformen entstehen die tragischen Konflikte. José, dessen eifersüchtige Liebe zu Carmen ihn in immer neue Schwierigkeiten bringt, sinkt sozial von Stufe zu Stufe und wird schließlich zum gejagten Banditen. Ein letzter Versuch, mit der Geliebten ein neues Leben zu beginnen, scheitert an Carmens Weigerung, ihm zu folgen. Er ersticht sie.
Die Vorlage, Prosper Mérimées gleichnamige Novelle, spielt mit der französischen Spanienbegeisterung des 19. Jahrhunderts. Die Librettisten Meilhac und Halévy hielten sich zwar zum großen Teil an die Vorlage, erweiterten aber geschickt die Personenkonstellation. Durch diese Eingriffe ergab sich u.a. die Gegenüberstellung der konträren Frauenfiguren Micaëla und Carmen: einer Vertreterin des konservativen Frauenbildes und eine, ganz dem damaligen Klischee der Verführerin entsprechende, Femme fatale, die darüber hinaus auch für Selbstbestimmung und Freiheit steht. Durch unerwartete Brüche zwischen dem bissigen Ton der opéra bouffe und tiefer Tragödie sprengt er die Gattungsgrenzen. Lyrische Momente prallen auf die unheimlichen Revueklänge der Schmuggler in Bizets Musik.

Barrie Koskys Carmen-Inszenierung an der Oper Frankfurt ist kultverdächtig. Frech, rasant, stilistisch eine glitzernd düstere Pracht und explodierend vor sprühenden Varieté-Einfällen kam die Premiere am Sonntag daher. In Paula Murrihy hat Kosky seine ideale Primadonna gefunden, denn die irische Mezzosopranistin kann nicht nur schillernd singen, sondern auch begnadet tanzen und spielen. Joseph Callejas Debüt als Don José war überragend, Karen Vuong eine stimmstarke und berührende Micaëla und Constantinos Carydis dirigierte das Opernorchester mit viel Sinn für kräftige Farben. (…)

Bettina Boyens, www.musik-heute.de


(…) Es sollte eine Carmen werden, „wie man sie noch nie gesehen hat“, prophezeite Regisseur Barrie Kosky vor der Premiere. Und genau so war es denn auch: Wer eine feurige Zigeunerin mit schwarzen Haaren und Ohrringen erwartet hatte, der wurde gewiss enttäuscht von Koskys Frankfurter Neuinszenierung dieses Opern-Klassikers. Kosky, gefeierter Intendant der Komischen Oper Berlin, abstrahiert den Carmen-Stoff fast ganz vom spanischen Kolorit, verzichtet auf überflüssigen Folklore-Tand und überführt die tödlich endende Geschichte um Liebe, Leidenschaft und Eifersucht ins Zeitlose, ins Allgemeingültige. Und das funktioniert hervorragend – dank einer ausgefeilten, von der Musik inspirierten Personenführung, einer überschäumenden Spiellust von Chor, Kinderchor und Solisten, hochkarätigen Gesangsleistungen, einem ebenso grandios wie klanglich feinsinnig aufspielenden Opernorchester und raffinierten Tanzeinlagen.(…) Doch Koskys Carmen-Revue ist keine oberflächliche Unterhaltungsshow. Immer wieder bricht der Ernst ins turbulente Treiben ein – dann, wenn echte Gefühle mit ins Spiel kommen. Und in diesen Momenten laufen die Sänger zur Höchstform auf, allen voran Paula Murrihy in der Titelrolle, die ihre Partie als Femme fatale nicht aufgesetzt, sondern ganz natürlich interpretiert. An ihrer Seite braucht Joseph Calleja als Don José auch keinen übertriebenen Heldentenor zu mimen. Vielmehr nimmt Calleja mit lyrischer Emphase und Ausdruckskraft ein. Mit liebreizender Anmut gibt Karen Vuong das unschuldig in Weiß gekleidete Bauernmädchen Micaëla, und Daniel Schmutzhard verleiht seinem Stierkämpfer Escamillo im Sinne der Regie zuweilen parodistische Züge. Wunderbar quirlig agieren Kateryna Kasper und Elizabeth Reiter als Frasquita und Mercédès. Sebastian Geyer, Michael Porter und Kihwan Sim ergänzten die kleineren männlichen Rollen fabelhaft. Ein Riesen-Kompliment gebührt den Tänzern für ihre akrobatisch-witzigen Einlagen in der Choreographie von Otto Pichler! (…)

Michael Dellith, Frankfurter Neue Presse


(…) unbedingt sehenswerte, bestens unterhaltende Aufführung (…)

Manuel Brug, Die Welt


(…) Herausragende Leistungen boten die von Tilman Michael und Markus Ehmann einstudierten Chor, Extra- und Kinderchor der Oper Frankfurt. Transparenz und Plastizität zeichneten ihre Darbietungen aus. Und nach einem etwas knalligen Auftakt lief das Museumsorchester zur Höchstform auf, wurde von Gastdirigent Constantinos Carydis differenziert und mit Sinn für die vielen Farben in der Partitur Bizets durch den Abend geführt. Diese sicherlich nicht alltägliche Carmen- Produktion sollte man sich nicht entgehen lassen.

Lars-Erik Gerth, Hanauer Anzeiger


(…) Schon zum Auftakt ein Überraschungscoup: Dirigent Constantinos Carydis legt ohne Umschweife, in scharfem Tempo los. Bringt so mit dem temperamentvoll aufspielenden Opern- und Museumsorchester schon Stimmung ins hohe Haus, wenn das Publikum noch mit sich selbst beschäftigt ist. Musikalische Leichtkost scheint hier Chefsache, zudem Musikern verordnet, die den spanischen Akzent schätzen, die vielen tänzerischen Einlagen perfekt abfedern und bei großen Gefühlen instrumental gesunde Schärfe einbringen. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Gänsehaut, Jubel, Glück.

Wertung: TOLL

Josef Becker, Bild Frankfurt


(…) Regisseur Barrie Kosky und Dirigent Constantinos Carydis arbeiten für Frankfurt mit einer besonderen Fassung. Bizet hat insgesamt zehn Fassungen der Carmen hinterlassen, Chöre und die Couplets, Arien immer wieder überarbeitet.
Die neue Frankfurter Fassung ist nun eine Art Kompilation aus allen 10 Fassungen. Eine fassungsübergreifende Version, die sich nicht an die Moden und Eingriffe des Theaters zu Zeiten Bizets hält. (…)

Natascha Pflaumbaum, Deutschlandradio Kultur / Fazit


(…) Bizets Carmen gibt es in Frankfurt nicht als große Oper, die in einer verfetteten Rezitativfassung berühmt geworden ist. Auch nicht mit den für die Gattungstradition der „Opéra comique“ konstitutiven Dialogen. Regisseur Barrie Kosky lässt eine Frauenstimme (Claude De Demo) aus dem Off Französisches raunen, zusammengestellt aus Operntext und Prosper Mérimées Carmen-Novelle. Das unterbricht sogleich mit Witz und Sexappeal die Nummernrevue, die sich auf der von Katrin Lea Tag gestalteten Bühne abzeichnet. Carmen ist Conférencière in dieser Show und erwartet ihr Publikum auf einer Treppen-Tribüne im Kostüm des Toreadors.

Volker Milch, Darmstädter Echo


(…) Neben dem oratorisch Monumentalen behauptete sich auf der Bühne das spektakelnde Entertainment in vielen Facetten bis hin zum Musical. Das wurde virtuos unterfüttert auch mit einer Riege von hochprofessionellen Tänzern (Choreographie: Otto Pichler), die sich auffällig oder unauffällig ins Vokalensemble mischten. Mit umwerfender Brillanz geschah das bei zwei Nummern des 2. Aktes, dem rauschhaft gesteigerten Eingangsterzett und dem flinken Schmugglerquintett. Beides für sich stehende Hochglanz-Divertissements. Auch ein Argument: Endlich einmal wieder richtig schöner und gut platzierter Tanz in der Oper!
In der Person Carmens vereinigten sich die extremen Aspekte des interpretatorischen Zugangs. Wie eine Showbiz-Diva wechselte die Titeldarstellerin Paula Murrihy von Szene zu Szene ihr Image und ihre Gewänder. Am verblüffendsten vor ihrem Tod das schwarze Kleid mit der über die halbe Treppe ausgebreiteten Riesenschleppe – ein Schauwert mit überdeutlichem Symbolrand. Koskys Carmen-Bild geht von der „ewigen Verführerin“ aus (Schwester von Salome, Lulu etc.), weshalb die Hauptfigur im letzten Aufführungsmoment wieder lebendig wird und achselzuckend ins Publikum grüßt: Bin nicht totzukriegen.
Paula Murrihy realisiert sängerisch und tänzerisch eine eher proteushafte Magie, vermittelt sich damit als eine Virtuosin ersten Ranges. Staunenswert auch die mühelose tenorale Substanz des Don José von Joseph Calleja, die durchaus auch den Passionsweg der Figur bis hin zu den unermüdet kraftvollen, aber vehement schmerzerfüllten Schlusssequenzen widerspiegelt.
Daniel Schmutzhard kann seinen Escamillo-Machismo fast ungebrochen, wenn auch ohne knallende Baritonpräsenz, vorzeigen und lässt sich bei seinem ersten Hurra-Auftritt wie Frank Sinatra von einer Schar dekorativer Side Singers umringen. Exterritorial die in wunderbarer lyrischer Ebenmäßigkeit intonierende Karen Vuong als Micaela – eine in Weiß gekleidete Unschulds-Ikone ohne wirkliche Berührung zum Drama um Carmen und José (alles Rollendebüts!). (…)

Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau


(…) Ein Carmen-Maßstab – mehr als nur die Reise nach Frankfurt wert.

Wolf-Dieter Peter, www.nmz.de (neue musikzeitung)


(…) Vorhänge gibt es nicht. Das leistet unter der Anleitung von Joachim Klein die Lichtregie, die im Konzept von Regisseur Barrie Kosky eine unverzichtbare Rolle einnimmt. Das Licht lenkt im vornehmlich schwarz-weiß-gefärbten Raum den Blick, beschreibt Atmosphärisches in der Schattierung von Grau über sonnigem Gold bis hin zu greller Weißfärbung, zeigt Zusammenhänge im Geschehen und bietet Tiefenschärfe auf Details, die sich vor allem in der Mimik und Körpersprache der Darsteller zeigen. Farblich gibt es nur Tupfer, jedoch dann grell und eindeutig, die unmissverständlich die Beziehung von Carmen zu ihren Männern klarstellen. (…)

Christine Franke, www.opernnetz.de


(…) Mit lasziver Überlegenheit singt Paula Murrihy ihre Carmen. Murrihy ist kein feuersprühendes Südländerinnen-Klischee, sondern rothaarig-hellhäutiger Diven-Wechselbalg. Mal im pinken Torrero-Outfit, mal in Männerhemd und Schlips, mal im fransigen 20er Jahre-Kleid, ist sie schillernde Projektionsfigur, braucht immer den großen Auftritt – macht sich dafür gern auch mal zum Affen-Clown: Im Gorilla-Kostüm gibt sie den Fabrikarbeiterinnen anfangs Zucker. Bühnenbildnerin Katrin Lea Tag hat ihr dafür eine raumfüllende Revue-Treppe ins Frankfurter Opernhaus gestellt, auf der fortan auch die tödliche Dreiecksgeschichte um Carmen, den braven Sergeanten Don José und den Macho-Torero Escamillo tatsächlich „Revue passieren“ wird. Denn Regisseur Barrie Kosky stellt ihnen immer wieder sechs Tänzerinnen und Tänzer an die Seite, die hier, angelehnt an 20er Jahre-Shows, gekonnt Arme und Beine schwingen. (…)

Ursula Böhmer, SWR 2 / Kultur aktuell


(…) Als Kontrast zum Geschehen auf der Bühne entwickelt sich die Musik im Graben. Obwohl Carydis wie ein Berserker durch die Ouvertüre prescht, fängt der Dirigent die Stimmung des Stücks hernach superb ein. Er kennt jede Nuance und auch die Intention des Komponisten, der ja genaue Spielanweisungen in die Partitur schrieb.
(…)
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt gleichermaßen motiviert und facettenreich, es gibt sich der dynamischen Musik und seinem Dirigenten hin. Carydis lässt die Instrumentalisten fast nie zu laut werden, wenn die Sänger an der Rampe brillieren wollen, und tut alles dafür, dieser Carmen impulsives Leben einzuhauchen. Es hat Klasse. (…)

Manfred Merz, Gießener Allgemeine Zeitung


(…) Paula Murrihy gibt ihr [der Partie der Carmen] eine ausdifferenzierte Stimme, die flexibel ist, mal groß, vor allem weich, kräftig, geschmeidig, eine Stimme, aus der man in jeder Sekunde ein Gefühl ablesen kann. Murrihy singt diese Carmen-Partie wie ein Lied, in feiner Ausgestaltung, auf einen langen Atem gesetzt, wortfeilend. Und Joseph Calleja, Don José, stimmt in diese feinsinnige Art ein, er gibt den sensiblen Counterpart: sensibel, nie schmetternd, mit klarer Diktion und in fantastischer Disposition. Seine Höhe hat Strahlkraft und Schönheit und vor allem Natürlichkeit.
(…)
Alles das wäre aber nichts ohne Constantinos Carydis, den Klangmagier am Pult des Frankfurter Museumsorchesters, der diese Carmen seriös, klar, durchsichtig und mit großem Volumen aufbrausen lässt. Er dirigiert große Lautstärken: nie plump; malt überraschende Farben: ohne Kitsch; setzt auf große dynamische Kontraste und bleibt dabei so analytisch, als dirigiere er einen Kammermusikabend. Es ist, als setze er die Streicher und Bläser seines Orchesters auf verschiedene Ebenen, um so einen skulpturalen, dreidimensionalen Klang zu erzeugen. Carmen in der Frankfurter Fassung ist eine Entdeckung: inspirierend, unterhaltsam, zu Herzen gehend und mitreißend.

Natascha Pflaumbaum, BR-Klassik / Allegro


  (…) Das Orchester musizierte unter Constantinos Carydis mit einer kammermusikalischen Intimität und vehement schubkräftig im schmissigen Hispanisieren der Partitur.
(…)
Die Frankfurter Aufführung verwendet erstmals überhaupt den von Bizet ursprünglich vorgesehenen Schluss und verzichtet auf die nachträglich für die Uraufführung 1875 komponierten Rezitative. Stattdessen greift sie zum gleichsam Brecht’schen Verfremdungsmittel aus dem Off eingelesener Erzähltexte in Französisch. Das geht auf – ein brillant sprühender Abend von zeitlosem Zuschnitt.

Stefan Michalzik, Hessische / Niedersächsische Allgemeine Zeitung Kassel


(…) Bizets Carmen ist als opéra comique wiederentdeckt. Das Frankfurter Haus tobt. Zu Recht!

Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg

Ihre Auswahl

Sonntag
03. Juli 2016
Beginn
19.00 Uhr
Dauer
ca. 3 1/2 Stunden inkl. einer Pause
Ort
Opernhaus
Preise
A

Besetzung

Musikalische Leitung
Sebastian Zierer
Regie
Barrie Kosky
Bühnenbild und Kostüme
Katrin Lea Tag
Licht
Joachim Klein
Choreografie
Otto Pichler
Dramaturgie
Zsolt Horpácsy
Chor
Tilman Michael
Kinderchor
Markus Ehmann
Carmen , Zigeunerin
Tanja Ariane Baumgartner
Don José, Sergeant
Joseph Calleja
Micaëla
Juanita Lascarro
Escamillo, Torero
Andreas Bauer
Morales / Dancaïro
John Brancy
Remendado, Schmuggler
Michael Porter
Frasquita, Zigeunerin
Katharina Ruckgaber
Mercédès, Zigeunerin
Wallis Giunta
Zuniga, Leutnant
Kihwan Sim
Tanz
Johanna Berger, Madeline Ferricks-Rosevear, Veronica Bracaccini, Michael Fernandez, Christopher Basile, Rouven Pabst
Stimme von Carmen
Claude de Demo

Chor und Kinderchor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester